Ingrid
Als ich den Hof betrete, sehe ich Ingrid, die gerade einen Korb mit Rüben von der Wasserpumpe wegträgt. Sie trägt dieselbe praktische Kleidung wie gestern – Jeans, kariertes Hemd, Gummistiefel – und ihr blondes Haar ist zu einem lockeren Zopf geflochten.
„Alex!“ ruft sie überrascht. „Schon wieder hier?“
„Das Brot von gestern war zu gut,“ sage ich mit einem Lächeln. „Ich musste mehr haben.“
Sie lacht – dieses warme, kehliges Lachen, das mir schon gestern aufgefallen ist. „Mama hat gerade frisches gebacken. Komm mit.“
Ich folge ihr zur Küche, die mir nun schon vertraut vorkommt. Liv steht am Herd, nimmt gerade ein Brot aus dem Ofen. Sie blickt auf, als wir eintreten.
„Der Deutsche,“ sagt sie und nickt zur Begrüßung. „Dir hat es also geschmeckt?“
Astrid
Hinter mir höre ich Schritte auf dem Holzsteg. Dann eine Frauenstimme.
„Enjoying the view?“
Ich drehe mich um. Eine Frau steht da, vielleicht Anfang dreißig, schlank, mit dunklen Haaren, die ihr locker auf die Schulter fallen. Sie trägt Jeans und einen grauen Pullover, über dem eine Schürze gebunden ist. Ihre Augen sind so grün wie der Fjord und mustern mich neugierig.
„Ja,“ sage ich. „Es ist wunderschön hier.“
Sie lächelt. „You must be Alexander. The German.“
Wieder bin ich überrascht. „News really does travel fast around here.“
Sie lacht, ein helles, klares Lachen. „It’s a small village. I’m Astrid. Astrid Haugland. This is my place.“ Sie deutet auf das Gebäude hinter uns.
„Das Fjellgård?“
„Yes. Hotel and café. Not that we get many guests this time of year.“ Sie setzt sich neben mich auf den Steg, allerdings mit gebührendem Abstand. „What brings you to Gryteselv, Alexander? Most tourists come in the summer.“
„Ich bin kein Tourist,“ sage ich. „Ich… bleibe eine Weile. Und bitte, nenn mich Alex.“
Sarah
Die Galerie liegt zwischen einem Antiquitätenladen und einem kleinen Café. „Tidemarks Gallery“ steht auf einem abgewetzten Holzschild, das sanft in der Brise schaukelt. Durch das große Fenster sehe ich Gemälde, die Licht einfangen und zurückwerfen. Ohne nachzudenken, drücke ich die Tür auf. Eine Glocke bimmelt leise.
Der Raum riecht nach Leinwand, Farbe und einer Spur von Räucherstäbchen. Nicht aufdringlich, nur ein Hauch, der sich mit dem Salzgeruch vermischt, den ich noch in der Nase habe. An den weiß getünchten Wänden hängen Gemälde des Meeres, aber nicht die typischen Postkartenmotive, die Touristen lieben. Diese hier zeigen das Meer in all seinen Stimmungen – wütend, sanft, geheimnisvoll.
Ich bleibe vor einem großformatigen Bild stehen. Es zeigt eine Welle, kurz vor dem Brechen. Der Künstler hat den Moment eingefangen, in dem sich das Wasser aufbäumt, durchscheinend und massiv zugleich. Ich spüre fast das Donnern in meinen Ohren.
„Die meisten Leute starren mindestens fünf Minuten auf dieses Bild, bevor sie was sagen.“ Die Stimme hinter mir klingt amüsiert.
Emily
Sie bemerkt mich erst, als ich nur noch etwa zwanzig Meter entfernt bin. Hebt den Kopf, schirmt die Augen mit der Hand ab. Dann winkt sie kurz, so ein halbes Heben der Hand. Ich winke zurück, fühle mich plötzlich verlegen. Was mache ich hier eigentlich?
„Guten Morgen“, ruft sie rüber. Ihre Stimme ist klar, trägt über das Rauschen der Wellen.
Begegnung mit Juliette
„Entschuldigen Sie, darf ich?“ Eine Stimme unterbrach meine Gedanken. Ich blickte auf und sah sie zum ersten Mal. Sie hatte einen Stapel von Skizzenbüchern unter dem Arm und einen unaufdringlichen Charme, der mich sofort neugierig machte. Ihre Augen waren dunkel, voller Leben, und ein wenig herausfordernd. „Hier scheint die Sonne gerade perfekt zu sein,“ erklärte sie und deutete auf den Stuhl gegenüber.
Ich nickte und machte eine einladende Geste. „Selbstverständlich.“
„Juliette,“ stellte sie sich vor, als sie sich setzte.
Der Schatten von Bernadette
Das Au Lapin Agile hatte an diesem Abend etwas Geheimnisvolles, fast Unheimliches. Die Wände, behangen mit verblassten Fotografien und Gemälden, wirkten wie Augenpaare, die jede Bewegung im Raum still beobachteten. Kerzenlicht flackerte über die Tische, und der schwere Duft von Rotwein und altem Holz füllte die Luft. Die Atmosphäre war gemächlich, ein angenehmes Murmeln lag über dem Raum – bis sie eintrat. Ich bemerkte sie sofort. Sie war nicht laut, nein, ihr Auftreten war leise, aber es zog die Blicke an, wie eine plötzliche Windböe, die durch einen stillen Raum fegt. Ihre Silhouette zeichnete sich gegen das warme Licht der Eingangstür ab, eine schlanke Gestalt mit einem schwarzen Mantel, der wie ein Schatten an ihr herabfloss. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, fast katzenhaft, und ihre Augen – dunkel, unergründlich – suchten den Raum ab, bevor sie sich wie zufällig auf mich legten.
Der ewige Regen
Der Regen hört nie auf. Er fällt wie ein endloser Vorhang aus kaltem Wasser, der die Welt verschluckt hat. Die Straßen von London sind Flüsse, ihre Strömungen tragen Abfall, Wracks und die letzten Reste einer vergessenen Zivilisation fort. Wir leben auf dem Dach des Shard, das wie eine einsame Insel aus dem Wasser ragt. Es ist unser Zufluchtsort, aber es fühlt sich mehr wie ein Gefängnis an.
Die Stadt unter der Erde
Die Luft in unserem Bunker riecht nach Schimmel und Angst. Sie ist schwer, fast greifbar, als würde sie sich in unseren Lungen festsetzen und uns daran erinnern, dass wir hier unten nicht wirklich leben – wir überleben nur. Der Gestank kommt von den Pilzen, die wir auf alten Büchern züchten. Die Seiten, einst voller Geschichten und Wissen, sind jetzt von feuchten, weißen Fäden überzogen, die wie Spinnweben aussehen. Manchmal frage ich mich, ob die Bücher uns verfluchen, weil wir ihre Worte zerstört haben, um zu überleben.







