Der Morgen begann nicht
Der Morgen begann nicht, er stürzte ein.
Als Paul die Augen öffnete, war das Zimmer schon gegen ihn. Das Licht, das durch die Gardine sickerte, hatte die Farbe von abgestandenem Spülwasser, und irgendwo in der Wand tickte etwas, das keine Uhr war. Sein Wecker lag auf dem Boden, verstummt wie ein erschossenes Tier. 7:43. Er hätte um sieben im Büro sein müssen. Natürlich. Der Tag hatte also bereits eine Leiche.
Wasserkocher
Er steht in der Küche und wartet, dass das Wasser kocht. Der Wasserkocher klingt, als nehme er die Sache persönlicher als nötig. Auf der Arbeitsplatte liegt eine halbierte Zitrone, eingetrocknet am Rand, daneben eine Tasse mit einem Sprung im Henkel, den man nur sieht, wenn das Licht schräg reinfällt. Draußen fährt ein Bus vorbei. Irgendwo im Haus lässt jemand etwas fallen. Es ist alles klein, alles gewöhnlich, alles so unerquicklich normal, dass es beinahe beleidigend wirkt.
Roter Faden auf grauem Asphalt
Ich stehe. Muss ich sagen. Die Füße sind schwer, der Asphalt zieht die Kälte hoch. Es ist diese Art von Licht, die alles grau macht, selbst das bisschen Hoffnung, das man noch im Sack hat. Ein Himmel wie nasses Tuch.
Salz auf der Zunge
Der Himmel ist ein einziger, grauer Klumpen. Er hängt tief, so tief, dass ich ihn fast schmecke, dieses metallische, nasse Versprechen von mehr Regen. Ich stehe hier, auf diesem nassen, glitschigen Beton, der ins Meer abfällt. Eine alte Slipanlage, mehr ist das nicht. Der Wind zieht durch die Klamotten, kalt und salzig. Das ist das Erste, was ich rieche: Salz und Moder, das stinkt nach Ebbe und nach dem, was das Meer nicht mehr will.
Der Ereignishorizont der Asphalt-Entropie
Das Licht, das mich umgab, war kein Licht der Hoffnung, sondern ein toxisch-oranges Leuchten, das schmeckte wie eine Mischung aus verbranntem Kupfer und der Säure, die sich im Magen eines Sterbenden ansammelt. Es war das Licht, das aus dem Ereignishorizont des Himmels kroch, wo die Sonne, ein vergessener Gott, nur noch eine riesige, krebsartige Wunde war, die sich über die kybernetischen Narben der Skyline ausbreitete. Die Luft war kein Medium zum Atmen, sondern eine zähe, ölige Suspension, die sich wie eine zweite, schwere Haut auf meine Netzhaut legte und das Geräusch der Stille in ein tiefes, resonantes Dröhnen verwandelte, das in den Fraktalen meiner Knochen nachhallte.
Wo das Wasser endet
Der Regen ist ein Arschloch. Er trommelt auf meinen Schädel, als wollte er mir den letzten klaren Gedanken aus dem Hirn prügeln. Jeder Tropfen ein kleiner, kalter Schlag. Die Straße ist kein Asphalt mehr, sondern ein träger, schlammiger Fluss, der alles verschluckt. Meine Schuhe sind längst durchnässt, ein unangenehmes, schwammiges Gefühl bei jedem Schritt. Scheißegal.
Mit Claire im le petit-rien
Der Geruch von altem Holz und abgestandenem Bier klebt in der Luft, ein schwerer, ehrlicher Duft, der sich in die Dielen gefressen hat. Ich stehe hier, die Hände auf dem rauen Tresen, und starre in das gleißende Nichts am Ende des Raumes. Es ist das „Le Petit Rien“, das „kleine Nichts“, und der Name ist heute Programm.
Die Stadt der Totengräber
Ich bin wieder unterwegs. Muss ich ja. Die Straße hier, die ist aus altem, nassem Pflasterstein. Sie glänzt schwarz, schluckt das wenige Licht, das durch diesen dicken, grauen Himmel sickert. Es ist nicht viel Regen, eher so ein feiner, kalter Sprühnebel, der sich überall festsetzt. Ich ziehe den Kragen meines Mantels hoch, obwohl es eh nichts bringt. Der Stoff ist schon durch, saugt die Feuchtigkeit auf wie ein alter Schwamm.







