Tagebuch der Unrast

Zwischen Dämmerung und Papier entstehen meine Welten
Romane, die sich wie Träume anfühlen. Gedanken, die nachhallen. Geschichten, die fragen, was bleibt.
Ich schreibe, weil Worte manchmal näher an der Wahrheit sind als das, was wir sehen.
Meine Geschichten bewegen sich zwischen dystopischer Klarheit und traumhafter Unschärfe. Ich liebe das Unerklärliche – und die Momente, in denen Sprache plötzlich etwas sichtbar macht, das vorher nur Gefühl war.
Wenn du zwischen den Zeilen gern wanderst: Willkommen. Du findest hier Kurzgeschichten, Auszüge und Arbeitsversionen meiner Romane.
Supermarkt nach Mitternacht
Ich stehe vor den automatischen Glastüren, die sich mit einem leisen Zischen vor mir öffnen. Kälte schlägt mir entgegen, diese spezielle Supermarktkälte, die irgendwie anders ist als die normale Nachtkühle draußen. Es ist kurz nach Mitternacht, und der Laden ist fast menschenleer. Warum ich hier bin? Keine Ahnung. In meinem Kopf gibt es nur den vagen Gedanken, dass ich etwas Wichtiges besorgen muss, aber was genau, das weiß ich nicht.
Der Umweg
Ich gehe durch die Stadt, die nicht meine ist, aber irgendwie auch doch. Die Straßen sind breiter als gewöhnlich, und die Häuser scheinen in ungewohnten Winkeln zueinander zu stehen. Es regnet nicht, aber der Himmel droht damit. Ein grauer, schwerer Himmel, der auf die Dächer drückt wie ein nasser Lappen. Mein Hemd klebt an meinem Rücken, obwohl es nicht heiß ist.
Finja – Projekt Mnem
Ich wache auf und die Welt riecht nach Pisse und kaltem Schweiß. Meine Augen brennen, als würde jemand Sand reinstreuen. Das Licht, das durch die kaputten Jalousien fällt, ist schmutzig gelb. Zone 6 halt. Hier ist selbst das Sonnenlicht dreckig.
Meine Haut juckt. Überall. Die Narben auf meinem Arm fangen wieder an zu pochen, als wären sie frisch. Ich kratze nicht. Hab gelernt, dass es nur schlimmer wird.
Der Wecker zeigt 14:30. Scheißegal. Zeit spielt hier keine Rolle. Nur das Überleben zählt.
Das ungewöhnliche Angebot
Ich stehe an einer Straßenecke, die mir vage bekannt vorkommt. Die Sonne brennt auf den Asphalt, der unter meinen Füßen zu beben scheint. Das Licht bricht sich in den Fenstern der gegenüberliegenden Häuserfront – tausend kleine Sonnen, die mich blenden, wenn ich den Kopf drehe. Ist das die Budapester Straße? Oder bin ich in einer anderen Stadt? Die Konturen verschieben sich, sobald ich genauer hinsehen will.
Farida – Keine Haut vergisst
Ich wache nicht auf, ich schalte nur um. Von der einen Stille in die andere. Keine Stimme, kein Geräusch außer dem Knacken der Wand hinter mir, die nachts atmet, als wäre sie ein lebendiger Organismus. Feuchtigkeit sammelt sich in den Fugen. Manchmal tropft sie auf den Boden, als zähle jemand Sekunden rückwärts.
Ich sitze im Flur, Rücken an der Wand, eine Zigarette zwischen den Fingern, die ich nicht rauche. Es geht nicht ums Rauchen. Es geht ums Halten. Um irgendwas, das nicht wegrutscht.
Die Tattoos auf meinen Armen ziehen leicht. Als würden sie sich bewegen …
Nachtzohne
Ich sitze da, die Wand im Rücken. Kalt, feucht, rau wie die Blicke, die man nicht mehr austauscht. Der Regen hat nachgelassen, aber das Wasser klebt noch in meinen Haaren, in den Nähten meiner Jacke, in meinem Nacken. Die Mauer hinter mir ist alt, zerfressen, wie alles hier. Beton, Ruß, Moos. Und dazwischen: ich.
Man hat uns vergessen. Oder verdrängt. Wahrscheinlich beides. Seit der Dritte Rückzug ausgerufen wurde, ist es still geworden hier unten. Keine Durchsagen mehr. Keine Evakuierungen. Kein Licht.
Schweigend durch die Zone
Der Staub klebt. Überall. Naia spuckt aus. Schmeckt nach Metall.
Die Zone hat keinen Namen mehr. Braucht keinen. Ist einfach da. Grau. Tot. Vergessen.
Sie findet das Gerät zwischen Schrott. Blinkt einmal. Wie ein Herzschlag. Dann nichts.
Ihre Finger sind rau. Kalt. Das Ding ist warm. Zu warm.
Vor ihr: Ruinen. Hinter ihr: Nichts.
Sie geht.
Der vertauschte Mantel
Ich stehe im Eingang eines Cafés, das ich noch nie zuvor gesehen habe. Es regnet. Nicht stark, aber beharrlich, dieser feine Sprühregen, der die Haut durchnässt, bevor man es überhaupt bemerkt. Ein Tropfen läuft mir vom Haar in den Nacken, kalt und unangenehm. Ich schüttle mich leicht und trete ein.
Der Geruch von Kaffee und etwas Süßem schlägt mir entgegen. Zimt vielleicht, oder Kardamom. Es ist warm hier drinnen, fast zu warm nach der kühlen Nässe draußen. Die Luft fühlt sich dick an, wie ein Tuch, das sich um meine Schultern legt. Mein Mantel – ein dunkelblauer Wollmantel, den ich seit Jahren trage – fühlt sich plötzlich schwer und unnötig an. Die Wolle kratzt am Hals.






