Was ein Gegenstand noch leisten kann
In einer funktionierenden Welt hängen an Dingen viele Bedeutungen. Ein Auto kann Erfolg ausdrücken. Eine Jacke Geschmack. Ein Telefon Zugehörigkeit. Nach dem Zusammenbruch werden diese Bedeutungen von einfacheren Fragen verdrängt: Hält die Jacke warm? Ist die Flasche dicht? Lässt sich die Dose öffnen?
Die Veränderung ist brutal, weil sie keinen Abstand zulässt. Jonas kann über Verlust nachdenken, aber er muss zugleich Wasser finden. Er kann sich an sein früheres Leben erinnern, aber die Erinnerung trägt den Rucksack nicht. Sein Körper verlangt Antworten, die keine Theorie ersetzen kann.
Dadurch bekommen kleine Entscheidungen Gewicht. Ein zusätzlicher Gegenstand kann nützlich sein und trotzdem zu schwer. Ein Umweg kann Sicherheit versprechen und zugleich den letzten Rest Kraft kosten. Selbst ein leichter Rucksack ist kein Grund zur Erleichterung, wenn er vor allem deshalb leicht ist, weil kaum noch Essen darin liegt.
Der Verlust der Selbstverständlichkeiten
Mich interessiert an dieser Ausgangslage die Nähe zum Gewöhnlichen. Eine Wasserflasche muss nicht erklärt werden. Jeder kennt ihr Gewicht, das Knacken des Plastiks und das Gefühl, wenn der erste Schluck den trockenen Mund erreicht. Im Roman verändern sich die Bedingungen, unter denen dieser vertraute Gegenstand benutzt wird.
Plötzlich steht hinter jedem Schluck die Frage nach dem nächsten. Hinter jeder Mahlzeit ein Morgen, für das noch nichts vorhanden ist. Selbst Ruhe verliert ihre Unschuld: Wer sitzen bleibt, spart Kraft und verliert Tageslicht.
Jonas beginnt seinen Weg deshalb ohne große Gewissheit. Es gibt Gerüchte über einen Wald im Süden. Mehr hat er nicht. Aber ein ungesichertes Ziel kann für einen Menschen, der alles andere verloren hat, immer noch genug sein, um aufzustehen.
»Das kalte Versprechen« von Alexander Strasser. Weitere Einblicke und Neuigkeiten zum Roman auf https://alex-strasser.de/










