Sie nannten sie die Klaren — Menschen, deren Augen jede Lüge durchdrangen, aber dafür ihre eigene Farbe verloren hatten. In der Stadt der spiegelnden Fassaden war Empathie zur Krankheit erklärt worden. Wer zu viel fühlte, wurde „kalibriert“: ein Eingriff, der Emotionen auf ein erträgliches Minimum reduzierte.
Doch dieses Paar hatte es versäumt, rechtzeitig zur Kontrolle zu erscheinen. Zu beschäftigt damit, heimlich Erinnerungen zu retten — Lachen in stillgelegten U-Bahn-Schächten, den Geruch von nassem Asphalt, das Zittern einer Hand auf fremder Haut. Sie wussten, dass die Drohnen bald kommen würden. Und trotzdem blieben sie.
Der Mann trug das Zeichen der Klaren schon auf der Wange – die Haut leicht kristallin, als würde sie von innen heraus gefrieren. Die Frau aber strahlte noch Wärme aus, fast wie ein Leck im System. Wenn sie ihn ansah, schien das Licht um sie beide herum zu flimmern, als könnten sie mit bloßem Blick die Welt umlackieren.
Manchmal, so hieß es in den Untergrundkanälen, könne echte Zuneigung die Zersetzung rückgängig machen. Vielleicht war das nur ein Mythos, ein letztes Stück Hoffnung, das die Regierung noch nicht aus den Köpfen gelöscht hatte.
Aber in dieser Nacht – kurz bevor der Himmel seine Sirenen öffnete – schworen sie sich, nicht angepasst zu sterben, sondern unkalibriert zu lieben.
Und während der Beton über ihnen bebte, flüsterte sie:
„Wenn Gleichgültigkeit das Gesetz ist, dann sind wir das Verbrechen.“










