Verschwimmende Grenzen

Ich schwimme im Ozean, oder vielleicht ist es gar kein richtiges Schwimmen. Es ist eher so ein Treiben, ein Getragen-Werden. Das Wasser umhüllt mich wie eine zweite Haut, dunkelblau und unendlich. Über mir der Himmel, genauso blau, genauso endlos. Manchmal weiß ich nicht mehr, wo der Himmel anfängt, und das Meer aufhört. Die Grenzen verschwimmen.Auf einmal bin ich in meiner Wohnung. Die Tür klemmt wieder, wie immer. Ich rüttle am Türgriff, drücke mit der Schulter dagegen. Nichts. Verfluchtes Scheißding. Als die Tür endlich nachgibt, strömt mir der Geruch von gestern entgegen. Ich hatte Fisch gebraten. Dorade. Hat die spanische Verkäuferin auf dem Markt empfohlen. „Frisch, heute Morgen gekommen.“ Jetzt hängt der Geruch in den Vorhängen, den Möbeln, sogar in meinen Klamotten. Aber irgendwie schmecke ich auch Salz auf den Lippen. Bin ich nicht eben noch im Meer gewesen?Die Küche ist ein Chaos. Ich greife nach dem Wasserglas, aber meine Hand ist nass und glitschig, als wäre ich gerade aus dem Wasser gekommen. Das Glas rutscht mir durch die Finger, zerschellt auf den Fliesen. Tausend kleine Splitter. Scheißtag.Plötzlich klingelt es. Ich trete barfuß auf einen Glassplitter. Ein scharfer Schmerz fährt mir durchs Bein. Ich humpele zur Tür, lasse einen feuchten Fußabdruck auf dem Holzboden zurück. Komisch. Durch den Türspion sehe ich niemanden. Ich öffne trotzdem. Der Flur ist leer, aber auf der Fußmatte liegt ein Umschlag. Darin eine Postkarte. Küstenstraße bei Tarifa, weiße Häuser, ein Leuchtturm. Die Rückseite ist leer.Ich werfe die Karte auf den Küchentisch, zu den anderen Sachen, die sich dort seit Wochen stapeln. Die Luft steht in der Wohnung, drückt auf meine Brust. Ich reiße das Fenster auf, aber statt Straßenlärm höre ich Meeresrauschen. Als ich hinausschaue, sehe ich keine Häuserfassade, sondern endloses Blau. Das Meer ist direkt vor meinem Fenster, als hätte jemand die Stadt weggespült.Die Jalousien klappern im Wind. Salziger Wind, der meine Gardinen aufbläht wie Segel. Ich trete zurück vom Fenster, stoße gegen den Kühlschrank. Er summt vor sich hin, ein monotones Geräusch, das sich mit dem Meeresrauschen vermischt. Bin ich wach? Natürlich bin ich wach. Ich öffne den Kühlschrank. Fast leer. Eine angebrochene Packung Butter, ein verschrumpeltes Stück Käse, eine Flasche Bier. Ich nehme das Bier, setze mich an den Küchentisch, starre auf meine Füße. Der rechte blutet ein bisschen. Ein kleiner roter Fleck auf dem Parkett. Ich sollte ihn wegwischen, bevor er eintrocknet. Sollte überhaupt mal aufräumen.Ich stehe auf, aber nicht um aufzuräumen. Ich gehe zum Fenster, beuge mich hinaus. Das Meer ist immer noch da, unendlich weit. Der Wind fährt mir durchs Haar, bringt den Geruch von Salz und Tang mit sich. Ich könnte einfach springen, ins Blaue. Würde ich fallen oder schwimmen? Lächerlicher Gedanke. Natürlich würde ich fallen. Das Telefon klingelt. Ein schrilles, ungeduldiges Geräusch, das die Stille zerreißt. Ich lasse es klingeln. Einmal, zweimal, dreimal. Beim vierten Mal gehe ich ran.“Hallo?“Nichts. Nur Rauschen. Wie vom Meer. Oder ist es das Rauschen einer schlechten Verbindung? Ich lege auf. Sofort klingelt es wieder. Diesmal gehe ich nicht ran. Lass es klingeln. Es hört irgendwann auf.Die Wohnung kommt mir plötzlich klein vor, zu eng. Die Wände rücken näher, der Plafond senkt sich. Ich muss raus. Ziehe Schuhe an, greife nach den Schlüsseln. Der Schlüsselbund fühlt sich seltsam an in meiner Hand, die Metallzacken drücken sich in meine Handfläche. Spitz wie kleine Fische.Draußen ist es gleißend hell. Die Sonne steht hoch am Himmel, brennt auf den Asphalt. Die Luft flimmert über der Straße. Kein Mensch zu sehen. Alle verstecken sich in klimatisierten Räumen, hinter heruntergelassenen Rollläden. Nur ich bin draußen, schwitzend, geblendet vom Licht.Ich gehe die Straße hinunter, vorbei an parkenden Autos, die in der Hitze brutzeln. Ein Hund bellt irgendwo. Sonst Stille. Nicht einmal Vogelgezwitscher. Zu heiß für die Vögel. Am Ende der Straße ist ein kleiner Park. Ein jämmerliches Stück Grün mitten in der Stadt. Die Bäume stehen reglos, kein Blatt bewegt sich. Der Rasen ist gelb, verdorrt. Ich setze mich trotzdem auf eine Bank im Schatten. Die Holzlatten sind warm unter meinen Beinen.Ein Windstoß fegt durch den Park, wirbelt Staub und trockene Blätter auf. Der Wind riecht nach Meer. Nach Salz und Algen und fernen Küsten. Ich schließe die Augen.Als ich die Augen öffne, sitzt jemand neben mir auf der Bank. Nicht direkt neben mir, ein Stück entfernt. Ein Mann mittleren Alters, braun gebrannt, mit einem verwaschenen T-Shirt und einer Stoffhose, die schon bessere Tage gesehen hat. Er raucht, bläst den Rauch in kleinen Ringen in die Luft.“Heiß heute“, sagt er, ohne mich anzusehen.Ich nicke. „Ja, ungewöhnlich heiß für diese Jahreszeit.““An der Küste ist es besser“, meint er. „Da weht immer eine Brise vom Meer.““Waren Sie kürzlich dort?“, frage ich.Er lächelt. Ein schiefes Lächeln, das seine Augen nicht erreicht. „Ich bin immer dort. Und nirgendwo.“Was soll das heißen? Bevor ich nachfragen kann, steht er auf, wirft seine Zigarette zu Boden, tritt sie aus. Dann geht er, ohne sich umzudrehen. Sein Gang ist merkwürdig wiegend, als wäre er es gewohnt, auf schwankendem Untergrund zu gehen. Wie ein Seemann an Land.Ich bleibe sitzen, beobachte, wie er zwischen den Bäumen verschwindet. Die Hitze macht mich benommen. Vielleicht sollte ich nach Hause gehen, mich hinlegen, ein bisschen schlafen. Aber in der Wohnung ist es noch heißer, stickiger. Ich bleibe, wo ich bin.Ich schließe wieder die Augen, lasse mich treiben.Und dann bin ich plötzlich wieder im Wasser. Über mir der endlose Himmel, unter mir das endlose Meer. Ich lasse mich treiben, spüre, wie die Wellen mich sanft auf und ab wiegen. Es ist ein angenehmes Gefühl, schwerelos, zeitlos. Ich könnte ewig so bleiben.In der Ferne sehe ich Land. Eine Küste, Klippen, weiße Häuser, die in der Sonne leuchten. Ein Leuchtturm. Wie auf der Postkarte. Ich beginne, darauf zu zuschwimmen. Langsam, ohne Eile. Das Land kommt näher, ich kann schon die Menschen am Strand erkennen. Sie winken mir zu, als würden sie mich kennen, als hätten sie auf mich gewartet.Das Wasser wird flacher, ich kann den sandigen Grund unter meinen Füßen spüren. Noch ein paar Schwimmzüge, dann kann ich stehen. Ich wate durch die Brandung, das Wasser reicht mir bis zur Hüfte, dann bis zu den Knien. Der Sand ist heiß unter meinen nackten Füßen, als ich den Strand betrete.Die Menschen kommen mir entgegen. Sie sprechen durcheinander, ihre Stimmen vermischen sich mit dem Rauschen des Meeres. Ich verstehe kein Wort. Sie scheinen aufgeregt zu sein, gestikulieren wild. Einer von ihnen, ein alter Mann mit wettergegerbtem Gesicht, nimmt mich bei der Hand, zieht mich mit sich.“Komm“, sagt er. „Wir haben gewartet.““Worauf?“, frage ich.“Auf dich“, antwortet er, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.Sie führen mich durch enge Gassen zwischen weißen Häusern hindurch. Die Wände sind so weiß, dass sie in der Sonne blenden. Bougainvillea rankt sich über Mauern und Balkone, leuchtet in kräftigem Pink gegen das Weiß. Irgendwo spielt jemand Gitarre, eine melancholische Melodie, die durch die Gassen hallt.Wir kommen zu einem kleinen Platz. In der Mitte steht ein Brunnen, aus dem tatsächlich Wasser fließt. Kristallklar, kühl. Die Menschen drängen mich zum Brunnen, deuten auf das Wasser.“Trink“, sagen sie. „Trink.“Ich beuge mich vor, schöpfe Wasser mit den Händen, trinke. Es schmeckt süß und frisch, wie Wasser aus einer Bergquelle. Aber da ist noch etwas anderes. Ein Nachgeschmack von Salz. Von Meer.Als ich aufsehe, sind die Menschen verschwunden. Der Platz ist leer, nur der Brunnen plätschert noch vor sich hin. Die Sonne steht tiefer jetzt, wirft lange Schatten über den Platz. Ich setze mich auf den Brunnenrand, warte. Worauf, weiß ich nicht.Ein Windhauch streicht über mein Gesicht, bringt den Duft von Jasmin mit sich. Und noch etwas. Gebratenem Fisch. Dorade, mit Knoblauch und Zitrone. Mein Magen knurrt. Ich stehe auf, folge dem Geruch durch die Gassen.Er führt mich zu einem kleinen Restaurant am Rand des Dorfes, direkt an der Klippe. Von der Terrasse aus kann man das Meer sehen, das sich bis zum Horizont erstreckt. Ein paar Tische stehen draußen, mit karierten Tischdecken und flackernden Kerzen, obwohl es noch hell ist. An einem der Tische sitzt der Mann aus dem Park. Er winkt mir zu, deutet auf den leeren Stuhl ihm gegenüber.Ich setze mich zu ihm. Auf dem Tisch steht ein Teller mit Fisch, Dorade, dazu Brot und eine Karaffe Wein. Er schiebt mir den Teller zu.“Iss“, sagt er. „Du musst hungrig sein nach der langen Reise.““Welche Reise?“, frage ich, aber er lächelt nur. Dieses schiefe Lächeln, das seine Augen nicht erreicht.Ich esse. Der Fisch ist perfekt gebraten, saftig, mit einer knusprigen Haut. Das Brot ist frisch, noch warm vom Ofen. Der Wein schmeckt nach Sonne und Erde und Meer.“Schmeckt’s?“, fragt er, als ich fertig bin.Ich nicke. „Sehr gut. Danke.““Gern geschehen. Und jetzt sollten wir gehen. Es wird spät.““Wohin gehen wir?““Nach Hause“, sagt er einfach und steht auf.Ich folge ihm, durch die Gassen, die jetzt im Schatten liegen. Die Häuser sehen anders aus in diesem Licht, geheimnisvoll, fast bedrohlich. Die Bougainvillea ist nicht mehr pink, sondern dunkelrot wie Blut. Niemand ist zu sehen, keine Menschen, keine Tiere, nicht einmal Vögel am Himmel. Nur wir beide, unsere Schritte hallen auf dem Kopfsteinpflaster.Er führt mich zurück zum Strand. Das Meer ist jetzt dunkel, fast schwarz. Die Sonne steht tief am Horizont, taucht alles in goldenes Licht. Am Rand des Wassers steht ein Boot, ein einfaches Fischerboot mit einem geflickten Segel.“Steig ein“, sagt er und hält mir die Hand hin.Ich zögere. „Wohin fahren wir?““Du weißt es“, antwortet er. „Du bist schon einmal dort gewesen.“Ich steige ins Boot. Es schaukelt unter meinem Gewicht, das Holz knarzt. Er stößt uns vom Ufer ab, setzt das Segel. Ein Wind kommt auf, füllt das Segel, treibt uns hinaus aufs offene Meer.Die Küste entfernt sich, wird kleiner, verschwindet schließlich ganz. Um uns herum nur Wasser, über uns der Himmel, der langsam dunkler wird. Die ersten Sterne erscheinen, spiegeln sich im Wasser.“Es ist nicht mehr weit“, sagt er nach einer Weile.“Was ist nicht mehr weit?“, frage ich.Er deutet nach vorn. „Siehst du es nicht?“Ich schaue in die Richtung, in die er zeigt, sehe aber nichts außer Wasser und Himmel. Doch dann, als würde ein Schleier weggehoben, sehe ich es. Eine Insel, nicht groß, mit einem Leuchtturm, dessen Licht über das Wasser streicht. Und Häuser, viele Häuser, die an einem Hang kleben. Weiße Häuser mit blauen Türen und Fensterläden.“Was ist das für ein Ort?“, frage ich, obwohl ich es irgendwie zu wissen glaube.“Dein Zuhause“, sagt er. „Unser aller zuhause.“Das Boot gleitet durchs Wasser, näher zur Insel. Ich kann jetzt Menschen am Ufer sehen, die auf uns warten. Sie winken, rufen etwas, das der Wind davonträgt. Der Leuchtturm schwenkt sein Licht über uns hinweg, für einen Moment sind wir in gleißende Helligkeit getaucht.Und dann, ohne Vorwarnung, kippt das Boot. Ich falle ins Wasser, sinke, tiefer und tiefer. Das Wasser schließt sich über mir, drückt gegen meine Ohren, füllt meine Nase, meinen Mund. Ich strample, versuche zurück an die Oberfläche zu kommen, aber etwas zieht mich hinab. Etwas Starkes, Unerbittliches.Ich öffne die Augen unter Wasser. Es brennt, aber ich kann sehen. Um mich herum schwimmen Fische, silbrig glitzernd im Mondlicht, das durchs Wasser fällt. Sie schwimmen in Kreisen um mich herum, immer enger, immer schneller. Ihre Schuppen blitzen wie kleine Messer.Meine Lunge brennt. Ich muss atmen. Jetzt. Ich öffne den Mund, lasse das Wasser herein. Es schmeckt salzig und bitter und süß zugleich. Wie Tränen. Wie Blut. Wie Leben.Und dann, Stille. Ich sinke nicht mehr. Ich schwebe, treibe. Das Brennen in meiner Lunge ist weg. Ich atme Wasser wie Luft. Die Fische sind verschwunden, oder vielleicht bin ich selbst zu einem Fisch geworden. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es gut ist. Richtig.Unter mir ist Sand, weiß und weich. Darauf liegen Dinge. Gegenstände. Ein Schlüsselbund. Eine Postkarte. Ein zerbrochenes Glas. Erinnerungen an ein anderes Leben. Ein Leben an Land. Ein Leben in einer zu engen Wohnung mit einer klemmenden Tür und einem leeren Kühlschrank.Über mir ist das Wasser, durch das ich das Mondlicht sehen kann. Und Sterne. Unendlich viele Sterne, die sich im Wasser spiegeln, so dass ich nicht mehr weiß, wo oben und wo unten ist. Die Grenzen verschwimmen.Ich lasse los. Lasse mich treiben, wohin das Wasser mich trägt. Es ist gut so. Endlich frei. Endlich zu Hause.Und dann wache ich auf, in meinem Bett, in meiner zu engen Wohnung. Schweißgebadet. Das Laken ist feucht, klebt an meiner Haut. Draußen ist es hell, die Sonne scheint durch die Ritzen der Jalousien.Ich stehe auf, gehe ins Bad, lasse kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen. Im Spiegel sehe ich mein Gesicht. Blass, mit dunklen Ringen unter den Augen. Aber da ist noch etwas anderes. Ein Glitzern in meinen Augen, wie Sonnenlicht auf Wasser. Und ein Lächeln, das ich nicht wiedererkennen kann.Auf meinen Lippen schmecke ich Salz.

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