Sturm

Es regnete seit Stunden. Nicht dieser sanfte, melancholische Regen, der wie ein Schleier über die Landschaft zieht, sondern ein Sturmregen, der gegen die Fenster peitschte und das Rauschen des Meeres übertönte. Moguéran war grau, bis auf das gelegentliche Aufblitzen von Blitzlichtern, die den Himmel wie klaffende Wunden aufrissen. Der Wind heulte durch die engen Gassen, rüttelte an den Fensterläden und warf irgendwo einen losen Dachziegel krachend auf die Straße.

Ich saß auf dem Fußboden des kleinen Zimmers, den Rücken gegen das Bett gelehnt, ein Glas Rotwein in der einen Hand, eine Zigarette in der anderen. Die Luft war schwer, voll von Rauch, Wein und diesem undefinierbaren Geruch von nassem Holz, der vom Balkon hereinzog. Marie stand am Fenster, nackt bis auf einen schwarzen Spitzen-BH, der ihr mehr wie ein Nachgedanke vorkommen musste als eine wirkliche Bekleidung. Sie hielt die Vorhänge leicht zur Seite, schaute hinaus in die tosende Nacht, ihr Profil scharf geschnitten gegen das unruhige Licht draußen.

„Ich liebe das“, sagte sie plötzlich, ohne sich zu mir umzudrehen. Ihre Stimme war ruhig, fast andächtig.

„Was? Regen?“ Ich nahm einen tiefen Zug von der Zigarette, blies den Rauch Richtung Decke. Er kringelte sich träge, bevor er sich im Nichts auflöste.

„Nicht den Regen. Das Chaos.“ Sie wandte sich mir zu, lehnte sich mit einer Schulter gegen den Fensterrahmen. Ihre Haut glänzte leicht, obwohl es im Zimmer nicht wirklich warm war. „Alles ist in Bewegung, nichts bleibt an seinem Platz. So sollte es immer sein.“

„Manchmal ist es ganz gut, wenn die Dinge bleiben, wo sie sind.“ Ich nippte an meinem Wein, versuchte, die Bitterkeit in meinem Mund mit der des Weins zu überdecken. Es funktionierte nicht.

„Langweilig.“ Sie lachte, ein kurzes, scharfes Geräusch, das irgendwie mehr Gewicht hatte als die Worte selbst. „Du bist so festgenagelt. Wie ein altes Gemälde an der Wand.“

„Ein schönes Gemälde“, warf ich ein.

„Vielleicht.“ Sie grinste, setzte sich dann neben mich auf den Boden und griff nach meinem Glas. Ich ließ es los, beobachtete, wie sie einen großen Schluck nahm, ohne eine Miene zu verziehen. „Aber irgendwann verstauben auch die schönsten Bilder.“

„Danke für die Lebensweisheit.“ Ich drehte die Zigarette zwischen den Fingern, bevor ich sie in einem leeren Weinglas ausdrückte. „Bist du hier, um mich zu retten?“

„Vielleicht.“ Ihre Augen funkelten, auch im halbdunklen Zimmer. „Oder um dich ein bisschen zu ruinieren. Beides macht Spaß.“

Ich lachte, aber es klang hohl. Draußen heulte der Wind, ließ die alten Fenster zittern. Ich konnte spüren, wie die Feuchtigkeit durch die Wände kroch, in die Ecken, in die Möbel. Selbst die Luft hatte diesen salzigen, scharfen Beigeschmack, der mich immer an Vergänglichkeit erinnerte.

„Komm“, sagte sie plötzlich, stand auf und streckte mir die Hand hin. Ihre Finger waren schmal, kalt. „Wir gehen raus.“

„Du spinnst. Hast du mal nach draußen geschaut?“ Ich blieb sitzen, sah zu ihr auf, wie sie mit dieser Mischung aus Trotz und Abenteuerlust dastand, die sie immer ein bisschen unberechenbar machte.

„Genau deswegen.“ Sie zog an meiner Hand, stärker, als ich erwartet hatte. „Komm schon, du musst das fühlen.“

„Ich fühle genug. Nasses Chaos brauche ich nicht auch noch.“ Trotzdem ließ ich mich von ihr hochziehen, spürte, wie ihre kalten Finger sich in meine bohrten. Sie grinste wieder, zog mich Richtung Tür, bevor ich noch einen weiteren Protest einlegen konnte.

Der Regen war wie eine Wand. Kaltes Wasser schlug uns ins Gesicht, drang durch Kleidung und Haut, bis wir nur noch nass waren, bis auf die Knochen. Die Straßen von Moguéran waren leer, bis auf ein paar flackernde Laternen und Pfützen, die das Licht wie Spiegel zurückwarfen. Der Sturm hatte die Welt in eine Kulisse verwandelt, in der nur noch wir existierten, nur noch der Regen, der Wind und das unaufhörliche Rauschen des Meeres.

Marie lief vor mir her, ihre Schuhe in der Hand, ihre Schritte unregelmäßig, fast tanzend. Ihr Haar klebte an ihrem Gesicht, ihre Bluse war längst durchnässt und durchsichtig. Sie sah aus wie ein Geist, dachte ich, ein wildes, ungezähmtes Ding, das nicht wirklich hierher gehörte.

„Marie! Warte!“ Ich rief gegen den Wind an, wusste aber, dass sie mich hörte. Sie drehte sich kurz um, lachte, dann lief sie weiter, Richtung Strand. Der Regen machte alles schwer – die Luft, meine Kleidung, meine Schritte – aber ich folgte ihr, weil ich nicht anders konnte.

Der Strand war leer. Natürlich war er leer. Wer außer uns würde bei diesem Wetter hierherkommen? Die Wellen schlugen heftig gegen den Sand, zogen sich zurück, nur um erneut zuzuschlagen. Es war wie ein Kampf, dachte ich, ein ewiger Kampf, den das Meer nie gewinnen oder verlieren konnte.

Marie stand am Ufer, ihre Arme ausgebreitet, als wollte sie den Sturm umarmen. Der Regen prasselte unaufhörlich auf sie herab, machte sie zu einer Silhouette gegen das chaotische Grau der Nacht.

„Das ist es!“ schrie sie gegen den Wind, ihre Stimme voller Leben, voller irgendeiner Emotion, die ich nicht ganz greifen konnte. „Das ist, was ich meine! Fühlst du das?“

„Ich fühle, dass ich nass bin!“ Ich blieb ein paar Meter hinter ihr stehen, die Hände in die nassen Taschen meiner Jacke vergraben.

„Das ist alles, was zählt.“ Sie drehte sich zu mir um, ihr Gesicht glänzte vor Regen und Salz. „Das hier. Der Moment. Mehr gibt es nicht.“

Ich wollte etwas sagen, etwas Schlaues, vielleicht sogar etwas Zynisches, aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Stattdessen sah ich sie einfach an, wie sie da stand, klein und unbändig, wie ein Teil des Sturms selbst. Und für einen kurzen Moment – einen sehr kurzen Moment – verstand ich, was sie meinte.

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