Stories
Der Rheinblick
Ich sitze jeden Morgen hier. Seit dreiundzwanzig Jahren. Immer am gleichen Tisch, immer der gleiche Kaffee, immer dasselbe Fenster. Draußen der Fluss, träge und grau wie ein alter Arbeitshund. Der Himmel heute nicht besser. Die Bedienung, die Lisa, schüttet mir wortlos nach. Kennt mich schon, fragt nicht mehr.
Die Stille der Stadt
Der Regen kriecht mir in den Kragen, läuft am Hals runter. Scheißwetter. Trotzdem bleib ich stehen, starr auf das dunkle Wasser unter der Brücke. Es riecht nach nasser Erde und altem Stein, nach dieser Stadt, die niemals wirklich schläft, sondern nur manchmal die Augen schließt, so wie jetzt.
Der Zeitwächter
Vor mir sitzt ein alter Mann auf den Stufen eines Hauses. Seine Haut ist pergamentartig und faltig, wie eine Landkarte längst vergessener Orte. Er trägt einen abgenutzten hellen Anzug, der einmal elegant gewesen sein muss. Seine Hände ruhen auf seinen Knien, knorrig und geädert wie Wurzeln eines alten Baumes. Er sieht nicht zu mir auf, als ich näherkomme, sondern bleibt in seine eigenen Gedanken versunken.
Das grüne Tor
Ich stehe wieder hier.
Vor diesem verfluchten Tor. Grün wie die Tiefsee, die alles verschlingt. Meine Finger tasten über das rissige Holz, fühlen sich winzig an unter den Blicken der steinernen Kreaturen, die sich links und rechts in den Säulen winden. Löwen? Drachen? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht wusste ich es nie.
Über mir wirft das runde Fenster sein gleißendes Netz aus Licht und Schatten. Staub wirbelt in der Luft, tanzt lautlos in der schwülen Hitze. Ich rieche nassen Stein, altes Holz, eine Spur von Salz, obwohl das Meer weit weg sein muss.
Amalie – Jenseits der Brücke
Der Regen trifft mich wie ein alter Bekannter, der sich nicht entscheiden kann, ob er mich umarmen oder erschlagen will. Ich stehe an dieser Brücke, die nirgends hinführt. Steine, moosig, rau, kalt unter meinen Fingerspitzen. Dahinter die Häuserfronten, dunkel und verschlossen wie die Gedanken, die ich seit Wochen mit mir herumschleppe.
Elina – Im Schatten der Mauern
Ich stehe wieder hier.
An diesem gottverdammten Ort, an dem die Zeit stockt und die Schatten sich wie Katzen in die Ecken schleichen.
Die Mauer. Grau, porös, mit Rissen, die wie alte Narben wirken. Ich fahre mit den Fingerspitzen darüber, spüre das raue Kratzen, das Staubige. Der Geruch von feuchtem Stein, von Moos, von Moder. Als würde das Ding atmen.
Noura – Am Rand der Zone
Ich liege flach auf dem kalten Beton, mein Atem flach, stoßweise. Über mir kreischt irgendwo Metall im Wind. Vielleicht ein loses Schild, vielleicht eine Antenne, die schon längst keinen Empfang mehr hat.
Der Suchscheinwerfer zieht seine brutale Lichtbahn über die Ruinen der Straße. Ich presse mich noch tiefer in den Staub, schmecke den rostigen Nachgeschmack des Schutts.
Ein knisterndes Funkgeräusch. Stimmen. Näher als ich gehofft hatte.
Die gefundene Notiz
Ich sitze im Café gegenüber der Bibliothek und blättere durch das Buch, das ich gerade erstanden habe. Ein alter Schmöker, abgegriffen und mit diesem unverkennbaren Geruch, den nur Bücher haben, die jahrelang in irgendeinem Regal vor sich hin gealtert sind. Zwischen Seite 94 und 95 steckt ein vergilbtes Stück Papier. Meine Finger ertasten es, bevor meine Augen es sehen. Ich ziehe es heraus, entfalte es.







