Stories
Neonherz
Die Nacht begann nicht mit einem Sonnenuntergang, sondern mit einem flackernden Licht.
Ein weißblaues Leuchten zitterte über die regennasse Straße wie ein elektrischer Herzschlag. Lia stand einen Moment still, als würde sie der Stadt erlauben, sie zu erkennen – oder zu übersehen. Ihre Haare hingen schwer auf den Schultern, vom Nebel durchtränkt. Ihr Blick war geradeaus gerichtet, doch in ihren Augen spiegelte sich etwas, das nicht da war: Erinnerung oder Vorahnung – vielleicht beides.
Jenna in der Stadt
Ich kam von Osten, wo die Felder längst aufgegeben hatten. Das Gras war da nur noch Erinnerung, verbrannt und gebleicht wie alte Zeitung. Die Straße, wenn man das noch so nennen konnte, war gerissen, vom Frost zerfetzt. Ich trat mit den Stiefeln auf Asphalt, der wie faules Brot unter mir brach. Kein Geräusch außer meinen eigenen Schritten. Und das Krächzen meines Rucksacks, wenn ich den Rücken durchstreckte.
Die Stadt lag vor mir wie ein Tier, das tot wirkte, aber vielleicht nur schlief. Kein Rauch, kein Licht. Nur Silhouetten. Häuser ohne Fenster, Dächer wie ausgefranste Mäuler. Ich dachte, sie atmen. Vielleicht war das nur der Wind. Vielleicht auch nicht.
Marla – Nachbrennerin
Der Regen hat längst aufgehört, aber die Straßen glänzen noch. Als hätten sie was zu verbergen. Ich geh an einem Automaten vorbei, der blinkt, als wäre er betrunken. Zigaretten. Kaugummi. Patronen. Alles in derselben Schublade.
IQ Nocturne liegt ein bisschen abseits. Keine Schlangen, keine Türsteher, nur ein rot flimmerndes Schild und dieser Geruch – alt, elektrisch, wie vergessene Schaltkreise. Ich trete ein, und die Nacht nimmt mich auf wie eine, die sie kennt.
Walker
Ich weiß nicht, wann genau der Nebel kam. Vielleicht war er einfach da, wie Müdigkeit oder Schuld. Kein Wetter, eher ein Zustand. Ich stand an der Ecke der Bahnstraße, wo früher mal ein Kiosk war, und starrte auf den Dunst, der über den Schienen hing wie ein schlecht gelaunter Gedanke. Alles war still. Selbst der Wind hatte aufgegeben.
Ich hab nichts erwartet. Ganz sicher niemanden wie ihn.
Der leere Hörsaal
Ich stehe vor einem Hörsaal, der leer sein sollte. Es ist spät, vielleicht zehn oder elf Uhr abends. Die Flure der Universität sind ausgestorben, nur das gleichmäßige Summen der Neonröhren begleitet mich. Meine Schritte hallen auf dem abgenutzten Linoleum wider, irgendwo tropft ein Wasserhahn in unregelmäßigen Abständen. Tock. Tock. Tock.
Der Ruf der Küste
Der alte Volvo ächzte ein letztes Mal, als Lukas den Wagen am Rande eines schmalen, von Ginster gesäumten Weges parkte. Er stellte den Motor ab, und die plötzliche Stille umfing ihn wie eine weiche Decke, nur durchbrochen vom fernen Rauschen der Brandung und dem gelegentlichen Schrei einer Möwe. Er war angekommen. Landéda, Finistère, das Ende der Welt, wie die Bretonen diesen westlichsten Zipfel Frankreichs nannten. Ein Lächeln stahl sich auf Lukas’ Lippen. Genau das hatte er gesucht: einen Ort, der sich weit weg anfühlte, weit weg von den geordneten Bahnen seines Lebens in Freiburg, weit weg von den Erwartungen, den Routinen, der leisen Melancholie, die sich in den letzten Monaten wie ein feiner Nebel über seine Tage gelegt hatte.
Die wiederkehrende Straßenecke
Ich stehe wieder an dieser Ecke. Kenne sie. Bin sicher, dass ich schon mal hier war, obwohl ich nicht sagen könnte, wann genau. Das Licht hat diese seltsame Qualität – zu golden für einen normalen Nachmittag, zu klar für die Dämmerung. Die Schatten fallen in unmöglichen Winkeln.
Der stille Mitbewohner
Ich wache auf, ohne wirklich aufzuwachen. Es ist dieses seltsame Dazwischen, das ich sofort erkenne. Mein Körper liegt noch irgendwo, aber mein Bewusstsein ist bereits hier, in diesem Apartment, das meines ist und doch nicht. Die Decke ist höher als in meiner Wohnung. Die Schatten in den Ecken sind dichter.







