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Die falsche Adresse

Ich stehe vor diesem Haus und weiß sofort, dass was nicht stimmt. Hausnummer 27, genau wie auf dem Zettel in meiner Hand, aber irgendwas fühlt sich falsch an. Die Fassade ist lindgrün, nicht weiß, wie mir beschrieben wurde. Vielleicht hat er die Farbe gestrichen? Menschen ändern ständig ihre Meinung über solche Dinge. Ich zucke mit den Schultern und drücke auf die Klingel.

In 80 Kapiteln um die Welt

London, England

Ich starre in die Leere der ersten Seite, während der Regen gegen die Fensterscheibe trommelt. Achtzig leere Seiten. Ein bizarres Erbe, das mich anstarrt wie ein hungriges Tier. Die Worte des Notars hallen noch in meinem Kopf nach, mechanisch und leblos wie das Ticken einer kaputten Uhr.

„Alexander Frost, Ihr Großonkel Theodor hinterlässt Ihnen ein Notizbuch mit achtzig unbeschriebenen Seiten und die Verpflichtung, achtzig Orte in achtzig Wochen zu bereisen.“

Mein lachender Großonkel. Tot. Eingeäschert. Zu Staub geworden wie die Zigarettenasche in seinem überquellenden Aschenbecher. Und jetzt bin ich hier, in seiner Wohnung in London-Hampstead, umgeben von verstaubten Büchern und dem Geruch von altem Papier. Die Wände scheinen zu atmen, als wären sie lebendig. Oder vielleicht bin ich es, der nicht richtig atmet.

Achtzig Orte. Achtzig Wochen. Eine mathematische Gleichung, die mein Leben für die nächsten achtzig Wochen definieren soll. Eine Zahl, die in meinem Kopf widerhallt wie ein Echo in einer leeren Kathedrale.

Der Mann im roten Mantel

Das Café riecht nach frisch gemahlenem Kaffee und diesem speziellen Duft von altem Holz. Ich sitze am Fenster, schaue raus auf die Straße, die sich wie ein graues Band durch die Stadt zieht. Draußen ist es grau, hier drinnen warm. Die Heizung knackt leise vor sich hin.

Der Mann am Nebentisch trinkt seinen Espresso in kleinen Schlucken. Schwarzer Anzug, weiße Krawatte, Hände wie ein Pianist. Er schaut mich an, nickt kurz. Ich nicke zurück. So macht man das hier.

Die seltsame Bar

Ich laufe durch Straßen, die ich zu kennen glaube, aber irgendwas stimmt nicht. Die Häuser sind höher als sonst, und die Fenster kleiner. Das Licht der Straßenlaternen schimmert in Pfützen, obwohl es gar nicht geregnet hat. Merkwürdig. Die Luft schmeckt nach Metall und etwas Süßem, fast wie Karamell, das zu lange auf dem Herd stand.

Kein Ort für Heimkehr

Ich wache auf mit einem Kloß im Hals und Erde unter den Fingernägeln. Mein Rücken klebt an kaltem Stein, und ich weiß nicht, wie lange ich schon hier sitze. Vielleicht Minuten. Vielleicht Tage. Das Licht ist grau – eine Art Dämmerung, die sich weigert, Nacht oder Morgen zu sein. Mein Atem geht flach, wie durch ein Sieb gepresst. In der Luft liegt ein modriger Geruch, vermischt mit altem Weihrauch und etwas, das ich nicht zuordnen kann. Vielleicht Verfall. Vielleicht Erinnerung.

Das Echo der Mauer

Ich stehe da. Im Staub, im Dunst, im Mief dieser toten Wände. Kalter Beton, warmes Atmen. Als würde der Ort selbst noch leben. Aber falsch – er lebt nicht. Er erinnert sich bloß. Und das reicht.

Die Tür hinter mir ist längst verschwunden. Die Zone schluckt alles. Auch Wege zurück.

Mein Mantel riecht nach altem Rauch. Nach ihr. Das letzte Feuer, das wir uns geteilt haben, hat Ruß in jede Faser gebrannt. Ich greife ans Medaillon. Metall auf Haut. Kühl. Aber da. Noch da.

Schwarzlicht

Ich sitze in diesem Zimmer, das nach altem Rauch und Lavendel duftet. Die Schatten sind weich, fast flüssig. Die Lampe an der Wand flackert wie eine Erinnerung, die nicht stillhalten will. Sie sagt nichts, die Frau mir gegenüber. Muss sie auch nicht.

Ihre Haut wirkt fast golden im schummrigen Licht, das sich in den tiefen Linien ihres Tattoos verliert – ein wildes Geflecht aus Blumen, Knochen und etwas dazwischen. Etwas, das sich bewegt, wenn man zu lange hinsieht. Ich starre trotzdem.

Stimmen im Zugabteil

Ich sitze im Zug und spüre das leichte Vibrieren des Waggons unter meinen Füßen. Es ist ein altes Modell, eines dieser Wagen mit den senfgelben Polstern, die unter dem Gewicht unzähliger Reisender nachgegeben haben und nun eine Art kollektives Gedächtnis aller Hintern bilden, die je hier saßen. Die Landschaft draußen verschwimmt zu einem undeutlichen Gemisch aus Grün und Grau. Zwischendurch blitzt mal ein Bahnhof auf, an dem wir nicht halten.