Stories
Unter dem Rost
Ich sitze auf kaltem Beton. Die Fabrik ist tot. War mal was. Ist jetzt Schrott.
„Loke“, sagt der Alte. „Wie der aus den Geschichten.“
Ich heiße Mika. Sage ich nicht.
Er hat eine orangene Kiste. Zeug drin, das mal Essen war. Zwiebeln. Äpfel. Brot wie Stein.
„Nicht gestohlen“, sagt er. „Gesammelt.“
Die Zone. Hunderte Kilometer Nichts. Beton. Rost. Kaputte Fenster.
Er gibt mir Apfel. Ich nehme. Ohne Danke.
„Was hast du früher gemacht?“
„Genug, um es zu bereuen.“
Ich frage nicht weiter. Macht man hier nicht.
Ich will nach Westen. Zur Mauer. Die noch Strom hat. Vielleicht Menschen mit echten Namen.
Schwelle aus Moos
Es regnet. Natürlich regnet es.
Ich sitze unter dieser beschissenen Buche und warte. Worauf, weiß ich nicht mehr. Vielleicht darauf, dass der Regen aufhört. Vielleicht darauf, dass ich endlich den Mut fasse.
Mein Name ist Kaé. Ich bin die Letzte aus Rann. Zumindest glaube ich das. Die Stadt ist abgebrannt, die Leute sind weg, und ich sitze hier im Dreck und denke an meinen Bruder.
Joren ist vor einem Jahr verschwunden. In die Zone, sagen sie. Niemand kommt von da zurück. Aber gestern habe ich seine Stimme gehört. Nicht laut. Mehr so ein Echo im Kopf.
Nullzohne
Es fängt mit einem Flackern an. Immer.
Die Lichter an der Wand flimmern nicht einfach, sie zucken – als würde jemand da oben nervös mit dem Strom spielen. Wie ein nervöser Gott mit zittrigen Fingern. Ich bleibe stehen. Warte. Die Leute um mich herum tun das nicht. Sie hasten weiter, eingehüllt in ihre Kapuzen, ihre Ohrstücke, ihre Illusionen.
Ich hasse diesen Moment – kurz bevor etwas passiert.
Ich ziehe den Kragen meines Mantels hoch, spüre das Gewicht des Metalls an meiner Wirbelsäule. Das Katana sitzt gut, altmodisch befestigt. Kein smarter Gurt, keine biometrische Sicherung. Nur eine Lederschlaufe und mein Wille. Wenn jemand glaubt, das sei ein Stilmittel, soll er ruhig dumm sterben.
Die Archivarin
Ich sitze wieder an diesem Ort. Der Wind weht nicht, aber die Geräusche bleiben – splitterndes Glas irgendwo im Obergeschoss, das Knacken von Beton, der sich langsam aufgibt. Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin. Tage? Wochen? Vielleicht war ich immer hier.
Der Staub liegt wie eine zweite Haut auf mir. Ich kratze ihn nicht mehr weg. Er schützt.
Gestern ist das Radio wieder angesprungen. Nur für drei Atemzüge. Dann Stille. Aber ich habe es gehört: „…bleiben Sie ruhig… nicht vergessen…“ – die letzten Worte waren kaum verständlich, verschluckt von dem Rauschen.
Echo ohne Ursprung
Ich höre sie, noch bevor ich sie sehe. Diese Rhythmik aus Schritten – zu gleichmäßig, zu entschlossen. Keine streifenden Sohlen, kein Zögern. Das sind keine Menschen, das sind Stillwächter.
Ich ducke mich hinter die zerschlagene Kirchenmauer, atme durch die Nase. Der Mörtel riecht nach kaltem Eisen und Moder, irgendwo tropft es gleichmäßig. Es ist diese Art von Geräusch, die einem in den Schädel kriecht und dort bleibt wie ein schlechtes Gedicht.
Meine Kapuze klebt vom Nebel. Ich presse mich gegen die Wand, hart und porös, wie eine Erinnerung, die nicht mehr passt.
Unter dem Staub
Ich höre das Summen zuerst. Nicht laut, nicht drohend. Nur dieses elektrische Zittern in der Luft. Wie ein altes Licht, das sich nicht entscheiden kann, ob es leben oder sterben will.
Kael hockt neben mir, stützt die Ellenbogen auf die Knie. Seine Jacke ist an den Schultern durchgescheuert. Der Staub klebt uns wie eine zweite Haut auf die Gesichter, in die Falten, in die Lippenränder.
„Schon wieder ein Sensor ausgefallen“, sagt er. Nicht zu mir. Eher zur Dunkelheit vor uns.
Ich nicke, obwohl ich’s nicht verstehe. Nicht wirklich. Was ich weiß: Wenn’s zu still wird hier unten, dann ist das kein gutes Zeichen. Dann zieht irgendwas auf. Die Luft verändert sich. Sie wird zäher. Schärfer.
Die Untenbleiber
Ich zähle die Stufen. Nicht weil ich’s muss. Sondern weil sie da sind. Siebenunddreißig. Dann kommt der Absatz mit dem gesprungenen Ziegel, wo’s bei Regen reinläuft. Heute regnet’s nicht. Aber ich hör’s trotzdem tropfen — irgendwo tief unten. Klingt hohl, wie aus einem anderen Schacht.
Nael sitzt schon da, die Beine angewinkelt, Rücken an der Wand, eine Zigarette im Mund, die nicht brennt. Zündet sie nie an. Sagt, sie mag den Geschmack von Hoffnung. Ich nenn’s Nikotin-Gedächtnis.
Das letzte Licht
Der Regen fällt lautlos. Kein Tropfen berührt den Boden. Die neue Luft – steril, programmiert – lässt ihn verdampfen, bevor er aufschlägt. Alles ist still. Sogar der Asphalt scheint vergessen zu haben, wie es klingt, wenn Schritte ihn betreten.
Ich stehe am Rand eines toten Boulevards. Laternen ohne Licht. Fenster ohne Blick. Über mir schweben die Drohnen wie blinde Insekten – ohne Summen, ohne Bewegung. Nur das glühende Schwarz ihrer Sensoraugen verrät, dass sie leben. Oder irgendetwas, das so genannt wird.







