Stories
Der Strandkorb und das Meer
Ich atme tief ein. Salz, Tang, ein Hauch von Sonnencreme, den der Wind von irgendwoher trägt. Es ist gut hier. Es ist ruhig. Und in dieser Ruhe liegt diese leichte Melancholie, dieses Wissen, dass der Moment gleich vorbei ist. Aber er war da. Und das ist alles, was zählt. Ich lasse meinen Blick über das weite, unendliche Blau gleiten. Ein paar Bojen tanzen draußen, kleine, weiße Punkte. Sie markieren etwas, das ich nicht sehen muss. Ich sehe nur das Meer. Und das reicht. Immer.
Mit Claire nach Saint-Malo
Der Motor schnurrt leise, ein tiefes, gleichmäßiges Brummen, das mich seit Stunden begleitet. Ich sehe ihre Füße. Sie liegen da, auf dem Armaturenbrett, nackt, die Zehen leicht gespreizt, der Nagellack ein sattes, fast unverschämtes Kirschrot. Ein kleiner, goldener Ring steckt am zweiten Zeh des rechten Fußes. Es ist so eine typische Geste von ihr, diese Lässigkeit, die jede Konvention ignoriert.
Marie ist wieder da
Der Stein ist kalt. Das ist das Erste, was ich denke, als ich meine Hand auf den Rand des Brunnens lege. Die Feuchtigkeit kriecht sofort in die Fingerspitzen, eine ehrliche, raue Kälte, die nichts beschönigt. Ich stehe hier, mitten auf diesem Kopfsteinpflaster, das…
Im Le Petit Rien
Der Rauch hängt. Er steht wie eine milchige Wand zwischen mir und dem Rest der Welt, genau hier, in diesem Le Petit Rien. Ein passender Name, wie ich finde. Das kleine Nichts. Ich sitze auf der Bank, das dunkle Holz knarrt leise unter meinem Gewicht. Es riecht nach…
Montmartre, ein Dienstagabend
Der Regen hat gerade aufgehört. Ich stehe hier, am Rand dieses schmalen Pflasters, und sehe zu, wie das Licht die Straße aufsaugt. Es ist dieses schmutzige, goldene Leuchten, das nur alte Pariser Cafés hinkriegen. Ein warmer, fast schon unverschämter Schein, der sich in den nassen Steinen spiegelt und alles doppelt so tief macht.
Montmartre-am-Morgen
Der Rahmen des Fensters ist kühl, rau unter meinen Fingerspitzen. Ich lehne mich nicht an, nur ein leichtes Berühren, eine Verankerung. Es ist noch früh, die Luft schmeckt nach feuchtem Stein und dem ersten, zaghaften Rauch aus den Schornsteinen der Dächer unter mir. Ich atme tief ein, der Geruch von Paris am Morgen – eine Mischung aus alter Patina und dem Versprechen von frischem Kaffee, das noch in den Gassen schlummert.
Die Regenläuferin
Der Regen hatte aufgehört, aber die Stadt tropfte noch. Aus den Dachrinnen, den Schirmen, den Stimmen derer, die zu spät unterwegs waren.
Sie trat in eine Pfütze, sah, wie das Licht der Straßenlaternen darin zerfloss – gold, blau, grau – und fragte sich, ob Erinnerungen wohl genauso verblassen.
In ihrer rechten Hand hielt sie den Zettel. Die Tinte war verlaufen, doch die Adresse blieb lesbar. Einmal tief Luft holen, dann weiter.
Autos glitten vorbei, als hätten sie nichts mit ihr zu tun. Hatten sie auch nicht.
Die Straße bog nach links, und irgendwo dahinter, hinter dem blauen Dunst, lag die Tür, an die sie klopfen musste.
Sie spürte, wie ihr Herz lauter wurde als der Regen.
Der unbeantwortete Anruf
Ich liege auf dem Sofa, als mein Handy vibriert. Es rutscht über den Glastisch, kratzt an der Oberfläche wie ein kleines Tier, das Aufmerksamkeit will. Ich strecke mich, aber es liegt außerhalb meiner Reichweite. Noch eine Vibration, dann Stille. Verpasster Anruf. Unbekannte Nummer.
Normalerweise würde ich es dabei belassen. Wer wichtig ist, ruft nochmal an. Oder schickt eine Nachricht. Aber heute ist irgendwas anders. Eine seltsame Spannung liegt in der Luft, als wäre die Wohnung plötzlich zu groß geworden. Das Ticken der Wanduhr klingt lauter als sonst.







