Stories

Claire

Die Wellen kamen immer näher, die Flut stieg. Es wurde kälter, die Dunkelheit kroch von den Rändern des Himmels heran. Ich blieb stehen, sah hinaus auf das Meer, das immer dasselbe tat, egal, was um es herum geschah.

Vielleicht hatte Clair recht. Vielleicht kam Marie nicht zurück. Aber es war immer noch dieses „Vielleicht“, das hängen blieb, das mich weiter an den Strand trieb, Tag für Tag.

Ich steckte die Hände tief in die Taschen, rief den Hund zu mir. Zeit, zurückzugehen. Die Nacht würde bald kommen, und mit ihr die Stille, die ich nie loswurde.

Mit Claire

Marie war hier gewesen. Heute Morgen. Vielleicht würde sie morgen wiederkommen. Vielleicht würde sie bleiben.

Oder vielleicht auch nicht.

Ich schob die Hände tiefer in die Taschen, zog die Schultern hoch. Der Regen wurde wieder stärker, und ich lief weiter. Immer geradeaus.

Mit Clair und Jean im Le Petit Rien

„Vielleicht sieht man sich.“

Ich zuckte mit den Schultern, zog die Kapuze über den Kopf. Der Regen fühlte sich schwer an, als ich nach draußen trat, fast wie ein Druck auf den Schultern.

Marie war immer wie dieser Regen gewesen, dachte ich. Unaufhaltsam, schwer, aber irgendwie auch reinigend.

Vielleicht hatte Jean recht. Vielleicht wusste das Meer, was ich nicht wusste. Aber es sagte nichts. Nur das gleichmäßige Rauschen, immer dasselbe, egal, wer blieb oder ging.

Moguéran war noch da

„Na los“, sagte ich schließlich zum Hund. „Zurück nach Hause.“   Er bellte kurz, sprang an mir vorbei und rannte voraus, den Kopf hoch erhoben, als hätte er etwas Wichtiges vor.   Ich folgte ihm, langsam, jeden Schritt spürend. Moguéran war noch da. Und ich auch. Vielleicht war das genug.

Eine Nachricht von Marie

Ich starrte auf die Worte, fühlte das Gewicht, das in ihrer Unverbindlichkeit lag. Aber es war besser als nichts. Vielleicht war es genau das, was Moguéran ausmachte – das ständige Gefühl, dass etwas passieren könnte, aber nie wirklich musste. Ich legte das Handy weg, stand auf und trat auf die Straße hinaus. Die Luft war kühl geworden, aber sie hatte etwas Klareres, Frischeres. Der Hund trottete hinter mir her, neugierig schnüffelnd.

Le Petit Rien

Lass sie laufen.“ Claire stubste ihre Zigarette in den Aschenbecher, aber die Glut hielt sich noch wacker. „Oder renn ihr hinterher, wenn dir das lieber ist. Aber häng nicht in diesem Zwischen-Dings rum. Macht dich nur noch miefiger.“

Ich lachte kurz auf. „Miefig? Das sagt die Frau, die seit fünf Jahren denselben Job in derselben Bar in diesem Kaff macht?“

„Touché.“ Sie grinste, schob mir eine neue Zigarette hinüber und zündete sie für mich an. Ich rauchte selten, aber heute war einer dieser Tage, an denen der Rauch einem wenigstens das Gefühl gab, irgendetwas loszuwerden.

Nachricht von Marie

Und das reicht. Das reicht, um mich zurückzuversetzen in diese Tage, in denen wir zusammen am Strand saßen, mit einer Decke und einer Flasche Wein, der Sand zwischen unseren Fingern, ihre Haare vom Wind zerzaust. Wie sie immer gesagt hat, dass sie das Meer braucht, dass es sie beruhigt, dass es das Einzige ist, das wirklich groß genug ist, um sie klein fühlen zu lassen.

 

„Warum bist du dann weggegangen?“, schreibe ich.

 

Die Antwort kommt schneller, als ich erwartet hätte.

 

„Weil es zu still war.“

Einsame Tage am Meer

Ich lasse mich auf den Sessel sinken, den, den sie immer gehasst hat, weil er so unbequem ist. Der Hund rollt sich auf dem Teppich zusammen, und ich schaue aus dem Fenster, wo der Regen wieder angefangen hat. Kleine Tropfen, die die Scheibe hinunterlaufen, wie winzige Tränen, die keinen Lärm machen. Es gibt keinen Soundtrack, keine dramatische Musik. Nur den Regen und das gleichmäßige Atmen des Hundes.

Und dann sitze ich einfach da, starr auf die Tropfen, die sich zu kleinen Rinnsalen verbinden, die sich ihren Weg nach unten bahnen. Es gibt nichts mehr zu sagen. Nichts mehr zu tun. Nur das Geräusch des Regens, das alles andere übertönt.