Stories

Kiara – Im Rücken der Brandung

Ich stand da, wo das Land aufhört.
Da, wo das Gras zu scharf wächst, das Salz in den Poren beißt und der Wind einem das Denken abgewöhnt. Nichts als Klippen, schiefergrau und bockig, als wollten sie nicht mehr sein. Und unten das Meer, hungrig wie eh und je.

Die alten Bretonen sagen, hier hört man das Echo der Toten. Ich hörte nur das Kreischen der Möwen und meine eigenen, müden Gedanken.

Das Haus meiner Großmutter lag hundert Schritte hinter mir. Ein kantiger Brocken aus Granit, windschief, das Dach moosgrün gefleckt. Die Fenster wie blinde Augen, stumm seit dem Tag, an dem sie nicht mehr aufstand.

Neonherz

Die Nacht begann nicht mit einem Sonnenuntergang, sondern mit einem flackernden Licht.

Ein weißblaues Leuchten zitterte über die regennasse Straße wie ein elektrischer Herzschlag. Lia stand einen Moment still, als würde sie der Stadt erlauben, sie zu erkennen – oder zu übersehen. Ihre Haare hingen schwer auf den Schultern, vom Nebel durchtränkt. Ihr Blick war geradeaus gerichtet, doch in ihren Augen spiegelte sich etwas, das nicht da war: Erinnerung oder Vorahnung – vielleicht beides.

Der Club war kein Ort, sondern ein Zustand. Keine Adresse, sondern ein Gefühl. Man fand ihn nicht – er fand dich.

Drinnen war die Musik wie ein Stromstoß. Menschen wie Schatten, flüchtig, ohne Gewicht. Lia schob sich durch sie hindurch, unberührt, unbewegt. Sie war nicht gekommen, um zu tanzen. Sie war gekommen, um sich zu vergessen.

Das Gespräch auf der Parkbank

Ich sitze auf einer Parkbank und spüre die Frühlingssonne auf meinem Gesicht. Nicht zu heiß, nicht zu kalt – genau richtig. So ein Wetter ist selten. Meistens ist es zu irgendwas. Zu windig, zu schwül, zu was auch immer. Aber heute ist es einfach nur gut.

Vor mir liegt der Teich. Enten gleiten über die Wasseroberfläche, machen dieses typische Enten-Ding, wo sie den Hintern in die Luft strecken und mit dem Kopf untertauchen. Hat was Komisches. Werde nie verstehen, warum ich das so lustig finde.

Das falsche Büro

Ich stehe wie jeden Morgen vor dem vertrauten grauen Betonklotz, der sich mein Arbeitsplatz nennt. Leicht verkatert, wie so oft am Dienstag, weil Montagabend immer diese bescheuerte Happy Hour im „Letzten Versuch“ ist. Vier Euro für ein Bier, das ist nicht wirklich happy, aber besser als der Rest der Woche.

Das Gebäude steht wie immer da. Neun Stockwerke grauer Beton, Fenster im Schachbrettmuster, die Glastüren am Eingang. Aber irgendwas ist seltsam. Vielleicht das Licht? Es scheint schräg auf die Fassade zu fallen, als käme die Sonne aus der falschen Richtung. Unsinn, natürlich. Die Sonne kann nicht einfach beschließen, woanders aufzugehen.

Das Missverständnis

Ein Kaffee vorher wäre gut. Ich biege in eine Seitenstraße ein, wo ein kleines Café liegt, das ich noch nie besucht habe. Irgendwas mit „Bohne“ im Namen. Die Tür knarzt, als ich sie aufdrücke. Drinnen ist es warm und riecht nach frisch gemahlenem Kaffee und Zimt. Der Boden ist aus dunklem Holz, abgetreten von tausenden Schritten. An den Wänden hängen vergilbte Poster von Jazzkonzerten.

Eine Frau hinter der Theke blickt auf. Sie hat graumeliertes Haar, zu einem unordentlichen Dutt gebunden, und trägt eine Brille, die ihr ständig die Nase hinunterrutscht. Sie schiebt sie mit dem Finger wieder hoch, während sie mich ansieht.

Der verlorene Schirm

Es regnet. Nicht so ein sanftes Tröpfeln, das man mit hochgezogenen Schultern noch irgendwie ignorieren kann. Nein, es schüttet, als hätte jemand da oben alle Wasserhähne gleichzeitig aufgedreht. Ich stehe im Eingang eines Cafés und starre auf die graue Wand aus Wasser vor mir. Die Pfützen auf dem Asphalt werden zu kleinen Seen, in denen sich die Neonlichter der gegenüberliegenden Geschäfte spiegeln. Mein Schirm. Wo zum Teufel ist mein Schirm?
Ich taste meine Jackentaschen ab, obwohl ich genau weiß, dass er da nicht sein kann. Es war dieser neue, teure Regenschirm mit dem Holzgriff, den mir meine Schwester zum Geburtstag geschenkt hat. „Damit du endlich nicht mehr wie ein begossener Pudel nach Hause kommst“, hat sie gesagt und gelacht. Jetzt stehe ich hier, kurz davor, genau zu diesem begossenen Pudel zu werden.

Das vergessene Buch

Ich sitze im Café an der Ecke, wo die Morgensonne durch die großen Fenster fällt und Staubpartikel in der Luft tanzen lässt. Der Kaffee vor mir dampft noch, schwarz und bitter, genau wie ich ihn mag. Um mich herum das übliche Gemurmel der Gäste, das Klappern von Tassen, das Zischen der Espressomaschine.

Der Tisch neben mir wird frei. Ein Mann mit grauem Bart steht auf, nickt mir kurz zu und verlässt das Café. Auf seinem Tisch liegt ein Buch. Ich warte eine Minute, zwei, schaue zur Tür. Er kommt nicht zurück.

„Vergessen“, murmle ich und nehme einen Schluck Kaffee.

Das Déjà-vu im Restaurant

Ich sitze an einem Tisch am Fenster und starre auf die Speisekarte, während mir eine seltsame Gewissheit den Nacken hochkriecht. Kenn ich schon. Das gesamte Restaurant, die weinrote Tapete mit den verblassten goldenen Ornamenten, der leicht schiefe Kronleuchter, sogar der kleine Fleck auf der Tischdecke links von meinem Weinglas – all das habe ich schon einmal gesehen. Aber ich war noch nie hier. Dessen bin ich mir sicher. Oder?