Stories

Der vergessene Weg

Es war einer dieser Montage, die nach nichts schmecken. Grau in grau, der Himmel eine trübe Suppe, und mein Körper noch halb im Wochenende. Die S-Bahn hatte wieder irgendwas, Stellwerkstörung oder sowas, und ich stand da mit gefühlt tausend anderen Pendlern, die alle diese leicht aggressive Gleichgültigkeit ausstrahlten. Als würden wir kollektiv seufzen, aber keiner wollte der erste sein.

Ich hatte die Schnauze voll. Einfach voll. Drei Jahre, fünf Tage die Woche, immer der gleiche Trott zur Arbeit. Die gleichen Gesichter, die gleichen nervigen Durchsagen, sogar die gleichen Kaugummiflecken auf dem Bahnsteig kannte ich mittlerweile persönlich.

Das überhörte Gespräch

Meine Füße schmerzen. Hab heute schon zu viel gestanden, und jetzt sitz ich im Bus und spüre jeden einzelnen Schritt nach. Der 68er ist voll, wie immer um diese Zeit. Ich quetsche mich in eine Ecke hinten, zwischen einer alten Frau mit Einkaufstaschen und einem Typen, der nach Schweiß und billigem Aftershave riecht. Die Kombination lässt mich flach atmen.

Aschestadt

Der Himmel war grau, seit sie denken konnte. Kein Regen, kein Wind – nur das ewige Flimmern toter Luft über zerborstenen Fassaden. Zwischen den Trümmern der Aschestadt kroch die Zeit wie ein verwundetes Tier. Niemand sprach mehr von „Früher“. Die Erinnerung war gefährlich geworden.

Zoey – Zwischen den Mauern

Ich hab nie gelernt, was es heißt, irgendwo hinzugehören. Vielleicht ist das der Trick, wenn die Welt auseinanderfällt: Du leidest weniger, wenn du nichts verlierst.

Der Beton war warm an diesem Morgen. Die Sonne hatte ihn aufgeladen wie eine müde Batterie. Ich stand zwischen zwei Mauern, kaum drei Schritte breit, und starrte in die Staubfäden, die sich im Licht bewegten. So ein Licht, das alles weichzeichnet, aber nichts schöner macht.

Maliya jenseits der Mauer

Ich stand wieder da.

Gleiche Stelle wie gestern, vorgestern, letzte Woche. Rechte Schulter an der Wand, linker Fuß leicht angehoben, Zigarette zwischen den Fingern, die mehr Deko war als Bedürfnis. Der Beton hinter mir war rau, stellenweise abgeplatzt, grau in all seinen Nuancen, vom Regen durchzogen, von der Zeit zerfressen. Ich mochte diese Wand. Sie war ehrlich. Keine Fassade. Nur Wand.

Nora – Das dritte Zeichen

Das erste Mal hör ich es um 03:16.
Kein Tier, kein Wind, kein normaler Fehler.
Ein Schaben. Als würde jemand mit einem Schlüssel an der Außenwand kratzen. Nur dass es draußen keine Schlüssel gibt. Nur Nebel, Beton und das, was wir nicht benennen sollen.

Ich bleib noch einen Moment liegen. Starre an die Decke. Der Lüfter in der Ecke schnarrt wie immer. Irgendwo tropft was, wahrscheinlich die Kaffeestation. Ich versuch’s zu ignorieren.
Funktioniert nicht.

Rebellion

Ich stehe auf dem Balkon des 84. Stocks. Unter mir glänzt der Dunst wie flüssiger Stahl. Die Stadt dampft. Irgendwo da unten schreit einer, aber hier oben klingt es wie Wind in der Klimaanlage. Ich ziehe an der Zigarette, obwohl ich längst aufgehört habe. Angeblich.

Meine Hand zittert nicht. Das war mal anders.

Mia zu den Sternen

Der Scheinwerfer schlägt mir ins Gesicht wie eine geöffnete Ladeluke. Weiß. Heiß. Ich blinzele zweimal, dann ist da nur noch das Rauschen im Ohr – wie Druckausgleich in einer viel zu engen Kabine. Der Boden unter meinen nackten Füßen fühlt sich an wie gefrorener Beton, aber irgendein Praktikant behauptet, das sei «Industrie-Epoxid, voll im Trend». Soll er doch drauf tanzen.

„Mia, Tor A in dreißig Sekunden!“ ruft jemand hinter mir. Die Stimme kratzt, als hätte sie Sand im Hals. Ich antworte nicht, hebe nur die Hand, Zeigefinger kurz nach oben. Funkstille.