Stories

Chiara – unter dem See

Ich hab keine Lust auf Paris.
Wirklich nicht. Keine Croissants, keine blühenden Kastanien, keine Sonnenaufgänge, die sich zwischen steinerne Fassaden klemmen wie ein letzter Versuch, romantisch zu wirken. Wenn du zu lange in deinem eigenen Kopf wohnst, wird jede Stadt zu Tapete. Schön vielleicht. Aber flach.

CLOE – Kein Licht ohne Schatten

Der Asphalt glänzt noch vom Regen. Nicht viel, nur ein Film, wie Schweiß auf Stirnhaut. Cloe läuft barfuß über den warmen Beton, High Heels in der Hand, und irgendwo dröhnt Musik aus einer Bar, die keinen Namen trägt. Eine dieser Gassen, wo das Licht nicht gerade fällt, sondern schräg, wie durch einen schmutzigen Spiegel.

Sie trägt ihr Hemd offen. Nicht weit. Aber genug, dass man hinschaut. Genug, dass keiner fragt, wie spät es ist. In den Schatten sieht niemand genau hin. Das ist ihr Vorteil.

Der besondere Kaffee

Ein leichter Regenschauer hat meine Jacke durchnässt. Ich schüttle mich kurz und streife mit den Fingern durch mein feuchtes Haar. Tropfen fallen auf den abgenutzten Holzboden. Als ich zum Tresen gehe, knarrt das Holz unter meinen Schritten.

Frieda – Zwischen den Zeilen

Der Wecker ist tot. Hab ihn schon vor Wochen vom Nachttisch gefegt. Liegt jetzt unterm Bett wie ein nutzloser Käfer. Ich wach trotzdem jeden Morgen auf. Ist wie so ein körperliches Trauma – der Körper erinnert sich, auch wenn man’s nicht will.

Die Wand über meinem Bett blättert ab. Feine Risse, fast filigran. Manchmal bilde ich mir ein, dass sie wachsen, je länger ich liege. Vielleicht wird das hier irgendwann eine Ruine, mit mir als Fossil mittendrin.

Hannah. Bleibt

Ein Bus fährt vorbei. Liniennummer 247. Ich frage mich, wohin der fährt, immer um diese Uhrzeit. Wer sitzt da drin? Wer fährt freiwillig um 6:17 Uhr durch Berlin?

Mein Handy vibriert. Nachricht von Merle.
„Frühstück bei mir? Bin eh wach.“
Ich starre auf den Bildschirm. Tippe „Bin tot. Morgen vielleicht.“ und schicke es nicht ab. Stattdessen schalte ich das Handy aus. Einfach aus. Ein Akt der Rebellion gegen alles, was zu laut ist.

Jonna – Die stille Drift

Der Typ am Tresen kennt meinen Namen nicht. Nennt mich „ohne Zucker“.
Ich hab ihm das nie gesagt. Aber er fragt auch nicht mehr.
Milch krieg ich trotzdem immer zu viel rein. Ist okay. Ich rühr sie nicht um.

Ich starre in meine Tasse.
Der Kaffee ist lauwarm. Bitter wie alte Erinnerungen, aber nicht wichtig genug, um ihn zurückzugeben.
Ich mag ihn so.

 

Der verschobene Termin

Ich schiebe das Handy in die Hosentasche und schaue die Straße runter. Das Café hatte ich sorgfältig ausgesucht. Nicht zu hip, nicht zu altmodisch. Guter Kaffee, aber keine absurden Preise. Jetzt stehe ich hier und der, für den ich den Ort ausgesucht habe, kommt nicht. Egal. Ich gehe trotzdem rein. Der Raum ist kühl, fast kalt nach der Hitze draußen. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos von einer Stadt, die ich nicht erkenne. Vielleicht Berlin in den Neunzigern. Die Barista hinter der Theke schaut auf, als ich eintrete. Sie hat kurze Haare, dunkel, mit einer einzelnen silbernen Strähne vorne. Sie lächelt nicht, nickt nur kurz. „Cappuccino, bitte“, sage ich und lege mein Geld auf die Theke.

Der vergessene Weg

Es war einer dieser Montage, die nach nichts schmecken. Grau in grau, der Himmel eine trübe Suppe, und mein Körper noch halb im Wochenende. Die S-Bahn hatte wieder irgendwas, Stellwerkstörung oder sowas, und ich stand da mit gefühlt tausend anderen Pendlern, die alle diese leicht aggressive Gleichgültigkeit ausstrahlten. Als würden wir kollektiv seufzen, aber keiner wollte der erste sein.

Ich hatte die Schnauze voll. Einfach voll. Drei Jahre, fünf Tage die Woche, immer der gleiche Trott zur Arbeit. Die gleichen Gesichter, die gleichen nervigen Durchsagen, sogar die gleichen Kaugummiflecken auf dem Bahnsteig kannte ich mittlerweile persönlich.