Tagebuch der Unrast

Alexander Strasser

Zwischen Dämmerung und Papier entstehen meine Welten

Romane, die sich wie Träume anfühlen. Gedanken, die nachhallen. Geschichten, die fragen, was bleibt.

Ich schreibe, weil Worte manchmal näher an der Wahrheit sind als das, was wir sehen.
Meine Geschichten bewegen sich zwischen dystopischer Klarheit und traumhafter Unschärfe. Ich liebe das Unerklärliche – und die Momente, in denen Sprache plötzlich etwas sichtbar macht, das vorher nur Gefühl war.
Wenn du zwischen den Zeilen gern wanderst: Willkommen. Du findest hier Kurzgeschichten, Auszüge und Arbeitsversionen meiner Romane.

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Der Morgen danach

„Na und?“ Sie stand auf, zog sich die Bluse über und kam zum Tisch, setzte sich auf den Stuhl gegenüber und zog die Tasse zu sich. „Du wohnst hier. Du könntest wenigstens so tun, als wäre es dir nicht egal.“

Ich sah sie an, ihre Augen noch leicht verquollen vom Schlaf, das leichte Lächeln in ihren Mundwinkeln. Marie konnte dir die absurdesten Dinge an den Kopf werfen und dabei so überzeugend aussehen, dass du manchmal vergaßt, wie lächerlich sie waren.

Nacht

„Vielleicht.“ Ich setzte mich auf die Kante des Bettes, das alte Holz knackte unter meinem Gewicht. Die Matratze war zu weich, und ich hatte Marie oft genug gesagt, dass mein Rücken das Ding hasste. Aber sie hatte nur gelächelt und „Pech“ gesagt. Das war Marie: charmant, kompromisslos und immer einen Schritt schneller als ich.

„Es ist das Meer, oder?“ Sie beugte sich vor, ihre Ellenbogen auf die Knie gestützt. Ihre Haare fielen ihr ins Gesicht, dunkle Strähnen, die das Licht einfingen wie Seide. „Du denkst immer über das Meer nach, wenn du so schweigst.“

Am Abend

„Vielleicht. Aber das heißt nicht, dass es nicht stimmt.“ Sie verschwand in der Küche, und ich hörte, wie sie die Flasche suchte, den Korken zog, das Gluckern des Weins. Ich blieb, wo ich war, und ließ meinen Kopf gegen die Rückenlehne fallen. Die Zigarette war fast heruntergebrannt, und ich drückte sie in den Aschenbecher auf dem Tisch.

Als sie zurückkam, hielt sie die Flasche in der einen, ihr Glas in der anderen Hand. Sie reichte mir die Flasche, setzte sich dann wieder, die Decke jetzt enger um sich gewickelt.

Moguéran

Marie hat auch Spuren hinterlassen. Eine halb volle Flasche Wein in der Küche, ihr Parfum auf meinem Kopfkissen, einen Strumpf, der unter meinem Bett liegt wie eine halb vergessene Drohung.

„Ruf mich an, wenn du soweit bist“, hat sie gesagt, bevor sie gegangen ist. Aber soweit bin ich nie.

Ich lege mich aufs Bett, so wie ich bin. Jeans, Pullover, alles. Das Licht durch die Fenster ist weich und schwer zugleich, drückt sich an die Wände wie ein Tier, das bleiben will. Ich schließe die Augen und sehe sie vor mir, Marie. Wie sie lächelt, wie sie ihre Haare zurückwirft, wie sie mich anschaut, als könnte ich mehr sein. Mehr als das hier.

Kaffee und Kater

„Du bist wie dieser Fluss“, hat sie gesagt.

„Wie bitte?“

„Still, aber immer in Bewegung. Immer auf dem Weg zu irgendwas, aber nie da.“

Damals habe ich gelacht, aus Unsicherheit. Jetzt weiß ich, dass sie recht hatte.

Der Wind wird stärker, also drehe ich um. Zuhause mache ich das Fenster zu. Der Lippenstift liegt immer noch da. Ich nehme ihn, drehe ihn langsam zu und stelle ihn in den Badezimmerschrank, ganz nach hinten, wo ich ihn nicht sehen muss.

Die Nacht kommt, und ich lasse sie kommen. Liege im Bett, höre die Heizungsrohre klopfen. In meinem Kopf läuft ein Film, ohne Handlung, nur Bilder, Geräusche, Farben.

Schnee

Es war dieser Schnee, der einen verschluckte, wie Watte in den Ohren, aber ohne die Wärme. Du trittst hinaus, und es ist, als hätte die Welt beschlossen, alles auf stumm zu schalten, als wären die Geräusche irgendwo anders, nicht hier, wo alles Weiß und Kälte ist. Ich zog die Jacke enger um mich, der Reißverschluss klemmte an der Stelle, an der er immer klemmte, und ich dachte kurz daran, sie einfach offenzulassen. Dann blies der Wind mir die Idee aus dem Kopf, so wie er alles aus dem Kopf bläst, außer „Kalt. Weitergehen. Kalt.“

Eine Nacht, die klebrig blieb

Auf dem Sofa nahm ich das Bier. Es war warm, fast heiß, aber ich trank es trotzdem. Unten klirrte die Flasche wieder, aber ich sah nicht mehr aus dem Fenster.

Draußen wehte plötzlich ein Wind, der die Blätter auf der Straße aufwirbelte. Und ich schwor, ich hörte wieder dieses Lachen.

Aber vielleicht war es nur der Wind.

Stadt im Herbst

Dann stand ich plötzlich still, ohne zu wissen, warum. Vor mir lag ein Platz, leer und still, umringt von Gebäuden, die wie Wächter wirkten, alt und müde, aber immer noch wachsam.

Die Blätter. Sie lagen überall, ein Teppich aus Sterben, und ich fragte mich, ob sie jemals wieder aufsteigen würden, zurück zu den Bäumen, oder ob sie einfach verschwinden würden, so wie alles andere.

Ich schloss die Augen.

Worauf wartest du? - Träume!