Tagebuch der Unrast

Zwischen Dämmerung und Papier entstehen meine Welten
Romane, die sich wie Träume anfühlen. Gedanken, die nachhallen. Geschichten, die fragen, was bleibt.
Ich schreibe, weil Worte manchmal näher an der Wahrheit sind als das, was wir sehen.
Meine Geschichten bewegen sich zwischen dystopischer Klarheit und traumhafter Unschärfe. Ich liebe das Unerklärliche – und die Momente, in denen Sprache plötzlich etwas sichtbar macht, das vorher nur Gefühl war.
Wenn du zwischen den Zeilen gern wanderst: Willkommen. Du findest hier Kurzgeschichten, Auszüge und Arbeitsversionen meiner Romane.
Die Stadt der Spiegel
Dubai. Einst eine Kathedrale aus Stahl, Glas und unermesslichem Reichtum. Jetzt ein Friedhof aus Spiegeln, die die Sonne reflektieren wie Waffen. Die leeren Hochhäuser ragen in den Himmel, ihre Fassaden blind und spöttisch, als würden sie uns auslachen für das, was wir angerichtet haben. Jeder Sonnenstrahl, der von ihnen zurückgeworfen wird, brennt auf meiner Haut wie Feuer.
Die gefrorene Grenze
Der Wind beißt wie ein wildes Tier, als ich den nächsten Eisblock auf die Mauer stemme. Meine Hände sind blau und taub, meine Finger steif vor Kälte, aber ich lasse nicht nach. Jeder Block ist schwer, rissig und kalt genug, um die Haut zu verbrennen, wenn man ihn zu lange festhält. Doch wir bauen weiter, weil wir keine andere Wahl haben. Die Mauer ist alles, was uns trennt von ihnen – den Flüchtlingen, die aus dem Niemandsland kommen.
Der ewige Regen
Der Regen hört nie auf. Er fällt wie ein endloser Vorhang aus kaltem Wasser, der die Welt verschluckt hat. Die Straßen von London sind Flüsse, ihre Strömungen tragen Abfall, Wracks und die letzten Reste einer vergessenen Zivilisation fort. Wir leben auf dem Dach des Shard, das wie eine einsame Insel aus dem Wasser ragt. Es ist unser Zufluchtsort, aber es fühlt sich mehr wie ein Gefängnis an.
Die Stadt unter der Erde
Die Luft in unserem Bunker riecht nach Schimmel und Angst. Sie ist schwer, fast greifbar, als würde sie sich in unseren Lungen festsetzen und uns daran erinnern, dass wir hier unten nicht wirklich leben – wir überleben nur. Der Gestank kommt von den Pilzen, die wir auf alten Büchern züchten. Die Seiten, einst voller Geschichten und Wissen, sind jetzt von feuchten, weißen Fäden überzogen, die wie Spinnweben aussehen. Manchmal frage ich mich, ob die Bücher uns verfluchen, weil wir ihre Worte zerstört haben, um zu überleben.
Das tote Korallenmeer
Die Boote dümpeln träge in der Bucht, als hätten sie aufgegeben, irgendwohin zu wollen. Das Wasser ist flach und glasig, aber darunter liegt ein Friedhof aus weißen Skeletten – Korallen, die einmal lebendig waren, jetzt aber nur noch bleiche Überreste ihrer selbst. Früher gab es hier Farben. Rot, Orange, Violett – eine Unterwasserwelt, die so lebendig war, dass man sich wie ein Eindringling fühlte. Jetzt ist alles still. Tot. Selbst die Wellen scheinen nicht mehr zu atmen.
Die wandernde Wüste
Er tritt neben mich, seine pflanzliche Haut leuchtet sanft im Mondlicht. „Es ist kein Feind der Menschheit. Es ist kein Feind von irgendetwas Lebendem. Es will nur die Verbindung wiederherstellen, die verlorenging, als das Leben begann, sich in einzelne, isolierte Formen aufzuspalten.“
„Aber es verändert uns“, sage ich. „Es nimmt uns, was wir sind.“
Der vertikale Wald
Ich klettere über die verrosteten Feuerleitern des letzten Wolkenkratzers in Berlin. Der Wind zerrt an meiner Jacke, trägt den Geruch von verbranntem Plastik und verrrottenden Pflanzen mit sich. Unter mir breitet sich die Stadt aus wie ein Grab aus Beton und Stahl, überwuchert von einem grotesken Teppich aus Vegetation – keine sanften Wiesen oder majestätischen Bäume, sondern fleischfressende Pflanzen mit Blättern wie Rasierklingen und Blüten, die in der Dunkelheit leuchten wie radioaktiver Abfall.
Antarktische Zuflucht
Meine Finger kleben an der gefrorenen Wand der Unterwasserkuppel. Die Kälte brennt wie Feuer auf meiner Haut, aber ich kann mich nicht lösen von diesem Anblick – durch das Eis über mir sehe ich dunkle Schatten, die gegen die Barriere rammen. Orcas. Sie kommen seit Tagen, immer wieder, als suchten sie einen Weg durch das meterdicke Eis. Oder einen Weg zu uns.







