Nach dem Sturm

Der Sturm war vorbei. Eine plötzliche Stille hatte sich über Moguéran gelegt, als hätte die Welt den Atem angehalten. Die Luft roch frisch, fast zu frisch, dieser scharfe Geruch von Salz und nassem Stein, gemischt mit dem süßen Duft von aufgerissenem Gras. Die Sonne kämpfte sich durch die Wolken, warf Streifen aus goldenem Licht auf die vom Regen glänzenden Dächer und Straßen. Ein Regenbogen spannte sich über den Horizont, fast kitschig in seiner Perfektion. Und doch – da war er.

Marie lag halb unter der zerwühlten Decke, eine Hand auf ihrem Bauch, die andere über den Rand des Bettes baumelnd. Ihr schwarzer Spitzen-BH war auf den Boden gefallen, halb unter den Stuhl gerutscht, den sie in der Nacht vorher noch umgestoßen hatte. Ich saß auf der Fensterbank, eine Tasse Kaffee in der Hand, noch zu heiß, um wirklich zu trinken.

„Bist du immer so ein Frühaufsteher?“ murmelte sie, ohne die Augen zu öffnen. Ihre Stimme war heiser, rau von der Nacht.

„Nicht wirklich“, antwortete ich. „Nur, wenn der Sturm mich um den Schlaf gebracht hat.“

„Hm.“ Sie drehte sich auf die Seite, ein Bein aus der Decke ragend. Ihre Haut glänzte im Licht der Sonne, wie nasser Sand am Strand. „Ich hab gut geschlafen.“

„Du bist auch halb tot ins Bett gefallen.“ Ich nahm einen vorsichtigen Schluck Kaffee, verbrannte mir die Zunge und fluchte leise. Sie grinste, ohne die Augen zu öffnen.

„Du hast es genossen, gib’s zu.“

Ich antwortete nicht, sah stattdessen hinaus auf die kleine Gasse, die unter unserem Fenster lag. Wasserpfützen spiegelten den Himmel, der sich langsam von Grau zu Blau wandelte. Eine Frau kehrte mit einem Besen die Reste von Blättern und kleinen Zweigen zusammen, die der Sturm in der Nacht verstreut hatte. Ihr Kopftuch war grellrot, fast ein Schock in der sonst so gedämpften Farbpalette von Moguéran.

„Willst du frühstücken?“ fragte ich schließlich, mehr um das Schweigen zu brechen, als weil ich wirklich etwas essen wollte.

„Frühstück?“ Marie öffnete ein Auge, blinzelte mich an. „Was bist du, fünfzig? Kaffee reicht.“

„Ich bin fast vierzig“, sagte ich trocken. „Das ist nah genug dran.“

Sie lachte, ein kehliges Geräusch, das den Raum ausfüllte, als würde sie die letzten Schatten der Nacht vertreiben. „Vierzig. Du bist ein Kind, wenn überhaupt.“

„Danke für die Aufmunterung.“ Ich stellte die Tasse auf die Fensterbank, ließ die Hände in meinen Schoß sinken. Meine Finger waren noch immer leicht klamm, trotz der Wärme des Kaffees. „Was machen wir jetzt?“

„Jetzt?“ Sie zog die Decke ein Stück höher, verbarg sich halb darunter. „Jetzt genießen wir die Stille. Wer weiß, wann der nächste Sturm kommt.“

Die Stille hielt nicht lange. Irgendwo in der Ferne begannen Möwen zu kreischen, und das Geräusch drang durch die Straßen, als wollte es uns daran erinnern, dass der Alltag uns wieder eingeholt hatte. Marie zog sich irgendwann eine der alten, ausgebeulten Hemden über, die ich immer im Schrank hatte, und ging barfuß in die kleine Küche. Ich hörte das Klirren von Geschirr, das Zischen des Gasherds, und dann kam sie zurück, ein frisches Glas Wein in der Hand.

„Es ist zehn Uhr morgens“, sagte ich, als sie sich mit einem zufriedenen Seufzen neben mich auf die Fensterbank setzte.

„Und?“ Sie trank einen großen Schluck, reichte mir das Glas, als wollte sie mich zum Mittäter machen. Ich nahm es, trank, und der herbe Geschmack füllte meinen Mund, verdrängte die Bitterkeit des Kaffees. „Was glaubst du, wie die Leute hier über uns reden?“

„Die Leute?“ Ich lachte leise. „Die haben ihre eigenen Probleme. Hier redet keiner über uns.“

„Doch.“ Sie lehnte sich zurück, ließ ihren Kopf gegen die Fensterscheibe sinken. Ihr Haar war noch immer zerzaust, und die lockere Kragenlinie des Hemds enthüllte eine Schulter, auf der die Abdrücke meiner Finger noch leicht zu sehen waren. „Die denken, wir sind ein Skandal.“

„Marie, ich bin hier nicht mal ein Gerücht.“

„Vielleicht jetzt.“ Sie sah mich an, ihre Augen voller Schalk und einer Spur von Ernst. „Du solltest öfter ein Risiko eingehen.“

„Ich hab gestern Nacht im Sturm gestanden, klitschnass und halb erfroren. Reicht das nicht?“

„Nein.“ Sie grinste. „Das war nur der Anfang.“

Der Tag zog sich. Die Sonne stieg höher, ließ die Straßen dampfen, als würden sie sich selbst aus dem Griff der Feuchtigkeit befreien. Marie verschwand irgendwann, um sich anzuziehen, und kam zurück in einem Kleid, das so leicht wirkte, als wäre es nur aus Luft und Licht gemacht. Ihre Haut schimmerte, und sie duftete nach Seife und etwas Zitrischem, das ich nicht benennen konnte.

„Wir gehen raus“, sagte sie bestimmt, schnappte sich meine Jacke von der Lehne eines Stuhls und warf sie mir zu.

„Ich dachte, wir genießen die Stille?“ Ich fing die Jacke auf, zog sie aber nicht an.

„Die Stille kann warten.“ Sie öffnete die Tür, trat hinaus in die Gasse, wo die Sonne inzwischen die Pfützen in glitzernde Flecken verwandelt hatte.

Ich folgte ihr, mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung, und zusammen gingen wir durch die engen Straßen, vorbei an den alten, krummen Häusern, die so aussahen, als würden sie jeden Moment zusammenbrechen und doch seit Jahrhunderten hier standen.

Am Hafen war es voll. Fischer reparierten ihre Netze, Kinder liefen kreischend über die Stege, und eine Gruppe alter Männer saß auf einer Bank, rauchte und sah uns mit dieser Mischung aus Neugier und Missbilligung an, die typisch für kleine Orte war. Marie ignorierte sie, zog mich zu einer kleinen Bude, wo ein alter Mann frische Austern und Muscheln verkaufte.

„Zwei Dutzend“, sagte sie, bevor ich protestieren konnte. Der Mann nickte nur, begann, die Austern zu öffnen, seine Bewegungen geübt und schnell.

„Austern? Ernsthaft?“ Ich sah sie an, hob eine Augenbraue.

„Du brauchst was für die Energie“, sagte sie und zwinkerte mir zu. „Wer weiß, was der Tag noch bringt.“

Ich schüttelte den Kopf, sah zu, wie der Mann uns die Schalen auf ein silbernes Tablett legte. Das Meer rauschte leise im Hintergrund, eine beruhigende Melodie, die fast die Stimmen und das Lachen um uns herum übertönte.

Und in diesem Moment, während die Sonne heiß auf meine Schultern schien und Marie neben mir stand, mit einem Lächeln, das zu groß für ihr Gesicht schien, fühlte sich die Welt plötzlich… leicht an.

Roter Faden auf grauem Asphalt

Roter Faden auf grauem Asphalt

Ich stehe. Muss ich sagen. Die Füße sind schwer, der Asphalt zieht die Kälte hoch. Es ist diese Art von Licht, die alles grau macht, selbst das...

Neon-Atem

Neon-Atem

Ich stehe. Der Moment ist ein feuchter, kalter Film, der auf meiner Haut klebt. Es ist still, diese Art von Stille, die nur eine Millionenstadt um...

Salz auf der Zunge

Salz auf der Zunge

Der Himmel ist ein einziger, grauer Klumpen. Er hängt tief, so tief, dass ich ihn fast schmecke, dieses metallische, nasse Versprechen von mehr...

Der Abgrund im Bokeh

Der Abgrund im Bokeh

Es ist die unerbittliche, warme Täuschung dieser Lichter, die mich in die unendliche Weite des Nichts zurückwirft, ein Nichts, das nicht die...

Das Licht am Ende der Gasse

Das Licht am Ende der Gasse

Ich hocke hier unten, die Knie tun weh. Scheißegal. Die Welt ist gerade nur dieser nasse, kalte Steinboden und die Blätter. Ein großes, braunes Ding...

Pochen

Pochen

Die Luft liegt wie geronnenes Fett auf meiner Haut. Ich gehe, aber ich bewege mich nicht – die Stadt bewegt sich durch mich hindurch, ein träger...