Moguéran im Herbst

Moguéran. Ein kleines Kaff in der Bretagne, das im Herbst ein bisschen von seiner Schroffheit verliert. Die Luft ist mild, salzig, und das Licht hat diesen warmen, goldenen Ton, der alles weicher macht – die Häuser, die Boote im Hafen, sogar die Möwen, die träge über den Steg spazieren, als hätten sie heute keine Lust zu schreien.

Marie steht ein paar Schritte entfernt, die Hände lässig in die Taschen ihres dünnen Parkas gesteckt. Ihr Blick schweift über das glitzernde Wasser. Sie trägt ihre braunen Lederstiefel, die sie jedes Jahr aufs Neue aus dem Schrank holt, sobald die ersten Blätter von den Bäumen fallen.

„Du siehst aus, als wärst du gleich wieder woanders in Gedanken“, sage ich schließlich, während ich mich auf die hölzerne Kaimauer setze.

Sie dreht sich langsam um, eine Sonnenbrille auf der Nase, obwohl die Sonne nur noch als leuchtender Streifen über dem Horizont hängt. „Und du siehst aus wie jemand, der den ganzen Nachmittag verschlafen hat.“

„Vielleicht, weil ich’s habe“, antworte ich und grinse, mehr um sie zu reizen. „War gestern spät. Luc, das ‚Bleu‘, du weißt schon.“

„Luc“, wiederholt sie, als würde sie den Namen schmecken wollen, aber er würde ihr nicht gefallen. Dann zuckt sie mit den Schultern und wendet sich wieder dem Wasser zu.

Der Hafen ist belebt. Fischer reparieren Netze, ein paar Kinder rennen zwischen den Booten herum, und eine junge Frau verkauft Crêpes von einem kleinen Stand. Es riecht nach Butter und Zucker, vermischt mit dem salzigen Hauch der See.

„Willst du hier den ganzen Abend verbringen?“, fragt Marie nach einer Weile, die Sonnenbrille hochgeschoben in ihr Haar. Ihre Augen wirken müde, aber sie funkeln im warmen Licht.

„Vielleicht.“

„Vielleicht?“, wiederholt sie, mit diesem leichten Spott in der Stimme, den ich an ihr manchmal liebe, manchmal hasse.

„Es gibt schlechtere Orte.“

Sie bleibt stehen und schaut mich an. „Ja, aber auch bessere.“

Auf dem Rückweg durch die kopfsteingepflasterten Gassen des Dorfs fegt ein lauer Wind die ersten gelben Blätter vor unsere Füße. Ein Mann grüßt uns, als er seinen Hund über den Platz führt, und aus einem Fenster dringt das Klirren von Geschirr. Moguéran hat an einem Abend wie diesem etwas Friedliches, fast Melancholisches.

„Ich will hier weg“, sagt Marie plötzlich, und obwohl ich das schon oft gehört habe, sticht es diesmal tiefer.

„Jetzt?“

„Nein, nicht jetzt. Aber bald.“

„Wohin denn?“

„Irgendwohin, wo man nicht jeden Tag dieselben Gesichter sieht.“

Ich nicke, sage aber nichts. Wir bleiben vor dem Bäcker stehen. Die Tür steht offen, und der Duft von warmem Brot und Vanille weht uns entgegen.

Marie geht hinein. Ich bleibe draußen, zünde mir eine Zigarette an und sehe zu, wie die Sonne endgültig verschwindet.

Zurück in der Wohnung ist die Luft angenehm kühl. Marie hat den Jalousien ein Stück hochgezogen, sodass das Licht der Straßenlaternen die Wände in ein sanftes Gelb taucht. Sie hat ihre Jacke ausgezogen, und der Pullover, den sie trägt, lässt ihre Haut fast golden wirken.

„Willst du was trinken?“, frage ich und schwenke die halbvolle Flasche Weißwein von gestern.

„Was hast du noch?“

„Wein. Oder Wasser. Vielleicht ein Bier, wenn Luc nicht alles leer getrunken hat.“

Sie lacht, setzt sich aufs Sofa und streckt ihre Beine aus. „Wein. Und komm nicht auf die Idee, mir das Glas von gestern zu geben.“

Wir trinken. Die Gespräche drehen sich im Kreis, wie sie das oft tun. Moguéran ist immer das gleiche Thema. Ihre Sehnsucht nach etwas anderem, meine Gleichgültigkeit, ihre Pläne, die nie konkret werden.

„Du bist so bequem“, sagt sie plötzlich, ohne Vorwarnung.

„Danke.“

„Das war kein Kompliment.“

„Ich weiß.“

Für einen Moment ist nur das Summen der Straßenlaterne zu hören.

„Warum bleibst du dann?“, frage ich schließlich.

Sie sieht mich an, und für einen Moment glaube ich, dass sie mir endlich eine Antwort gibt, die Sinn ergibt. Aber sie schüttelt nur den Kopf. „Vielleicht, weil du bequem bist.“

Später in der Nacht, als die Gespräche versiegt sind und die Flasche leer ist, gehen wir nebeneinander ins Bett. Sie rollt sich zur Wand, und ich starre an die Decke, während der Wind durch die halb geöffneten Fenster weht.

„Wirst du wirklich gehen?“, frage ich leise.

„Vielleicht.“

„Vielleicht?“

„Ja, vielleicht.“

Moguéran, denke ich, während ich ihren Atem höre. Vielleicht verlasse ich dich irgendwann auch. Aber nicht heute.

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