Ebbe und das letzte Licht

Ich stehe hier, wo das Wasser sich zurückgezogen hat, und sehe zu, wie der Tag stirbt. Es ist diese Stunde, in der die Farben lügen. Der Himmel brennt in Orange und Rosa, ein kitschiges Spektakel, das man trotzdem nicht ignorieren kann. Ich atme tief ein. Der Geruch ist eine Mischung aus Salz, Schlick und Diesel – die ehrliche Wahrheit dieses Ortes. Nicht poetisch, aber echt.

Die Ebbe hat den Hafen in eine matschige Pfütze verwandelt, eine braun-grüne Suppe, in der das letzte Licht zittert. Die Boote liegen schief, wie müde Hunde, die auf den Bauch gefallen sind. Besonders dieses eine, die kleine weiße Nussschale da vorn, mit dem grünen Rand. Sie hängt in den Tauen, wartet auf die Flut, die sie wieder freischwimmt. Ein Bild für die Ewigkeit, oder zumindest für diesen Moment.

Ich bin allein, natürlich. Die Häuser drüben, diese weißen Fassaden mit den dunklen Dächern, sehen aus, als würden sie die ganze Szene beobachten. Sie sind still, ihre Fenster sind dunkle Augen. Dahinter warten die anderen, mit ihren Abendessen, ihren Fernsehern, ihren Gesprächen. Ich höre nichts davon, nur das leise, unregelmäßige Klatschen des Wassers gegen die Bootsrümpfe, ein Geräusch, das nach Warten klingt.

Meine Hände stecken tief in den Taschen. Die Luft ist kühl jetzt, die Hitze des Tages ist weg. Ich spüre die Kälte, die vom nassen Boden aufsteigt, eine feuchte Kälte, die in die Knochen kriecht. Es ist eine gute Kälte, eine, die dich daran erinnert, dass du lebst und dass du hier bist.

Ich denke nicht viel, nur in kurzen, abgehackten Sätzen. Schön, das Licht. Die Boote warten. Ich auch. Es ist dieser lakonische Scheiß, der mir im Kopf herumschwirrt. Keine großen Gefühle, nur die Feststellung der Tatsachen. Die Stille ist nicht leer, sie ist vollgestopft mit dem, was ich nicht sage.

Der Himmel wird dunkler, die Farben verblassen zu einem tiefen Violett. Die kleine Hütte auf der Mole, der alte Wachturm, sieht jetzt aus wie eine Festung. Ein letzter Ankerpunkt, bevor die Nacht alles verschluckt. Ich könnte jetzt gehen, mich umdrehen, den Weg zurück in die Wärme suchen. Aber ich bleibe noch einen Moment. Ich will sehen, wie das letzte Licht stirbt. Es ist ein stiller, fast einsamer Moment. Und genau das ist die Magie daran.

Ich bin oft unterwegs, oft allein. Es ist keine Wahl mehr, es ist einfach die Art, wie es ist. Und in solchen Momenten, wenn das Meer atmet und die Welt stillsteht, fühlt sich diese Einsamkeit nicht wie ein Mangel an, sondern wie eine klare Sache. Ein Zustand. Ich nicke dem kleinen Boot zu. Wir warten beide. Das reicht.

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