
Ich ducke mich tiefer in den Windschatten der verrosteten Autowracks, die wir zu einer Hütte zusammengebaut haben. Der Sturm heult um uns herum wie ein lebendiges Wesen, seine Stimme kalt und gnadenlos. Es ist kein normaler Wind – dieser hier hat Zähne, Klauen, einen Hunger, der nie gestillt wird. Er reißt an den Metallplatten, die wir mit Seilen und Bolzen verzweifelt befestigt haben, als wollte er sie wie Papier zerfetzen. Manchmal frage ich mich, ob er uns wirklich nur auslöschen will oder ob er etwas anderes sucht. Etwas, das wir ihm vorenthalten.
„Der Wind frisst unsere Namen“, flüstert das Mädchen neben mir, ihre Stimme so leise, dass ich sie kaum höre. Sie heißt Nerea, ist erst sechs Jahre alt, aber ihre Augen sind alt, als hätten sie schon zu viel gesehen. Sie klammert sich an eine kleine Puppe, deren Plastikgesicht von der Sonne ausgebleicht ist. „Er nimmt sie mit, wenn wir schlafen.“
Ich nicke stumm, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Vielleicht hat sie recht. Vielleicht frisst der Wind wirklich unsere Namen, unsere Geschichten, alles, was uns ausmacht. Was bleibt dann noch übrig?
Die anderen sitzen im Inneren der Hütte, gedrängt zusammen wie Schafe in einem Pferch. Ihre Gesichter sind grau vor Erschöpfung, ihre Lippen aufgesprungen von der trockenen Luft. Seit Tagen wagen wir uns nicht mehr nach draußen. Der letzte Sturm hat zwei unserer Hütten fortgerissen, einfach ausradiert, als hätten sie nie existiert. Wir haben die Trümmer später gefunden, kilometerweit entfernt, zerschmettert und verbogen. Und dazwischen… nichts. Keine Spur von denen, die darin gelebt haben.
„Wir sollten beten“, sagt jemand, eine alte Frau, deren Name ich vergessen habe. Sie hält eine abgenutzte Kette in den Händen, deren Perlen stumpf und rissig sind. „Wir sollten die Geister der Verschwundenen um Hilfe bitten.“
Ich schließe die Augen und versuche, mich an ihre Worte zu klammern. An die Vorstellung, dass es da draußen etwas gibt, das uns hören kann. Dass diejenigen, die der Wind genommen hat, noch irgendwo sind, uns beobachten, uns beschützen. Aber ich spüre nichts. Nur die Kälte des Metalls unter meinen Fingern und das Dröhnen des Sturms, der immer lauter wird.
Dann höre ich es – ein Geräusch, das nicht zum Sturm gehört. Ein leises Knarren, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Ich öffne die Augen und sehe, wie sich eine der Metallplatten löst, langsam, als würde sie von unsichtbaren Händen gezogen.
„Haltet sie fest!“, schreie ich, aber es ist zu spät. Die Platte reißt ab, fliegt davon wie ein Blatt im Wind. Der Sturm dringt in die Hütte ein, greift nach allem, was er finden kann. Ein Mann wird von den Füßen gerissen, sein Schrei wird vom Wind verschluckt, bevor er ganz verschwindet.
„Raus hier!“, brülle ich, aber niemand bewegt sich. Sie sind gelähmt vor Angst, starren auf das Chaos, das um uns herum tobt.
Nerea packt meine Hand, ihre Finger eiskalt. „Er kommt“, flüstert sie. „Der Wind will uns.“
Ich ziehe sie mit mir, kämpfe gegen den Sog an, der uns nach draußen ziehen will. Der Boden unter unseren Füßen ist glitschig von Regen und Schlamm, und jeder Schritt fühlt sich an, als würde ich gegen eine unsichtbare Mauer ankämpfen.
Als wir endlich ins Freie stolpern, sehe ich ihn – den Sturm. Er ist kein gewöhnlicher Wind mehr. Er hat Form angenommen, eine Gestalt, die aus wirbelndem Sand und Metall besteht. Seine Augen sind leere Löcher, sein Mund ein schwarzer Schlund, der immer größer wird.
„Er frisst unsere Namen“, murmelt Nerea wieder, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch.
Ich ziehe sie weiter, weg von der Hütte, die bereits in sich zusammenfällt. Aber der Sturm folgt uns, seine Stimme ein tiefes, vibrierendes Brüllen, das in meinen Knochen widerhallt.
„Lauf!“, schreie ich, aber meine Beine gehorchen mir kaum noch. Der Wind greift nach uns, zieht an unseren Kleidern, unseren Haaren, unserer Haut.
Dann höre ich es – eine andere Stimme, leiser als der Sturm, aber klar und deutlich. Sie kommt von überall und nirgendwo zugleich.
„Lasst los“, sagt sie. „Es ist Zeit.“
Ich bleibe stehen, mein Herz hämmert in meiner Brust. Die Stimme klingt vertraut, als hätte ich sie schon einmal gehört. Vielleicht in einem Traum. Vielleicht in einer anderen Zeit.
„Wer bist du?“, flüstere ich.
„Wir sind die Verschwundenen“, antwortet die Stimme. „Wir haben auf euch gewartet.“
Der Wind legt sich plötzlich, als würde er atmen. Die Gestalt aus Sand und Metall steht reglos da, ihre Augen auf uns gerichtet.
„Kommt mit uns“, sagt die Stimme. „Hier gibt es nichts mehr für euch.“
Ich sehe Nerea an, ihre Augen weit und voller Vertrauen. Sie nickt, als hätte sie verstanden, was ich nicht begreifen kann.
„Okay“, sage ich schließlich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Okay.“
Der Wind hebt uns sanft empor, trägt uns davon, fort von der zerstörten Hütte, fort von der Welt, die wir kannten. Und während wir verschwinden, höre ich die letzten Worte der Stimme, die in meinem Kopf widerhallen:
„Eure Namen sind sicher bei uns.“
Dann ist da nichts mehr. Nur Stille.










