
Ein Bahnhoflautsprecher begann mit einer endlosen Wiederholung. Eine Stimme, metallisch und hohl, kündigte eine Verspätung an, die längst nicht mehr von Minuten oder Jahrzehnten zu sprechen schien. Angermund lag unter einer Decke aus grauem Regen, die den Eindruck erweckte, Zeit sei lediglich eine langsame Zersetzung.
Die Reise begann dennoch – oder vielleicht hatte sie nie wirklich angefangen. Der Zug war ein uraltes Ungetüm aus rostigem Metall und zuckenden Mechanismen, die wie ein lebendiges Wesen atmeten. Im Abteil saßen Schatten, deren Konturen verschwammen, als ob sie von einer anderen Welt auf das hier und jetzt projiziert worden wären. Eine Frau in einem Kleid aus Asche hielt eine Uhr in den Händen, deren Zeiger rückwärtsliefen, während ihre Augen ungerührt durch die Fenster in eine Landschaft blickten, die sich mit jeder Sekunde neu zu erfinden schien.
Die Felder, einst so vertraut, verzerrten sich zu surrealen Schachbrettern aus Gras und Asphalt, während der Himmel plötzlich zerriss, als ob ein unsichtbarer Riese ihn mit einem Dolch aufgeschlitzt hätte. Hindurch strömte ein Licht, das nicht zu dieser Welt gehörte – grell, pulsierend, beinahe aggressiv in seiner Fremdheit. „Das ist nicht die Sonne“, murmelte ein Mann im Anzug aus zerknittertem Papier, „das ist Sewastopol.“
Der Zug sprang. Nicht entgleist, sondern gesprungen, als wäre die Schiene selbst in einen Riss der Realität gefallen. Der Bahnhof war nicht mehr da, Sewastopol noch nicht ganz. Stattdessen eine Szenerie aus Nebel und Geräuschen, irgendwo zwischen Traum und Erinnerung. Eine Glocke läutete. Ein Heerlager tauchte auf, ein Regiment von Soldaten, deren Gesichter aus den Schatten der Geschichte gemeißelt schienen: Krimkrieg, 1855. Ihre Gewehre waren aus Stein, ihre Stimmen ein Choral, der die Stille durchbrach, um von Ruhm und Vergessen zu erzählen.
Dann die Stadt. Sewastopol. Oder das, was von ihr übrig war. Die Mauern bestanden aus geschmolzenem Glas, durchzogen von unzähligen Rissen, die wie Adern ein lebendiges Herz umschlossen. Über den Straßen schwebten Gestalten, halbdurchsichtig und doch voller Präsenz, ihre Bewegungen stockend, als ob sie in einer anderen Zeitlinie gefangen wären. Die Märkte waren gefüllt mit Waren, die zugleich exotisch und unerklärlich vertraut wirkten: Fische mit schuppigen Flügeln, Brot aus Sand und Honig, und eine Flüssigkeit, die in den Gläsern vor sich hin pulsierte, als wäre sie lebendig.
Eine Stimme aus der Ferne rief: „Zurück!“ Doch wer sprach? Die Frau mit der Uhr? Der Mann aus Papier? Oder der ich selbst, Worte die plötzlich ins Leere fielen, als ob sie nicht mehr existierten, sobald sie ausgesprochen waren?
Ein letzter Sprung. Zurück am Bahnhof, im Regen. Der Lautsprecher war still. Der Bahnsteig leer. Doch in meiner Tasche ein zerknittertes Ticket, das nie entwertet wurde, und ein leises Summen, das wie ein Echo aus Sewastopol klang.










