Die Archivarin

Staubstunden

Ich sitze wieder an diesem Ort. Der Wind weht nicht, aber die Geräusche bleiben – splitterndes Glas irgendwo im Obergeschoss, das Knacken von Beton, der sich langsam aufgibt. Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin. Tage? Wochen? Vielleicht war ich immer hier.
Der Staub liegt wie eine zweite Haut auf mir. Ich kratze ihn nicht mehr weg. Er schützt.

Gestern ist das Radio wieder angesprungen. Nur für drei Atemzüge. Dann Stille. Aber ich habe es gehört: „…bleiben Sie ruhig… nicht vergessen…“ – die letzten Worte waren kaum verständlich, verschluckt von dem Rauschen.

Ich halte das Metallstück fester in der Hand. Es war einmal der Griff einer Tür. Oder vielleicht eines Aktenkoffers. Jetzt ist es mein Zeiger. Mein Talisman. Mein Nein zur Vergessenheit.

Ich war Archivarin. Ich wusste, wie man Erinnerung ordnet. Jetzt sortiere ich Ruinen.

Der Junge im Lichtfleck

Ich sehe ihn zuerst nicht. Nur der Lichtfleck an der Mauer hat sich verändert. Flimmert anders. Eine Bewegung inmitten der staubigen Luft, wie ein Falter, der zu früh aus dem Winter kriecht.

Dann knackt irgendwo ein Stück Glas unter Gewicht.

Ich bleibe hocken. Starre. Nicht weil ich Angst habe – die ist alt, wie meine Hände. Eingerostet. Aber es ist besser, den Dingen nicht gleich entgegenzugehen. Man weiß nie, was sie einem bringen.

Noch ein Schritt. Er stolpert. Rutscht aus auf dem blanken Boden, schlägt auf. Ein keuchendes Geräusch. Kein Tier. Zu aufrecht, zu fluchend.
Ich warte. Noch drei Atemzüge. Dann erhebe ich mich langsam, mit dem Knirschen meiner Knie wie ein alter Ofen.

„Du bist spät dran für einen Besuch“, sage ich.

Er hebt den Kopf. Junge Augen, aber was dahinter liegt, ist alt. Krieg oder Flucht oder beides. Er trägt einen Mantel, der zu groß ist und durchtränkt vom Dreck. Das Gesicht ist verschmiert, ein Schnitt über der Stirn, halb verkrustet.

„Ich… ich dachte, es sei leer.“

„Ist es auch“, sag ich. „Leer ist relativ.“

Er schaut sich um, als könne er das prüfen.

„Ich wollte nur… Schlaf. Einen Ort. Nur einen Abend.“
Seine Stimme bricht weg wie eine brüchige Leitung. Ich nicke. Nicht aus Mitleid. Es bringt nichts, Mitleid zu verteilen wie Brot, wenn der Ofen kalt ist.

„Setz dich da hin. Nicht auf den Teppich. Der ist verflucht.“

Er zuckt zusammen, mustert den Fleck. Kein Teppich da. Nur schwarzer Staub.

„Witz“, murmel ich. „Alte Leute dürfen das.“

Er setzt sich. Langsam. Vorsichtig, wie jemand, der gelernt hat, dass jedes Sitzen auch eine Falle sein kann.
Ich hole die Kanne aus Blech. Wasser ist lauwarm, aber sauber. Ich reiche ihm die Tasse. Er trinkt wie einer, der sich fragt, ob das hier ein Trick ist.

„Wie heißt du?“, frage ich schließlich.

„Ejan“, sagt er. „Ich bin aus dem Südflur.“

Ich blinzele. Südflur. Das war mal ein ganzer Bezirk. Jetzt nur noch Geröll und halb zugeschüttete Gänge. Die Schattenlosen waren dort zuerst.

„Was willst du hier?“

Er schaut mich an, ernst, zu lang für sein Alter.

„Nicht vergessen werden.“

Ich nicke. Einverstanden. Kein Held, kein Bettler. Nur einer, der einen Schatten behalten will. Das reicht. Für heute.

Splitter im Gedächtnis

Die Nacht tropft langsam durch das kaputte Dach. Kein Regen, nur Zeit, die sich in den Ritzen sammelt. Ejan schläft nicht. Ich auch nicht.

Er liegt auf dem alten Kartenschrank, den ich mit Decken ausgelegt habe. Früher haben wir dort die Bezirkspläne aufbewahrt. Jetzt schläft ein Junge darauf, der zu viel gesehen hat. Und ich frage mich, was ich da eigentlich rette – Leben oder bloße Anwesenheit?

Ich schiebe den Rollcontainer zur Seite. Darunter liegt noch immer der Zugang zu Raum B3. Der Boden quietscht, als wollte er widersprechen. Drinnen ist es trocken, staubig. Mein Archiv. Mein kleiner Tempel aus dem Davor.

Ich zünde eine Lampe an. Nicht zu hell. Ich mag es, wenn die Dinge nicht gleich alles von sich zeigen.

Karten. Mikrofilmrollen. Alte Banderolen mit Namen, die keiner mehr spricht. Ich ziehe eine davon heraus: „Einsicht: Temporär“. Darin Zettel. Fragmente. Erinnerungen von Leuten, die gelöscht wurden – oder freiwillig verschwanden.

Ich war gut im Aufzeichnen. Nicht im Einordnen, das war nie meine Stärke. Aber ich konnte zuhören. Konnte Fragen stellen, die die Leute vergessen ließen, dass sie antworteten. Damals dachte ich, das sei etwas Gutes. Heute weiß ich, es war auch gefährlich.

Ejan steht plötzlich hinter mir. Leise, barfuß.

„Ist das… dein Versteck?“

Ich zucke nicht zusammen. Aber ich spüre, wie er mich prüft. Ob ich ihn jetzt wegschicke.

„Kein Versteck. Ein Gedächtnis, das nicht gelöscht wurde.“

Er blickt sich um, vorsichtig, fast ehrfürchtig. Dann zeigt er auf eine Kiste.

„Da. Der Schriftzug… das war meine Straße. Vor der Flut.“

Ich ziehe die Schublade heraus. „Viktor-Möll-Gasse. Abschnitt Fünf.“
Papier, leicht angebräunt. Eine Zeichnung eines Jungen. Nicht er. Aber vielleicht sein Bruder. Oder nur einer wie er.

„Was ist das?“

„Zeugnis. Erinnerung. Offizielle Protokolle. Halboffizielle Träume. Viel Müll. Aber auch Wahrheit, dazwischen.“

Er sieht mich an, eine Sekunde zu lang.

„Du bist Archivarin“, sagt er. Nicht fragend. Feststellend.

„War. Jetzt bin ich die, die sich erinnert, damit andere schlafen können.“

Er nickt. Dann sagt er: „Ich will lernen, wie man liest. Nicht Bücher. Solche Sachen.“

Ich sehe ihn lange an. Dann reiche ich ihm ein Blatt. „Dann fang an. Aber nicht mit den Augen. Mit der Stille dazwischen.“

Er nimmt es, hält es ins Licht. Und ich sehe zum ersten Mal, dass seine Hände nicht nur zittern – sie lernen.

Die Schattenlosen

Am Morgen ist die Luft schwer wie altes Brot. Kein Wind, aber alles riecht nach Metall. Nach Kabelbrand, Rost und etwas Tieferem, Süßlichem, das ich nicht benennen kann. Ich kenne diesen Geruch. Ich habe ihn zuletzt gerochen, als der Südtrakt fiel.

Ejan hockt vor dem Fenster. Zwischen zwei alten Aktenregalen, die ich nie ausgeräumt habe. Er späht hinaus, als würde der Himmel heute eine andere Farbe tragen.

„Sie waren hier“, sagt er. Kein Zögern. Kein Vielleicht.

Ich gehe zu ihm. Draußen liegt das, was einmal die Promenade war. Jetzt bloß noch geborstene Gehwegplatten und ein umgestürzter Kiosk, aus dem ich früher Zeitungspapier für die Toilette geholt hab.

„Woher willst du das wissen?“

„Sie hinterlassen nichts“, sagt er. „Nur das.“

Er zeigt nach unten. Auf den Boden, direkt vor dem Gebäude. Zwei kleine Kreise im Staub. Fast unsichtbar. Ich hätte sie übersehen.

„Schatten“, sage ich. „Oder besser: ihr Fehlen.“

Er nickt. „Sie tragen keine. Oder sie nehmen sie weg.“

Ich setze mich langsam auf die Fensterbank, der Rahmen bricht ein wenig unter meinem Gewicht. Es ist Jahre her, dass ich das letzte Mal jemanden über die Schattenlosen habe sprechen hören. Meist flüsterten die Leute nur. Flüsterten und verschwanden. Oder wurden still, ganz ohne Grund.

„Was wollen sie von dir?“

Ejan antwortet nicht sofort. Zieht die Jacke enger um sich. Dann: „Mein Vater war bei ihnen. Früher. Hat mitgemacht beim Vergessen. Akten verbrannt. Stimmen gelöscht. Irgendwann hat er gemerkt, was das mit ihm macht.“

„Er ist gegangen?“

„Er hat sich selbst aufgelöst. Nicht körperlich. Nur… aus allem raus. Hat mir gesagt: ‚Erinnere dich, aber nicht an mich.‘ Und dann war er weg.“

Ich spüre einen Knoten in der Brust. Kein Mitleid. Nur eine alte Beklemmung, die ich kenne. Wenn Menschen so reden, als wären sie schon halb durch eine Tür, die noch keiner sieht.

„Sie suchen dich also, weil du sein letzter Schatten bist.“

„Oder weil ich es nicht sein will“, sagt Ejan.

Wir schweigen. Draußen kräuselt sich Staub in der Ferne. Kein Wind, aber Bewegung. Vielleicht ein Hund. Vielleicht etwas anderes.

Ich greife nach dem alten Schlüsselbund an meinem Gürtel. Noch drei Räume, die ich nie geöffnet habe. Einer davon hat keinen Griff. Nur ein Symbol, das aussieht wie ein Auge, das träumt.

„Wir müssen uns vorbereiten“, sage ich. „Wenn sie kommen, brauchen wir mehr als Erinnerungen.“

Ejan schaut mich an. Und zum ersten Mal sehe ich darin nicht nur Angst – sondern Trotz.

Funken im Dunkel

In der dritten Nacht flackert plötzlich Licht auf. Kein großes Spektakel. Nur ein kurzes, stumpfes Zucken im Dunkel. So, als würde jemand versuchen, sich zu erinnern, wie Elektrizität funktioniert.

Ich sitze gerade am alten Speichergerät, das früher Daten ausgelesen hat. Jetzt ist es nur noch ein Klotz aus Metall und Staub, auf dem ich gern meinen Tee abstelle. Doch diesmal… diesmal vibriert es leise.

Ejan kommt die Stufen herunter, barfuß, wie ein Tier, das gelernt hat, dass Schritte töten können. Er sagt nichts. Zeigt nur mit dem Finger in die Ecke, wo das Funkgerät steht. Ich hatte es fast vergessen. Ein alter Kasten, rostig, mit einer zerfetzten Antenne aus Draht und Hoffnung.

Ich stehe langsam auf. Die Kabel sind lose, verlaufen wie Adern über den Boden. Ich ziehe vorsichtig an einem von ihnen – nichts. Dann drehe ich den Knopf, obwohl er sich kaum noch bewegen lässt.

Ein Klicken. Kein Ton. Nur ein leises Summen, das wie ein Atemzug klingt. Ejan beugt sich näher.

Dann:
„…hörst du… hörst du…“

Die Stimme ist kaum ein Hauch. Weit entfernt. Bruchstückhaft. Als würde jemand durch eine andere Zeit sprechen.

„…nicht vergessen… sie sehen dich nicht… wenn du bleibst…“

Dann nur noch Rauschen. Kein Signal mehr. Keine Richtung.

Ejan starrt auf das Gerät. „War das…?“

„Jemand lebt noch“, sage ich. „Oder spielt sehr gut mit uns.“

„Es klang wie… wie meine Mutter“, flüstert er. „Aber das kann nicht sein.“

Ich sage nichts. Weil ich weiß, wie oft man Dinge hört, die man braucht. Und wie selten das Zufall ist.

„Was hat sie gemeint mit ‘sie sehen dich nicht, wenn du bleibst’?“, fragt er.

„Vielleicht ist Bewegung der Fehler“, murmele ich. „Vielleicht ist die einzige Freiheit, nicht zu fliehen.“

Er sieht mich an, erschrocken. „Du willst nicht weg?“

„Ich will nicht gelöscht werden“, sage ich. „Das ist nicht dasselbe.“

Wir schweigen lange. Draußen beginnt es zu dämmern, aber das Licht dort draußen wirkt falsch – zu grau, zu still, als hätte die Sonne vergessen, wie man Morgen macht.

Das Funkgerät rauscht weiter, wie ein Wesen mit schlechtem Atem. Und ich spüre es: etwas hat sich verschoben. Nicht draußen. Hier drin. In diesem Ort, in uns. Als hätte jemand den Vorhang kurz gelüftet.

Der Kellergang

Ich habe den Schlüssel nie benutzt. Nicht einmal, als alles fiel. Manche Türen gehören geschlossen, weil das, was dahinter liegt, nicht vergessen – sondern weggesperrt wurde.

Aber jetzt stehe ich davor.

Der Gang, der zum alten Westkeller führt, ist schmal, halb eingestürzt. Ich habe ihn früher „die Kehle“ genannt, weil er klingt wie ein Rachen, wenn man hindurchgeht – trocken, hohl, mit diesen seltsamen Echos, die mehr sagen, als man hören will.

Ejan folgt mir. Still. Kein Wort. Er weiß, dass man hier nicht laut sein darf. Nicht wegen jemandem, der zuhört. Sondern weil die Worte selbst zu viel aufwecken könnten.

Die Tür steht schief in ihrem Rahmen. Rost hat sie aufgedunsen, wie ein Leichnam, der zu lange im Wasser liegt. Ich drücke dagegen, langsam. Der Geruch schlägt mir entgegen: Papier, das sich aufgegeben hat. Öl. Und etwas anderes. Metallisch. Als hätte jemand Gedanken eingeschmolzen.

„Was ist das hier?“, flüstert Ejan.

Ich zünde eine Lampe an. Das Licht ist gelb, warm, fast zu freundlich für den Raum. Regale, teilweise eingestürzt. Schränke mit eingeritzten Zeichen. Eine Wand aus grauem Beton, darauf: das Symbol eines Auges – das träumt.

„Das war mein Raum“, sage ich leise. „Oder eher: der Raum, den man mir gegeben hat, als ich aufgehört habe zu fragen.“

Ich gehe zu dem Schrank in der Ecke. Ziehe eine Schublade auf. Darin: eine Kassette. Magnetband, schwarz, beschriftet mit einem einzigen Wort:

M.

Ich halte sie Ejan hin. Er nimmt sie nicht.

„Dein Name?“, fragt er.

„Vielleicht.“

Ich setze mich auf den Boden, ziehe einen alten Rekorder aus der Kiste. Funktioniert wahrscheinlich nicht mehr. Aber vielleicht… Ich lege das Band ein, drücke Play.

Zuerst nur Rauschen.

Dann: meine Stimme. Jünger. Schneller. Noch nicht müde.

„Eintrag 44. Die Anfrage ist eindeutig. Die Person M. wird aus den offiziellen Erinnerungen entfernt. Status: flüchtig. Begründung: Gedächtnisabweichung.“

Ich schließe die Augen. Ich erinnere mich an diesen Tag. Ich habe mich selbst archiviert. Um zu bleiben. Um nicht ausgelöscht zu werden.

Ejan schaut mich an, als würde er mich zum ersten Mal sehen.

„Du hast dich selbst versteckt?“

Ich nicke. „Weil ich wusste, dass sie kommen. Und ich nicht kämpfen kann. Nur speichern.“

Er setzt sich neben mich. „Dann war das nicht Feigheit.“

„Nein“, sage ich. „Das war Archivarbeit.“

Wir sitzen still. Zwischen uns das Band, das leise weiterläuft. Und irgendwo im Hintergrund – ein Geräusch. Kein Echo. Kein Tier. Etwas anderes. Der Keller atmet.

Das Holzauge

Er hat es in der Jackentasche getragen, zwischen Fetzen Stoff und einem zerbrochenen Löffelgriff. Ein kleines Ding, kaum größer als eine Walnuss, glatt geschliffen, dunkel, mit feinen Einkerbungen. Ein Auge. Aus Holz.

Ejan legt es mir auf den Tisch, ohne ein Wort zu sagen.
Ich drehe es langsam zwischen den Fingern. Es ist schwerer, als es aussieht. Die Oberfläche warm, wie von Haut. Und die Pupille – keine Gravur, sondern ein eingesetzter schwarzer Stein. Obsidian, vielleicht.

„Woher?“, frage ich.

„Im Nordtrakt gefunden. In einer Kiste mit Essensresten. Neben einem Kinderschuh.“

Ich nicke. Der Nordtrakt war lange geschlossen. Noch vor dem letzten Regierungswechsel. Da wurden viele Dinge eingelagert, die keiner sehen sollte – Erinnerungsobjekte, sagte man. Überreste von Personen, die nicht mehr vorkamen.

Ich nehme eine Lupe aus dem alten Werkzeugkasten. Halte sie über das Holzauge. Die Gravur ist feiner, als ich dachte. Ringe. Spiralen. Und mittendrin ein Zeichen: Zwei Querlinien, durchkreuzt von einem Bogen. Ich erkenne es sofort.

„Verdammt“, murmele ich. „Das ist das alte Symbol der Sichter.“

Ejan runzelt die Stirn. „Wer?“

„Die ersten, die Geschichten gesammelt haben. Lange vor der offiziellen Archivierung. Halb Priester, halb Aufzeichner. Sie trugen diese Augen als Insignien. Sie glaubten, Erinnerung sei etwas Lebendiges. Etwas, das atmet. Und dass man es… füttern muss.“

„Mit Wahrheit?“, fragt er.

„Oder mit allem, was wie Wahrheit klingt.“

Ich drehe das Auge um. Auf der Rückseite: ein Loch. Kein technischer Anschluss, kein Hohlraum. Nur ein winziger Spalt. Ich fühle, wie mein Daumen darin hängen bleibt – und ein leichtes Klicken folgt. Das Holz teilt sich. Lautlos.

Im Inneren: ein zusammengerollter Streifen Stoff. Ich ziehe ihn vorsichtig heraus. Alt, fast brüchig. Darauf genähte Buchstaben:

„Unit 04 – Rückführung. Zutritt nur mit Lichtträger.“

Ich schaue Ejan an. Er wirkt bleich, als hätte das Auge ihm selbst in den Kopf gesehen.

„Kennst du diesen Ort?“, frage ich.

Er nickt langsam. „Ein Tunnel. Südwestlich, unter dem alten Kanal. Dort, wo früher die Züge endeten. Man sagt, dort verschwinden Leute – nicht mit Gewalt, sondern mit Erinnerung. Sie vergessen, warum sie kamen.“

Ich stehe auf. Greife nach meiner Lampe. Die alte, mit dem violetten Filter. Keine Ahnung, warum ich sie damals behalten habe.

„Dann gehen wir da hin“, sage ich.

Ejan zögert. „Und wenn wir auch vergessen?“

„Dann erinnere du dich an mich. Und ich an dich. Vielleicht reicht das.“

Wir nehmen das Auge mit. In einer Blechtasse, eingewickelt in Stoff. Als wäre es ein Herz, das schlägt, sobald es keiner beobachtet.

Feuerzeichen

Es beginnt am frühen Abend. Keine Explosion, kein Knall. Nur ein Licht am Horizont, falsch für diese Tageszeit. Rot, flackernd. Und dann: der Geruch. Beißend, süßlich, alt. Brennendes Plastik. Erinnerungen.

Wir stehen auf dem Dach der alten Registratur. Zwischen uns das Holzauge, das wir in eine Schale gelegt haben, als würde es mit uns beobachten. Unten: die Stadt, wie eine zerdrückte Konserve. Dazwischen ein einzelner schwarzer Streifen, der sich nach oben windet wie eine Drohung.

„Das ist die Bibliothek“, sage ich. „Block C.“

Ejan schluckt. „Da war ich gestern. Hab nach etwas gesucht. Nur kurz. Ich war leise.“

Ich sehe ihn an. „Du warst nicht allein.“

Er schüttelt den Kopf. Zu schnell. Zu oft. Dann: „Ich hab einen Namen gesagt. Deinen. Als ich ein Buch gesucht hab. Laut. Nur… einmal.“

Ich schließe die Augen. Es reicht. Ein Name. Ein Wort. Ein Abdruck im Staub – und sie finden dich. Die Schattenlosen haben keine Waffen. Sie brauchen keine. Sie löschen anders.

„Wir müssen los“, sage ich.

„Wohin?“

„Zurück in den Tunnel. Zum Ort, den das Auge kennt. Wenn sie uns suchen, sollen sie uns dort nicht finden.“

Er packt seine Sachen. Ich nehme nur das Nötigste. Keine Erinnerungsstücke. Keine Aufzeichnungen. Nur das Funkgerät – und das Auge.

Bevor wir gehen, werfe ich einen letzten Blick in den Raum. Alles, was ich über Jahrzehnte gesammelt habe, bleibt hier. Vielleicht finden sie es. Vielleicht löschen sie es. Aber nicht mich.

Wir schleichen durch die Nebengänge, wo die Rohre noch singen, wenn man sie berührt. Am Rand des Nordschachts halten wir kurz an. Ich lege meine Hand auf die Wand. Flüster: „Bleib. Wenn du kannst.“

Der Himmel ist inzwischen aschefarben. Der Rauch zieht tiefer in die Stadt. Und da, an der Mauer zur alten Durchgangsstraße, sehe ich es:

Ein Zeichen. In Ruß gemalt. Zwei Querlinien. Ein durchgehender Bogen.

„Sie wissen, wo du bist“, sagt Ejan.

„Oder sie wollen, dass ich das denke.“

Er nickt, aber ich sehe die Angst. Er ist noch zu jung für diesen Krieg aus Zeichen und Schweigen. Aber er geht mit. Vielleicht, weil er mir vertraut. Vielleicht, weil niemand sonst mehr da ist.

Wir verschwinden in den unteren Ebenen. Die Geräusche über uns sind weit entfernt. Aber sie sind da. Stimmen ohne Körper. Geräusche ohne Quelle. Und ich weiß: Das Feuer war kein Signal. Es war ein Satz. Und er lautet:

Wir kommen näher.

Der Name unter der Haut

Der Tunnel riecht nach altem Eisen und Erinnerungen, die jemand eingeschlossen hat. Nicht wie Gefangene – eher wie Tiere, die man vergessen wollte, bis sie ihre Namen vergaßen.

Wir sind stundenlang unterwegs. Keine Karte, nur das, was noch in meinem Kopf geblieben ist – und das Holzauge, das ich gelegentlich in der Hand drehe, wie ein Kompass, der nicht nach Norden zeigt, sondern nach… Bedeutung.

Ejan läuft hinter mir. Schweigend. Nur manchmal schürft seine Tasche an der Wand, wenn er zu eng geht. Ich sag nichts. Ich weiß, dass er über etwas nachdenkt, das ihn auffrisst.

Erst als wir anhalten, um Wasser aus einer alten Leitung zu holen, spricht er.

„Ich hab’s dir nicht gesagt“, murmelt er. „Weil ich dachte, es ist nur… Haut.“

Ich drehe mich zu ihm. „Was meinst du?“

Er zieht langsam die Jacke aus. Dann das Hemd. Dreht sich. Und da, auf seinem Rücken – eine Narbe, langgezogen, verwachsen, aber deutlich: Buchstaben. Nicht gestochen, nicht gebrannt. Eingeritzt. Wie mit einem stumpfen Messer.

SERAPHIM 04 // KERNSYSTEM RÜCKFÜHRUNG

Ich bin sofort wieder kalt. Als hätte jemand die Luft abgesaugt. Das ist kein Straßenname. Keine Herkunft. Das ist Systemlogik. Verwaltungssprache. Der Junge trägt eine Adresse – in sich.

„Woher…?“, setze ich an.

„Ich weiß es nicht“, sagt er. „Ich war klein. Vielleicht vier. Mein Vater hat sie mir gezeigt, gesagt, ich soll sie nie jemandem zeigen. Ich dachte, es wäre nur ein alter Code. Aber du hast das Wort gesagt. Rückführung.“

Ich nicke langsam. Seraphim 04 – das war ein experimentelles Archivsegment. Nie offiziell. Es sollte Erinnerungen „veredeln“. Korrigieren. Rückführen zur gewünschten Realität.

„Du bist nicht nur ein Träger“, sage ich. „Du bist ein Schlüssel.“

Er zieht das Hemd wieder über den Kopf. „Und wenn ich was öffne, das besser geschlossen bleibt?“

„Dann musst du dich entscheiden, was wichtiger ist: wissen oder vergessen.“

Er lacht leise. „Und du?“

Ich sehe ihn an. „Ich hab mich vor Jahren fürs Erinnern entschieden. Ich kann nicht zurück. Ich bin längst Archiv.“

Er sagt nichts mehr. Wir gehen weiter. Tiefer. Wo die Luft stillsteht und das Echo einen Sekundenbruchteil zu spät antwortet – als müsste es sich erst erinnern, wie Stimme klingt.


Kapitel 10 wartet: Die Rückschau der Maschinen – ein noch aktives System, das Marga erkennt… und testet. Bereit?

Du:

bereit

ChatGPT:

Kapitel 10: Die Rückschau der Maschinen
(aus „Die Asche bleibt“)


Der Gang wird enger. Beton, von Moos durchzogen. Alte Anzeigen flackern an den Wänden – Strom, der nicht weiß, warum er noch fließt.

Dann stehen wir vor der Tür.

Kein Schloss, kein Griff. Nur ein Panel mit einer matten Oberfläche, in die sich über die Jahre die Luft selbst eingebrannt hat. Ich lege meine Hand darauf. Sie zögert. Dann blinkt das Licht auf – kaltblau. Maschinenblau.

„Identität prüfen.“

Die Stimme ist wie Glas – zu klar, zu glatt.

„Subjekt erkannt: M. Archivsegment 11-B. Zugriff genehmigt. Letzter Eintrag: 14.318 Tage zuvor.“

Ejan starrt mich an. „Du hast… das Ding lebt noch?“

„Nicht lebt. Funktioniert.“

Die Tür gleitet zur Seite. Kein Geräusch. Drinnen: Dunkel. Dann, langsam, tauchen die alten Bildschirme auf. Schichten aus Licht, Bewegungen wie Gedanken in Flüssigkeit. Und in der Mitte: ein Stuhl. Aus Metall. Geformt wie eine Frage.

„Rückschau aktiviert“, sagt die Stimme. „Subjekt M. – Einblick oder Eingriff?“

Ich zögere. Dann: „Einblick.“

Der Stuhl beginnt zu flimmern. Bilder erscheinen. Keine echten. Erinnerungsfragmente. Ich sehe mich – jünger, entschlossener. Im Gespräch mit einem Mann, den ich vergessen wollte. Grauer Anzug. Kein Gesicht. Nur Stimme:

„Sie dokumentieren zu viel. Gefühle, Untertöne, Dinge, die nicht überprüfbar sind.“

„Das ist Erinnerung“, höre ich mich sagen. „Nicht Statistik.“

Der Bildschirm zittert. Dann – ein neuer Abschnitt. Eine Tür. Dahinter: Licht. Und eine Gestalt. Ich. Oder jemand, der wie ich aussieht.

Ejan flüstert: „Das ist deine Schwester.“

Ich drehe mich zu ihm. „Was?“

„Ich hab sie gesehen. Früher. In einem der Lehrsegmente. Bevor sie gelöscht wurde. Sie hieß Marei.“

Der Name trifft mich wie Staub in der Lunge. Ich hatte vergessen, dass ich sie vergessen wollte. Sie war Teil der Rückführungseinheit. Die letzte, die geblieben ist, als ich ging.

„Ein letzter Eintrag ist vorhanden. Zugriff nur mit Lichtträger.“

Ich sehe Ejan an. Das Auge in seiner Tasche beginnt zu vibrieren, kaum spürbar. Er zieht es heraus. Hält es in die Luft. Die Tür zur Rückschau öffnet sich – tiefer, weiter.

Ich zögere.

„Wir müssen wissen, was da drin ist“, sagt Ejan. „Nicht nur für dich. Für alles.“

Ich gehe voran.

Die Rückschau ist kein Ort. Es ist ein Gedanke, der Raum gefunden hat.

Und wir betreten ihn.

Ein letzter Eintrag

Der Raum ist still wie das Auge eines Sturms. Kein Summen. Kein Rauschen. Nur diese vollkommene Abwesenheit von Geräusch, die weh tut. Ich spüre mein eigenes Blut lauter als sonst. Und irgendwo dazwischen: eine Stimme.

„Eintrag 56. Archivcode: Marei. Letzte Position: Rückführungseinheit 04.“

Sie klingt müde. Nicht kaputt – aber wie jemand, der lange nicht gesprochen hat, weil keiner mehr zuhört. Ich erkenne den Ton. Diese Ruhe, die man lernt, wenn man alles aufschreibt, obwohl man weiß, dass es niemand liest.

„An M. Wenn du das hörst, bist du geblieben. Oder zurückgekehrt. Vielleicht hast du dich erinnert, vielleicht hast du nie vergessen.“

Ich gehe näher. Die Stimme kommt aus einem alten Holo-Emitter, eingelassen in eine Wand aus dunklem Glas. Kein Bild, nur Klang. Ejan steht still neben mir, das Holzauge in der Hand, fest umklammert.

„Ich habe die Rückführung nicht überlebt, wie sie es wollten. Ich habe mich versteckt. Nicht physisch. In den Erinnerungen anderer. In ihren Stimmen. Ich bin noch da, Marg.“

Ich schließe die Augen. Marei hat mich immer so genannt. Marg. Kein Spitzname. Eine Verkürzung. Weil sie sagte: Du brauchst weniger Buchstaben, du bist zu schwer.

„Du hast geglaubt, du wärst feige. Weil du nicht geblieben bist. Aber du warst der einzige Fluchtweg, den ich hatte. Du hast mich gespeichert, ohne es zu wissen.“

Ejan sieht mich an. Ich merke, dass ich weine. Still. Keine Tränen, nur Wasser, das nicht fragt, wohin es soll.

„Der Junge, den du bei dir hast – er trägt etwas, das sie nicht löschen konnten. Vielleicht, weil es kein System ist. Sondern ein Echo. Und du musst entscheiden, was du mit dem Echo tust.“

Dann Stille. Kein Ende. Keine Abschiedsformel. Nur das leise Knacken eines Systems, das atmet, obwohl es keinen Körper mehr hat.

Ich lehne mich gegen die Wand. Sie ist warm. Als hätte die Stimme sich hineingesetzt.

„Ich erinnere mich an sie“, sage ich.

„Ich auch“, sagt Ejan leise. „Obwohl ich sie nie kannte.“

Ich blicke ihn an. Er ist bleich. Aber fest. Wie jemand, der weiß, dass Tragen nicht dasselbe ist wie Zerbrechen.

„Wir gehen“, sage ich.

„Wohin?“

„Dorthin, wo die Stimmen noch flackern. Zur Grenze.“

Er nickt. Kein Widerstand. Kein Zweifel. Und ich weiß: wir sind jetzt mehr als zwei Menschen. Wir sind ein Archiv auf Beinen.

Grenze aus Klang

Es beginnt mit einem Ton, den man kaum hört. Eine Frequenz, die unter der Haut kribbelt, als würde das eigene Blut plötzlich rückwärts fließen.

Wir hören ihn, als wir die alten Versorgungsschächte durchqueren. Nicht laut, nicht eindeutig – nur da. Wie ein Lied, das man aus Kindertagen kennt, aber dessen Text längst verwaschen ist.

„Das ist die Stimme“, sagt Ejan. „Die, die flüstert, wenn man einschläft.“

Ich nicke. Ich hab sie auch gehört. Früher. In der Übergangszeit, als alles fiel. Manche sagten, sie käme von der anderen Seite der Stadt. Andere: aus sich selbst.

Wir folgen ihr.

Kein Plan, keine Karte. Nur dieser Klang, der nicht durch Ohren geht, sondern durch Knochen. Je näher wir kommen, desto mehr verändert sich die Welt. Wände beginnen, leicht zu vibrieren. Der Staub bewegt sich gegen den Luftzug. Türen stehen offen, ohne Grund.

„Hier war früher eine Sicherungsgrenze“, murmele ich. „Zugang nur für autorisierte Träger.“

„Und wir?“, fragt Ejan.

„Wir tragen mehr, als sie je erwartet haben.“

Am Ende des Schachts öffnet sich ein weites Becken. Eine Art Halle, aber ohne Zweck. Keine Maschinen, keine Möbel. Nur Beton, rissig, mit eingeritzten Symbolen: Kreise, Bögen, Linien – wieder das Zeichen der Sichter.

In der Mitte: ein Turm aus alten Lautsprechern. Aufeinandergestapelt, asymmetrisch, wie eine Skulptur aus Lärm. Und aus ihm: der Ton. Jetzt deutlich. Ein rhythmisches Pulsieren. Kein Lied. Kein Code. Eine Art Atem.

Ejan tritt näher. Das Holzauge in seiner Hand beginnt zu glimmen. Schwach, wie Glut.

„Wenn du willst, kannst du es hier lassen“, sage ich. „Wir müssen nicht weiter. Nicht so.“

Er schüttelt den Kopf. „Das Ding… es will nicht bleiben. Es sucht.“

„Wonach?“

„Erinnerung. Oder Bedeutung.“

Ich lege meine Hand auf den untersten Lautsprecher. Er ist warm. Und ich höre es jetzt auch: Nicht nur Ton. Stimmen. Viele. Durcheinander. Geflüstert. Gelacht. Geweint.

„Das ist das Archiv“, sage ich leise. „Nicht das, was wir gesammelt haben. Sondern das, was wir nie losgeworden sind.“

Ejan geht einen Schritt weiter. Die Lautsprecher antworten. Die Frequenz verändert sich. Und ich begreife: das System erkennt ihn. Nicht als Feind. Nicht als Fremden. Sondern als Träger.

Die Grenze ist nicht aus Beton. Nicht aus Stahl. Sie ist aus Klang. Und wir haben den Schlüssel.

Das Feld der Stimmen

Draußen ist kein Himmel.

Nur ein endloses Grau, das pulsiert, als würde es atmen. Kein Wind. Kein Geräusch, außer dem eigenen Blut, das in den Ohren hämmert. Wir stehen auf einem offenen Feld – oder dem, was davon übrig ist. Asphaltplatten, von Moos überwuchert. Zwischen den Rissen wachsen Kabel, als wären sie Pflanzen, die nach Strom greifen.

Ejan geht vor mir. Das Holzauge trägt er jetzt um den Hals, mit einer Kette aus Draht und Stoffresten. Es leuchtet schwach. Wie Erinnerung kurz vor dem Verblassen.

„Was ist das hier?“, fragt er.

Ich blicke mich um. Es sieht aus wie ein Lagerplatz – nur viel zu groß, viel zu still. Überall liegen Dinge: alte Lautsprecher, defekte Geräte, Tonbandrollen, Schallplatten ohne Hüllen. Alles, was je Sprache gespeichert hat. Alles, was klang.

„Ein Speicherfeld“, sage ich. „Kein Archiv im klassischen Sinn. Sondern ein Ort, an dem Stimmen abgelegt wurden. Ohne Ordnung. Ohne Bewertung. Sie nannten es… das freie Echo.“

Er tritt auf einen zerbrochenen Lautsprecher. Aus dem Inneren erklingt ein kurzer Ton – ein Lachen, hell und fremd, gefolgt von Stille.

„Sind das alles echte Stimmen?“, fragt er.

„Vielleicht“, sage ich. „Oder nur Bruchstücke. Fragmente. Alles, was nicht mehr passte. Alles, was niemand haben wollte.“

Wir gehen weiter. Jeder Schritt knackt unter unseren Füßen. Geräusche lösen sich wie Sporen aus dem Boden – Fetzen von Gesprächen, Schluchzen, Flüche. Und ich merke, wie die Stimmen versuchen, sich zu erinnern. An uns. An sich selbst.

Ejan bleibt stehen.

„Da – hörst du das?“

Ich nicke. Eine Stimme. Klarer als die anderen. Und sie sagt nur einen Satz:

„Du bist kein Träger. Du bist das, was getragen wird.“

Das Holzauge flackert. Ejan greift instinktiv danach. Sein Gesicht ist bleich.

„Das war… meine Mutter. Ich weiß es.“

Ich lege ihm die Hand auf die Schulter. „Sie lebt in dieser Frequenz. Nicht körperlich. Aber echt genug.“

Er sieht mich an. Und ich begreife: Er ist bereit. Nicht für eine Antwort. Aber für einen Schritt.

Wir erreichen den Mittelpunkt des Feldes. Ein alter Sendeturm. Eingestürzt, aber der Sockel glüht leise. Aus der Tiefe steigt ein Ton auf, der kein Ton ist. Mehr ein Gefühl. Wie Gänsehaut von innen.

„Was passiert, wenn wir hier bleiben?“, fragt Ejan.

„Vielleicht werden wir Teil davon.“

„Und wenn wir weitergehen?“

Ich lächle. „Dann tragen wir es hinaus.“

Er schaut zum grauen Himmel. Dann nickt er. Und tritt auf die Platte in der Mitte.

Das Feld beginnt zu singen.

Was bleibt

Das Lied des Feldes ist kein Lied. Es ist mehr ein Summen, ein Echo, das sich selbst nicht kennt. Es durchdringt uns, ohne zu fragen. Ohne Gewalt. Nur Gegenwart.

Wir stehen in der Mitte, Ejan und ich. Das Holzauge leuchtet jetzt wie ein Herz unter der Haut. Der Sockel vibriert leicht. Und ich spüre es: Das System erkennt uns. Nicht als Fehler. Nicht als Störung. Sondern als Fortsetzung.

„Rückführung abgeschlossen. Neue Eintragung bereit.“

Die Stimme ist nicht mehr kalt. Sie klingt wie ein Gedicht, das sich entschuldigt.

„Was bedeutet das?“, fragt Ejan.

Ich atme tief ein. Die Luft ist schwer, fast süßlich. Wie kurz vor dem Regen, den niemand erwartet.

„Es heißt, wir dürfen erzählen“, sage ich.

Ich öffne den alten Recorder, den ich mitgeschleppt habe. Die Batterien sind schwach, das Band löchrig. Aber das ist egal. Ich drücke Record. Und spreche.

„Eintrag: heute. Ort: unbenannt. Zustand: fortbestehend. Ich heiße Marga. Ich erinnere mich.“

Ejan tritt neben mich. Seine Stimme zittert. Aber sie hält.

„Ich heiße Ejan. Ich trage keinen Namen. Ich wurde nicht vergessen.“

Der Sendeturm sendet nicht. Aber das Feld nimmt auf. Ich weiß es. Alles, was wir sagen, geht nicht verloren. Nicht diesmal. Nicht mehr.

Ich schaue ihn an. „Was willst du tun?“

Er überlegt nicht lange.

„Ich will sammeln. Geschichten. Stimmen. Was übrig bleibt.“

Ich nicke. „Dann nimm das Auge. Es gehört jetzt dir.“

Er nimmt es ab, legt es mir in die Hand. Dann schließt er meine Finger darum.

„Nein“, sagt er. „Du warst die Erste. Du musst die Letzte sein.“

Ich spüre das Holz warm in meiner Hand. Kein Artefakt. Kein Symbol. Nur Gewicht. Erinnerung.

Wir verlassen das Feld, langsam. Der Himmel ist noch immer grau. Aber irgendwo dort oben bewegt sich etwas. Vielleicht Licht. Vielleicht Zeit.

Ich drehe mich noch einmal um. Das Feld ist still geworden. Aber ich weiß – wir haben es verändert. Und es uns.

Ich bin Marga. Ich war Archivarin. Ich bin geblieben.

Und was bleibt –
ist genug.

Ende.

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