Der Mann, der nie existierte


Jemand erinnert sich an ihn. Aber niemand weiß, ob er jemals real war.

Sein Name war – oder hätte sein können – Laurent. Oder vielleicht war es nur ein Laut, den der Wind in den Ritzen einer verlassenen Straße hinterließ. Die Stadt, in der er gewandelt sein soll, hat ihn vergessen. Kein Passant erinnert sich an seine Schritte, keine Tür öffnete sich je für ihn, und doch scheint sein Schatten durch die Gassen zu gleiten, als sei er eben erst hier gewesen.

Ich höre seinen Namen in den Flüsterungen der Bücher der alten Bibliothek, jenen, die nur dann sprechen, wenn niemand hinsieht. Sie nennen ihn ohne Gewissheit, als wäre er ein Nachhall aus einer Zeit, die nie stattfand.

„Er trug einen dunklen Mantel“, sagt eine Frau, deren Gesicht ich nicht erkennen kann. „Seine Stimme klang, als würde sie aus einer anderen Richtung kommen als sein Mund.“

„Nein“, widerspricht ein Mann, der sich an der Bar im Theater ohne Publikum festhält. „Er hatte gar keinen Mantel. Er war bloß eine Bewegung in der Luft, eine kleine Verzerrung der Dinge.“

Und doch: Ich erinnere mich.

Oder bilde ich es mir nur ein?

Sein Gesicht ist in Spiegeln nicht zu sehen, und dennoch scheint mir, dass ich ihn einmal kannte. Vielleicht in einem Traum, vielleicht in einem Moment zwischen zwei Gedanken. Ich gehe durch die Straßen der letzten Stadt, wo alle Wege in den Abgrund führen, und suche nach einer Spur – einer Notiz, einem vergessenen Gegenstand, einem Blick, der ihn bezeugt.

Nichts.

Nur ein Echo. Ein Lachen, das nicht mehr weiß, wem es einst gehörte.

Ich frage den alten Mann am Rand der Brücke ins Nichts.

„Laurent?“ Er spuckt aus und sieht mich durchdringend an. „Er hat nie existiert.“

„Aber Sie kennen seinen Namen.“

Der Mann zuckt die Schultern. „Vielleicht.“

Vielleicht.

Vielleicht war er hier. Vielleicht war er überall. Vielleicht bin ich es, der nie existiert hat.

Ich höre ein Geräusch hinter mir – das leise Knarren einer Tür, die es nicht gibt.

„Laurent?“ flüstere ich.

Und dann: Stille.


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