Wasserkocher

Er steht in der Küche und wartet, dass das Wasser kocht. Der Wasserkocher klingt, als nehme er die Sache persönlicher als nötig. Auf der Arbeitsplatte liegt eine halbierte Zitrone, eingetrocknet am Rand, daneben eine Tasse mit einem Sprung im Henkel, den man nur sieht, wenn das Licht schräg reinfällt. Draußen fährt ein Bus vorbei. Irgendwo im Haus lässt jemand etwas fallen. Es ist alles klein, alles gewöhnlich, alles so unerquicklich normal, dass es beinahe beleidigend wirkt.

Er hält den Teebeutel zwischen zwei Fingern und merkt, dass er seit einer halben Minute nichts tut. Nur dasteht. Nur hört. Nur so tut, als hätte er vergessen, wie das geht mit heißem Wasser, Tasse, warten, trinken. In Wahrheit versucht er, nicht an die Nachricht zu denken. Oder genauer: nicht an die zwei Möglichkeiten, die in ihr stecken. Antworten oder nicht antworten. Beides sieht, je nachdem, wie man es dreht, nach Schwäche aus.

Das Absurde ist, dass niemand es sehen würde. Von außen ist er einfach ein Mann in Socken, der Tee macht. Vielleicht kratzt er sich am Kinn, vielleicht schaut er ins leere Spülbecken, vielleicht denkt er an gar nichts. Die Welt liebt diese Tarnung. Man kann innerlich zusammenklappen und wirkt dabei, als überlege man nur, ob noch Milch da ist.

Er nimmt die Tasse, stellt sie wieder hin. Das Porzellan klackt leise auf die Arbeitsplatte. In seinem Kopf läuft dasselbe Gespräch im Kreis, stumpf und zäh. Wenn er schreibt, gibt er zu, dass es ihn trifft. Wenn er nicht schreibt, gibt er zu, dass es ihn trifft. Das ist der eigentliche Ärger: nicht die Nachricht, nicht die Person, nicht einmal die alte Geschichte dahinter. Sondern dass er dieser Sache noch immer ausgeliefert ist wie einem Lied, das man hasst und trotzdem sofort erkennt.

Der Wasserkocher schaltet ab. Ein kleines, entschiedenes Klicken. Als hätte jemand anders für ihn eine Entscheidung getroffen.

Er gießt auf, sieht zu, wie der Dampf hochgeht, wie sich das Wasser langsam färbt. Bernstein, dann dunkler. Es hat etwas Beruhigendes, etwas Lächerliches. Als könne man Unruhe ziehen lassen, drei Minuten, nicht länger, sonst wird sie bitter.

Er lehnt sich mit der Hüfte gegen die Arbeitsplatte und spürt plötzlich, wie müde er ist. Nicht dramatisch müde. Keine filmreife Erschöpfung. Eher diese schäbige, alltagsgraue Müdigkeit, die sich in den Schultern sammelt und in Sätzen wie: Ach, lass gut sein. Die gefährlichste Art von Müdigkeit, weil sie vernünftig klingt.

Sein Handy liegt mit dem Display nach unten auf dem Tisch. Er sieht es nicht, aber es liegt da wie ein zweiter Herzschlag. Er weiß genau, dass eine einfache Antwort genügen würde. Ein Satz. Zwei höchstens. Etwas Klares, etwas Würdiges. Doch Klarheit ist leicht, solange man sie nicht selber formulieren muss. Würde auch. Vor allem im Nachhinein.

Er nimmt die Tasse in beide Hände, obwohl sie noch zu heiß ist. Das Brennen hat etwas Ehrliches. Endlich mal ein Schmerz, der sich nicht tarnt. Er pustet darüber, trinkt trotzdem zu früh, verzieht kaum merklich den Mund. Dann steht er einfach da, im Dampf, im schalen Küchenlicht, zwischen Zitrone und gesprungener Tasse, und merkt, dass sein eigentlicher Konflikt kleiner und erbärmlicher ist, als er ihn gern hätte: Er will gleichzeitig unberührt wirken und endlich ehrlich sein. Stolz behalten und Erleichterung haben. Verschwinden und gesehen werden.

Das Wasser im Abflussrohr gluckert irgendwo hinter der Wand. Jemand lacht draußen auf der Straße. Er streicht mit dem Daumen über den Rand der Tasse und denkt, fast trocken: Es ist schon unerquicklich, wie laut ein Mensch in sich selbst sein kann, während er bloß Tee macht.

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