Der Leviathan träumt in Ziegelstaub

Der Leviathan träumt in Ziegelstaub

Die Luft schmeckt nach Kupfersulfat und verbranntem Haar. Ich stehe in der Geometrie des Zusammenbruchs, wo die Straße nicht mehr Straße ist, sondern eine Wunde, die sich durch das Fleisch der Stadt frisst. Der Nebel hängt wie geronnenes Licht zwischen den Ruinen, eine milchige Suspension aus Staub und Zeit, und ich atme ihn ein, spüre, wie er sich an meinen Alveolen festsetzt, kleine Kristalle des Verfalls, die in meinem Blut zu zirkulieren beginnen.

Die Gebäude links und rechts sind keine Architektur mehr. Sie sind Fraktale der Auflösung, mathematische Funktionen, die gegen unendlich konvergieren und dabei ihre ursprüngliche Form verlieren. Die Fenster – leere orbits in einem Schädel, der zu groß geworden ist für seine eigene Existenz. Ich sehe, wie das Mauerwerk atmet. Langsam. Arrhythmisch. Als hätte der Leviathan selbst sich hier niedergelassen, um in Ziegelstaub zu träumen.

Der Mann vor mir, wenn man ihn so nennen kann, ist eine Silhouette aus verdichtetem Schatten. Zylinder auf dem Kopf wie ein Relikt aus einer Zeit, die nie existiert hat. Er steht bewegungslos, und ich weiß: Er wartet nicht. Warten impliziert Erwartung, impliziert Zukunft. Er ist ein Glitch im Code der Straße, ein Rendering-Fehler, den die Realität nicht korrigieren will. Seine Konturen vibrieren leicht, als wäre er nicht ganz hier, als würde er zwischen den Frames blinzeln.

Das Licht – das Licht ist das Schlimmste. Es kommt aus dem Nichts und überall zugleich, ein diffuses Leuchten wie von toten Sternen, deren Photonen Milliarden Jahre unterwegs waren, nur um hier zu sterben, in diesem Zwischenraum. Es hat die Farbe von Altsilber, von oxidierten Träumen, von Quecksilber, das man auf der Zunge zergehen lässt. Die Helligkeit tut weh, aber nicht in den Augen – tiefer, dort, wo die Erinnerung sitzt.

Ich bewege mich nicht. Kann mich nicht bewegen. Meine Füße sind Teil des Bodens geworden, verwachsen mit dem Schutt, den Metallsplittern, den Scherben dessen, was einmal Fenster waren. Die Natur hat begonnen, zurückzuerobern, aber es ist keine grüne Natur mehr. Die Pflanzen hier sind braun, verdorrt, ihre Chlorophyllmoleküle haben kapituliert. Sie wachsen trotzdem, weil Wachstum keine Entscheidung ist, sondern ein thermodynamischer Imperativ. Entropie in Zeitlupe.

Die Geräusche: Ein fernes Knirschen, metallisches Seufzen, das Flüstern von Beton, der zu Sand zerfällt. Irgendwo tropft Wasser auf Eisen, ein Metronom der Korrosion. Jeder Tropfen ist eine chemische Reaktion, ein kleiner Tod, multipliziert mit Millionen. Die Stadt verwest nicht – sie wird sublimiert, verwandelt sich direkt von fest zu gasförmig, überspringt die Flüssigkeit, weil selbst die Zwischenzustände hier obsolet geworden sind.

Ich versuche, mich zu erinnern, warum ich hier bin. Die Synapsen feuern, aber die Signale erreichen ihr Ziel nicht. Sie verlieren sich in den weißen Räumen zwischen den Neuronen, in der Myelin-Isolation, die porös geworden ist. Meine Gedanken schmecken nach ozon. Nach dem Moment vor dem Blitzschlag.

Der Mann mit dem Zylinder dreht sich nicht um. Wird sich nie umdrehen. Er ist ein Fixpunkt in einem Koordinatensystem, das seine Achsen verloren hat. Ich verstehe plötzlich: Er ist nicht hier. Ich bin nicht hier. Wir sind beide Projektionen, Schatten auf Platos Höhlenwand, nur dass die Höhle selbst zum Schatten geworden ist.

Die Ruinen rechts – die hohle Fassade mit den Fensterruinen wie ausgestochene Augen – vibrieren in einer Frequenz knapp unter der Wahrnehmungsschwelle. Ich spüre es in meinen Zähnen, ein Summen, das sich anfühlt wie Angst, aber keine menschliche Angst. Es ist die Angst der Materie selbst, die Panik der Moleküle, wenn sie erkennen, dass ihre Bindungen nicht ewig halten.

Die Zeit hier ist nicht linear. Sie ist viskos, zäh wie Teer, und ich wate durch sie hindurch, jede Sekunde eine Ewigkeit, jede Ewigkeit eine Nanosekunde. Der Nebel verdichtet sich zu Formen, die fast Gesichter sind, dann wieder zu nichts. Informationsrauschen. Thermisches Flimmern am Horizont der Bedeutung.

Ich atme aus, und mein Atem materialisiert sich als graue Spirale, die sich wie eine DNA-Helix nach oben schraubt, bevor sie in der Nebelsuppe verschwindet. Alles hier ist Übergangszustand. Nichts ist fest. Die Realität selbst ist hier in einem permanenten Quantenflux, eine Überlagerung aller möglichen Verfallszustände gleichzeitig.

Der Leviathan unter uns bewegt sich. Ich spüre es. Ein tektonisches Beben in Zeitlupe. Die Straße bebt nicht – sie atmet. Ein. Aus. Die Risse im Asphalt sind Kapillare. Das Regenwasser in den Pfützen ist Lymphe. Die Stadt ist ein organismus, und wir sind die Antikörper, die sie längst aufgegeben hat zu bekämpfen.

Ich warte. Der Mann wartet. Die Ruinen warten. Auf was, ist irrelevant geworden. Das Warten selbst ist der Zustand, der finale, der einzig mögliche.

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