Zersetzung der Gleichgültigkeit

Sie nannten sie die Klaren — Menschen, deren Augen jede Lüge durchdrangen, aber dafür ihre eigene Farbe verloren hatten. In der Stadt der spiegelnden Fassaden war Empathie zur Krankheit erklärt worden. Wer zu viel fühlte, wurde „kalibriert“: ein Eingriff, der Emotionen auf ein erträgliches Minimum reduzierte.

Doch dieses Paar hatte es versäumt, rechtzeitig zur Kontrolle zu erscheinen. Zu beschäftigt damit, heimlich Erinnerungen zu retten — Lachen in stillgelegten U-Bahn-Schächten, den Geruch von nassem Asphalt, das Zittern einer Hand auf fremder Haut. Sie wussten, dass die Drohnen bald kommen würden. Und trotzdem blieben sie.

Der Mann trug das Zeichen der Klaren schon auf der Wange – die Haut leicht kristallin, als würde sie von innen heraus gefrieren. Die Frau aber strahlte noch Wärme aus, fast wie ein Leck im System. Wenn sie ihn ansah, schien das Licht um sie beide herum zu flimmern, als könnten sie mit bloßem Blick die Welt umlackieren.

Manchmal, so hieß es in den Untergrundkanälen, könne echte Zuneigung die Zersetzung rückgängig machen. Vielleicht war das nur ein Mythos, ein letztes Stück Hoffnung, das die Regierung noch nicht aus den Köpfen gelöscht hatte.
Aber in dieser Nacht – kurz bevor der Himmel seine Sirenen öffnete – schworen sie sich, nicht angepasst zu sterben, sondern unkalibriert zu lieben.

Und während der Beton über ihnen bebte, flüsterte sie:
„Wenn Gleichgültigkeit das Gesetz ist, dann sind wir das Verbrechen.“

Roter Faden auf grauem Asphalt

Roter Faden auf grauem Asphalt

Ich stehe. Muss ich sagen. Die Füße sind schwer, der Asphalt zieht die Kälte hoch. Es ist diese Art von Licht, die alles grau macht, selbst das...

Neon-Atem

Neon-Atem

Ich stehe. Der Moment ist ein feuchter, kalter Film, der auf meiner Haut klebt. Es ist still, diese Art von Stille, die nur eine Millionenstadt um...

Salz auf der Zunge

Salz auf der Zunge

Der Himmel ist ein einziger, grauer Klumpen. Er hängt tief, so tief, dass ich ihn fast schmecke, dieses metallische, nasse Versprechen von mehr...

Der Abgrund im Bokeh

Der Abgrund im Bokeh

Es ist die unerbittliche, warme Täuschung dieser Lichter, die mich in die unendliche Weite des Nichts zurückwirft, ein Nichts, das nicht die...

Das Licht am Ende der Gasse

Das Licht am Ende der Gasse

Ich hocke hier unten, die Knie tun weh. Scheißegal. Die Welt ist gerade nur dieser nasse, kalte Steinboden und die Blätter. Ein großes, braunes Ding...

Pochen

Pochen

Die Luft liegt wie geronnenes Fett auf meiner Haut. Ich gehe, aber ich bewege mich nicht – die Stadt bewegt sich durch mich hindurch, ein träger...