Der vergessene Weg

Es war einer dieser Montage, die nach nichts schmecken. Grau in grau, der Himmel eine trübe Suppe, und mein Körper noch halb im Wochenende. Die S-Bahn hatte wieder irgendwas, Stellwerkstörung oder sowas, und ich stand da mit gefühlt tausend anderen Pendlern, die alle diese leicht aggressive Gleichgültigkeit ausstrahlten. Als würden wir kollektiv seufzen, aber keiner wollte der erste sein.

Ich hatte die Schnauze voll. Einfach voll. Drei Jahre, fünf Tage die Woche, immer der gleiche Trott zur Arbeit. Die gleichen Gesichter, die gleichen nervigen Durchsagen, sogar die gleichen Kaugummiflecken auf dem Bahnsteig kannte ich mittlerweile persönlich.

„Verspätung von mindestens zwanzig Minuten“, quäkte es aus dem Lautsprecher.

„Scheiße“, murmelte ich, mehr zu mir selbst, aber die Frau neben mir nickte wissend.

Ich drehte mich um und lief einfach raus. Wenn ich schon zu spät komme, dann wenigstens nicht zwischen schwitzenden Körpern eingequetscht. Lieber laufe ich. War ja nicht so weit, vielleicht dreißig Minuten. Besser als hier rumzustehen.

Draußen nieselte es leicht, diese fiese Art von Regen, die einen nicht richtig nass macht, aber trotzdem irgendwie überall hinkriecht. Ich zog den Kragen meiner Jacke hoch und ging los, den üblichen Weg die Hauptstraße entlang, wo die Autos im Stau standen und mich mit ihren Abgasen einnebelten.

Nach fünf Minuten hatte ich genug davon. Die Ampeln, die Hektik, das alles.

Und dann sah ich sie. Diese kleine Gasse zwischen dem Kiosk und dem türkischen Imbiss. War die schon immer da gewesen? Ich kam hier fast täglich vorbei und konnte mich nicht erinnern, sie je bemerkt zu haben.

Seltsam.

Sie war nicht breit, gerade mal so, dass zwei Menschen aneinander vorbeikommen konnten, gepflastert mit diesen alten, unebenen Steinen, zwischen denen Gras hervorwuchs. Ein Hauch von etwas Altem, Vergessenem.

Ich blieb stehen, schaute auf die Uhr. Zu spät war ich sowieso schon. Was soll’s.

Die Gasse führte grob in die Richtung, in die ich musste. Vielleicht war es ja tatsächlich eine Abkürzung? Ich trat in die schmale Öffnung. Es war merkwürdig still hier, als hätte jemand die Stadtgeräusche abgedreht. Nur das sanfte Tröpfeln des Regens auf den Steinen und meine eigenen Schritte.

Die Häuser zu beiden Seiten waren alt, aber gepflegt. Fenster mit hölzernen Rahmen, hier und da Blumenkästen mit verwelkten Sommerblumen. Keine Graffiti, keine Mülltonnen, keine dieser unlesbaren Werbeschilder, die sonst überall hängen. Einfach nur Häuser. Als wäre hier die Zeit ein bisschen langsamer gelaufen.

Nach etwa hundert Metern machte die Gasse eine leichte Biegung, und plötzlich wurde es merklich heller. Der Nieselregen hatte aufgehört, oder zumindest schien es so. Die Luft roch nach… ja, wonach eigentlich? Nach frisch gemähtem Gras? Nach Sommerregen auf warmem Asphalt? Irgendwie nach Kindheit, wenn das einen Geruch haben kann.

„Morgen“, sagte jemand, und ich zuckte zusammen.

Ein alter Mann stand an einer Hauswand und rauchte. Er trug eine beige Strickjacke und sah aus, als gehöre er hierher, wie ein Teil der Architektur.

„Morgen“, antwortete ich automatisch.

„Neu hier?“ Er blies einen perfekten Rauchring in die Luft.

„Ja… ich meine, ich wohne schon lange in der Gegend, aber diesen Weg…“

„Man übersieht ihn leicht“, nickte er verständnisvoll. „Die meisten rennen einfach vorbei. Haben es ja alle so eilig heutzutage.“

„Führt er zum Alexanderplatz?“ fragte ich und kam mir dabei seltsam vor. Als würde ich nach dem Weg zum Mond fragen.

„Gewissermaßen“, sagte er und lächelte. Seine Augen waren sehr blau, fast durchscheinend. „Geht man weit genug, kommt man überall hin.“

Ich wusste nicht recht, was ich darauf antworten sollte, also nickte ich nur und ging weiter. Der alte Mann schaute mir nach, konnte ich in meinem Nacken spüren, aber es war kein unangenehmes Gefühl.

Die Gasse wurde etwas breiter, und zu meiner Überraschung sah ich, dass sich zu meiner Rechten ein kleiner Platz öffnete. Drei, vier Tische standen unter einer riesigen alten Kastanie, und an einem davon saß eine Frau mit einer Tasse vor sich.

Auf dem Schild über der Tür stand in verblichener Schrift „Café Augenblick“. War das ein Wortspiel? Irgendwie witzig.

Die Frau schaute auf, als ich näher kam, und lächelte. Sie hatte diese Art Lächeln, bei dem sich kleine Falten um die Augen bilden, ehrlich irgendwie.

„Willst du einen Kaffee?“ fragte sie, als wäre es das Normalste der Welt, einen Fremden zum Kaffee einzuladen.

Ich schaute auf meine Uhr. Viertel nach acht. In fünfzehn Minuten begann die Morgenbesprechung.

„Eigentlich bin ich spät dran“, sagte ich.

„Eigentlich sind wir alle spät dran“, erwiderte sie und deutete auf den Stuhl ihr gegenüber. „Oder zu früh. Je nachdem, wo man hin will.“

Ich setzte mich. Es fühlte sich an wie in einem dieser Träume, in denen man Sachen tut, die man im wachen Zustand nie tun würde, aber es scheint die logischste Sache der Welt zu sein.

Der Tisch war aus massivem Holz, leicht fleckig, aber angenehm glatt unter meinen Fingern.

Eine Frau in einem einfachen schwarzen Kleid kam aus dem Café. Sie hatte graue Haare zu einem lockeren Knoten gebunden und Lachfalten um die Augen.

„Das Übliche?“ fragte sie mich, als hätte ich hier schon hundertmal gesessen.

„Ähm… ja, bitte.“

Sie ging wieder hinein, und ich wandte mich der Frau am Tisch zu, die mich mit leicht geneigtem Kopf betrachtete. Sie hatte etwas an sich, das mich an jemanden erinnerte, aber ich konnte nicht sagen, an wen.

„Du kommst nicht von hier“, sagte sie. Es war keine Frage.

„Nein, ich… ich habe diesen Weg noch nie genommen.“

„Aber du gehst jeden Tag daran vorbei, oder?“

Ich blinzelte überrascht. „Woher weißt du das?“

„Man sieht es dir an. Diese… Routine in den Augen. Du kennst den Weg, aber nicht den Weg.“

Bevor ich antworten konnte, kam die Kellnerin zurück und stellte eine Tasse Kaffee vor mich hin. Daneben ein kleines Glas Wasser und ein Stück Kuchen, das nach Kirsche und Mandeln duftete.

„Ich habe nichts bestellt“, sagte ich unsicher.

„Du hättest es genommen, wenn ich gefragt hätte“, sagte die Kellnerin mit einem Augenzwinkern und ging wieder.

Der Kaffee dampfte, und der Duft stieg mir in die Nase. Er roch intensiv, aber nicht bitter. Ein bisschen nach Schokolade vielleicht, und nach etwas anderem, das ich nicht benennen konnte.

Ich nahm einen Schluck. Er schmeckte wie… der beste Kaffee meines Lebens. Reich, vollmundig, eine Spur von Nuss und Karamell, aber ohne diese künstliche Süße, die man in Cafés oft bekommt. Ich schloss unwillkürlich die Augen.

Als ich sie wieder öffnete, lächelte die Frau wissend.

„Gut, was?“

„Unglaublich“, gab ich zu. „Was ist da drin?“

„Zeit“, sagte sie einfach und nippte an ihrer eigenen Tasse. „Zeit und Aufmerksamkeit.“

Ich probierte den Kuchen. Der erste Bissen löste sich auf meiner Zunge, süß und säuerlich zugleich, mit einer Spur von Bittermandel. Wie der Kuchen, den meine Großmutter früher gemacht hatte, nur dass ihrer nie so gut gewesen war.

„Wo bin ich hier eigentlich?“ fragte ich zwischen zwei Bissen. Die Frage klang seltsamer, als ich beabsichtigt hatte, aber die Frau schien sie nicht merkwürdig zu finden.

„In der Nebenstraße“, antwortete sie. „Weißt du, die meisten Menschen leben ihr ganzes Leben auf der Hauptstraße. Laut, schnell, immer geradeaus. Aber es gibt immer Seitenstraßen. Man muss sie nur sehen wollen.“

„Aber ich bin fast täglich hier vorbeigekommen, und ich habe diese Gasse nie gesehen.“

„Vielleicht hast du zu dieser Zeit nicht danach gesucht.“

„Wonach?“

„Nach einer Abkürzung. Nach einer Pause. Nach etwas anderem.“

Ich trank einen weiteren Schluck Kaffee und spürte, wie sich eine angenehme Wärme in meinem Körper ausbreitete. „Es ist seltsam, aber… es fühlt sich hier anders an. Die Zeit, meine ich.“

Sie nickte, als hätte ich etwas sehr Kluges gesagt. „Zeit ist relativ, oder? Einstein und so. In der Hauptstraße rennt sie, hier… hier geht sie spazieren.“

Das klang eigentlich verrückt, aber während ich dort saß, unter der Kastanie, mit dem Duft von Kaffee in der Nase und dem Geschmack von Kirschen auf der Zunge, machte es auf eine verdrehte Art Sinn.

Ich sah mich um. Der kleine Platz war still, aber nicht verlassen. Aus dem Café drang gedämpftes Geschirrgeklapper, und irgendwo sang ein Vogel. Die Häuser drum herum waren sandfarbene, dreistöckige Altbauten mit hohen Fenstern. In einem stand ein alter Mann und goss Blumen auf dem Fensterbrett. Er winkte mir zu, als sich unsere Blicke trafen.

„Kennst du ihn?“ fragte ich die Frau.

„Natürlich. Hier kennt jeder jeden. Zumindest ein bisschen.“

„Und was ist mit dir? Wohnst du hier?“

„Manchmal“, sagte sie vage und lächelte wieder. „Es kommt darauf an, wo ich gerade sein muss.“

Das hätte mir seltsam vorkommen sollen, aber irgendwie tat es das nicht. Als ob die normalen Regeln der Logik hier etwas gedehnt wären, wie Kaugummi. Biegbar, aber nicht gebrochen.

Ich wollte etwas erwidern, als mein Handy in der Tasche vibrierte. Die plötzliche Erinnerung an die Außenwelt fühlte sich an wie ein kalter Luftzug. Das Gerät anzuschauen, schien irgendwie respektlos gegenüber diesem Ort, aber die Gewohnheit war stärker.

„Alles in Ordnung?“ fragte die Frau, während ich auf das Display starrte. Drei verpasste Anrufe von der Arbeit. Halb neun.

„Verdammt, ich bin zu spät“, murmelte ich und fühlte diesen vertrauten Knoten im Magen. „Ich muss gehen. Was schulde ich Ihnen für den Kaffee?“

„Nichts.“ Sie schüttelte den Kopf. „Der erste ist immer kostenlos.“

Ich stand auf, zögerte dann aber. „Wie geht es von hier zum Alexanderplatz?“

„Einfach der Gasse folgen“, sagte sie und deutete auf die Fortsetzung des Weges hinter dem Platz. „Sie führt dich hin.“

„Danke für… alles.“ Es klang unzureichend.

„Gern geschehen. Du findest den Weg zurück, wenn du ihn brauchst.“

Ich nickte, obwohl ich nicht ganz verstand, was sie meinte, und ging dann weiter. Die Gasse hinter dem Platz war noch schmaler als vorher, mit alten Kopfsteinpflastern, die unter meinen Schuhen klackerten. Die Häuser zu beiden Seiten rückten näher zusammen, und das Licht wurde gedämpfter.

Nach etwa zweihundert Metern machte der Weg eine scharfe Biegung, und plötzlich änderte sich alles. Der Lärm der Stadt schwoll an, als hätte jemand die Lautstärke hochgedreht. Autos hupten, Menschen redeten, irgendwo ratterte eine U-Bahn.

Ich trat aus der Gasse heraus und stand… direkt vor meinem Bürogebäude. Nicht am Alexanderplatz, sondern am Gendarmenmarkt, wo ich eigentlich arbeitete.

Verblüfft drehte ich mich um, aber die Gasse sah jetzt anders aus. Breiter, gewöhnlicher, mit einem Hipster-Klamottenladen auf der einen und einem Handyladen auf der anderen Seite. Nichts erinnerte an den Weg, den ich gerade gegangen war.

Ich schaute auf meine Uhr: 8:29 Uhr. Eine Minute bis zur Besprechung.

Das war unmöglich. Ich hatte mindestens zwanzig Minuten im Café gesessen, und der Weg selbst… Aber die Uhr an meinem Handgelenk ließ keinen Zweifel zu. Selbst Digitaltechnologie kann nicht lügen.

Mit einem Gefühl der Unwirklichkeit betrat ich das Gebäude. Die Sicherheitsleute nickten mir wie immer zu, der Fahrstuhl roch wie immer nach billigem Lufterfrischer, und Martha vom Empfang sagte wie immer „Guten Morgen“ mit diesem leicht genervten Unterton.

Alles war wie immer, und doch anders. Als trüge ich ein Geheimnis unter meiner Haut.

Die Besprechung verlief wie immer. Projektionsfolien, Budgetdiskussionen, passiv-aggressive Kommentare zwischen den Abteilungen. Aber während ich dort saß und so tat, als würde ich aufmerksam zuhören, schmeckte ich immer noch den Kaffee auf meiner Zunge. Roch immer noch den Duft der Kastanienblüten.

„Alles klar bei dir?“ fragte Mika, meine Kollegin, als wir den Besprechungsraum verließen. „Du siehst anders aus heute.“

„Inwiefern anders?“

„Weiß nicht. Entspannter irgendwie.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht der Kaffee.“

Sie lachte. „Wenn es am Kaffee aus dem Automaten liegt, will ich auch welchen.“

Den Rest des Tages verbrachte ich in einem seltsamen Zustand der Aufmerksamkeit. Die üblichen Aufgaben, E-Mails, Telefonate, alles fühlte sich ein bisschen weniger ermüdend an. Als hätte ich einen geheimen Vorrat an Energie, den die anderen nicht hatten.

Nach Feierabend, es war bereits dunkel, verließ ich das Gebäude und blieb unschlüssig stehen. Sollte ich den normalen Weg zur U-Bahn nehmen oder…?

Ich suchte die Straße ab, aber die Gasse war nirgends zu sehen. Nicht, dass ich erwartet hätte, sie hier zu finden, so weit weg von der Stelle, wo ich sie am Morgen entdeckt hatte. Und doch…

Auf dem Heimweg nahm ich die übliche Route. Die U-Bahn war voll, die Menschen müde und reizbar nach einem langen Arbeitstag. Ich quetschte mich zwischen einen Mann, der laut in sein Handy sprach, und eine Frau, die nach schwerem Parfüm roch, und hielt mich an der Stange fest.

Am Kiosk neben der Haltestelle, wo ich morgens eingestiegen war, hielt ich an. Von hier aus müsste ich die Gasse sehen können, dachte ich, wenn es sie wirklich gab. Aber da war nur die übliche Häuserreihe, Imbiss, Handyladen, Apotheke.

War es nur ein Traum gewesen? Eine seltsame Halluzination, ausgelöst durch Kaffeemangel und Montagsblues?

Aber der Geschmack des Kuchens war noch da, wenn ich mich konzentrierte. Und die Worte der Frau: „Du findest den Weg zurück, wenn du ihn brauchst.“

Vielleicht war es das. Vielleicht musste man den Weg brauchen, um ihn zu sehen.

Ich ging nach Hause, kochte mir Nudeln, schaute eine Stunde fern und ging ins Bett. Aber bevor ich einschlief, fasste ich einen Entschluss: Morgen würde ich wieder zu Fuß gehen. Und ich würde nach der Gasse suchen.

Als der Wecker am nächsten Morgen klingelte, sprang ich fast aus dem Bett. Eine seltsame Vorfreude kribbelte in meinen Fingerspitzen.

Heute schien die Sonne, ein zartes Frühlingsleuchten, das die Stadt in ein freundlicheres Licht tauchte. Ich verließ das Haus früher als nötig und ging langsam zur S-Bahn-Station, die Augen offen für… ja, für was eigentlich?

An der Station angekommen, ging ich vorbei an den Menschen, die auf den Zug warteten, und weiter die Straße entlang. Zum Kiosk, zum Imbiss daneben.

Und dort war sie. Die Gasse. Schmal, gepflastert, mit dem gleichen Gefühl von Zeitlosigkeit. Als ich sie betrat, wurde es wieder stiller, als würde jemand langsam den Regler für Stadtlärm herunterdrehen.

Diesmal achtete ich mehr auf die Details. Die Fensterläden an den Häusern, die leicht unterschiedlichen Farben der Pflastersteine, die Art, wie das Licht durch die Bäume fiel und Muster auf den Boden malte.

Der alte Mann stand wieder an der Ecke und rauchte.

„Wieder da?“ fragte er, als ich näherkam.

„Wieder da.“

„Willst du heute etwas sehen oder irgendwo ankommen?“

Die Frage verwirrte mich. „Was meinen Sie?“

„Nun, gestern wolltest du ankommen. Heute… siehst du anders aus. Offener.“

Ich dachte einen Moment nach. „Ich will verstehen, glaube ich.“

Er lachte leise. „Das ist ein guter Anfang. Aber verstehen ist wie ein Horizont – je näher du kommst, desto weiter verschiebt er sich.“

Mit einem Nicken ging ich weiter, und die Gasse öffnete sich wieder zum kleinen Platz mit dem Café. Die Frau vom Vortag saß an demselben Tisch, als hätte sie dort übernachtet. Sie winkte mir zu, und ich ging zu ihr.

„Der zweite Kaffee kostet“, sagte sie mit einem Lächeln, als ich mich setzte.

„Was kostet er?“

„Zeit. Aufmerksamkeit. Die übliche Währung.“

Die Kellnerin brachte mir ungefragt den gleichen Kaffee und den gleichen Kuchen wie gestern. Ich nahm einen Schluck, und wieder breitete sich diese wohlige Wärme in mir aus.

„Wer bist du?“ fragte ich die Frau.

„Eine Anwohnerin. Eine Beobachterin. Eine Sammlerin von verlorenen Momenten.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Such dir etwas aus.“

„Und was ist das hier für ein Ort?“

„Ein Zwischenraum. Ein Atemholen zwischen zwei Schritten. Ein Ort, der existiert, weil Menschen ihn brauchen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Das klingt poetisch, aber es erklärt nichts.“

„Muss alles erklärt werden?“ Sie lehnte sich zurück und betrachtete mich mit einer Mischung aus Belustigung und… ja, was? Zuneigung vielleicht. „Wie wäre es, wenn du es einfach akzeptierst? Ein Ort, der erscheint, wenn du ihn brauchst. Eine Abkürzung, nicht nur im räumlichen Sinne.“

„Und wenn ich dir sage, dass ich Physiker bin und an Logik und Naturgesetze glaube?“

Sie lachte. „Dann würde ich sagen, dass die größten Denker deiner Zunft verstanden haben, dass die Welt seltsamer ist, als wir uns vorstellen können.“

Ich wollte etwas erwidern, aber in dem Moment setzte sich der alte Mann vom Eingang der Gasse zu uns.

„Macht’s was aus?“ fragte er, obwohl er schon saß.

„Keineswegs, Heinrich“, sagte die Frau.

„Ihr kennt euch“, stellte ich fest.

„Seit einer Ewigkeit“, sagte der alte Mann und reichte mir seine Hand. Sie war warm und trocken, mit Schwielen an den Fingerspitzen. „Heinrich.“

„Freut mich“, sagte ich und nannte meinen Namen.

Heinrich nickte, als hätte er ihn schon gekannt. Vielleicht hatte er das. In dieser seltsamen Gasse schien vieles möglich.

„Unser Freund hier will verstehen“, erklärte die Frau.

„Ah.“ Heinrich zündete sich eine neue Zigarette an. Der Rauch stieg in perfekten Kringeln zur Kastanie hoch. „Verstehen ist überschätzt. Leben ist unterschätzt.“

„Jetzt klingst du wie ein billiger Wandtattoo-Spruch“, lachte die Frau.

„Die besten Wahrheiten sind oft die einfachsten“, grinste Heinrich zurück. „Aber im Ernst…“ Er wandte sich mir zu. „Diese Gasse ist wie… wie ein Zwischenraum in deinem Kopf. Dieser Moment, bevor du einschläfst, wo die Gedanken frei fließen. Oder dieser Augenblick am Morgen, bevor du richtig wach bist, wo alles möglich scheint. Ein Atemzug zwischen zwei Herzschlägen.“

Ich nippte an meinem Kaffee und ließ die Worte auf mich wirken. Sie machten keinen logischen Sinn, und doch fühlten sie sich richtig an. „Und warum kann ich sie jetzt sehen? Diese Gasse?“

„Weil du bereit warst, etwas Neues zu sehen“, sagte die Frau. „Weil du eine Pause brauchtest, einen anderen Weg.“

„Oder weil du endlich aufgeschaut hast“, ergänzte Heinrich. „Die meisten Menschen laufen mit gesenktem Blick durchs Leben, fixiert auf den nächsten Schritt, den nächsten Tag, das nächste Ziel. Sie verpassen die Abzweigungen, die Pausen, die… Gassen.“

Die Kellnerin kam und brachte Heinrich einen Kaffee. Schwarz, ohne Zucker, ohne Kuchen. Er dankte mit einem Nicken.

„Und jetzt? Was passiert jetzt?“ fragte ich, plötzlich unsicher, warum ich eigentlich hier war.

„Das hängt von dir ab“, sagte die Frau. „Du kannst wieder gehen, zur Arbeit, nach Hause, wohin auch immer du willst. Die Gasse wird dich dahin bringen.“

„Oder du kannst bleiben“, fügte Heinrich hinzu. „Eine Weile. Deinen Kaffee trinken. Die Sonne genießen. Die Zeit verlangsamen.“

Ich schaute auf meine Uhr. Es war kurz nach acht. Die Besprechung begann um halb neun.

„Ich muss zur Arbeit“, sagte ich, mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung.

„Natürlich.“ Die Frau nickte verständnisvoll. „Die Hauptstraße ruft.“

Ich zögerte. „Aber… vielleicht nehme ich mir Zeit für den Kaffee.“

Heinrich und die Frau tauschten ein Lächeln.

„Eine weise Entscheidung“, sagte sie.

„Die Arbeit läuft nicht weg“, ergänzte Heinrich.

Ich lehnte mich zurück, trank einen Schluck Kaffee und nahm einen Bissen vom Kuchen. Um uns herum erwachte der kleine Platz langsam zum Leben. Andere Gäste kamen ins Café, grüßten einander, setzten sich. Ein Hund lief vorbei, schnüffelte an meinen Schuhen und lief weiter.

Die Zeit dehnte sich wie Kaugummi, zog sich in die Länge, wurde weich und formbar. Ich könnte schwören, dass die Sonnenstrahlen langsamer durch die Blätter der Kastanie fielen als draußen in der Stadt.

„Weißt du, was das Besondere an Abkürzungen ist?“ fragte die Frau nach einer Weile.

„Sie sparen Zeit?“

„Nein.“ Sie lehnte sich vor, ihre Augen funkelten. „Sie sind Umwege, die sich als Abkürzungen tarnen. Man spart keine Zeit, man erlebt sie anders.“

Ich dachte darüber nach, während ich meinen Kaffee austrank. Es fühlte sich richtig an, hier zu sitzen, unter dieser Kastanie, mit diesen seltsamen Menschen, die in Rätseln sprachen. Als hätte ein Teil von mir nur darauf gewartet, genau hier zu sein.

Als der Kaffee leer war und nur noch Krümel vom Kuchen auf dem Teller lagen, stand ich auf.

„Ich sollte jetzt wirklich gehen“, sagte ich und fischte mein Portemonnaie aus der Tasche.

„Vergiss nicht zu bezahlen“, erinnerte mich die Frau.

„Wie viel schulde ich?“

„Die Währung ist Zeit und Aufmerksamkeit, erinnerst du dich?“ Sie lächelte. „Und du hast bereits bezahlt. Indem du hier warst, wirklich hier, nicht nur körperlich.“

Ich verstand nicht ganz, nickte aber.

„Die Gasse wird dich dahin bringen, wo du hin musst“, sagte Heinrich und hob seine Tasse zum Abschied.

Ich ging den Weg zurück, den ich gekommen war, durch die schmale Gasse mit den unebenen Pflastersteinen. Sie machte eine leichte Biegung, dann noch eine, und plötzlich stand ich wieder im Lärm der Stadt.

Vor mir ragte mein Bürogebäude auf, gläsern und kalt in der Morgensonne. Ich schaute auf die Uhr: 8:28 Uhr.

Unmöglich. Ich hatte mindestens eine Stunde im Café verbracht.

Verwirrt ging ich ins Gebäude, fuhr mit dem Fahrstuhl hoch, betrat pünktlich den Besprechungsraum. Alles lief wie immer ab, und doch… Als ich abends nach Hause ging, nahm ich absichtlich einen anderen Weg. Und wie durch Zauberhand fand ich eine andere Gasse, die ich nie zuvor bemerkt hatte, zwischen einer Boutique und einer Buchhandlung.

Sie führte mich zu einem kleinen Park, den ich nicht kannte, mit einem Teich und alten Bäumen.

Und so begann ich, die Stadt neu zu entdecken. Tag für Tag fand ich neue Wege, neue Abkürzungen, die eigentlich Umwege waren. Neue Orte, wo die Zeit langsamer floss.

Manchmal traf ich Heinrich oder die Frau oder beide. Manchmal traf ich andere Menschen, die wie ich die Gassen gefunden hatten. Wir nickten einander zu, wie Mitglieder eines geheimen Clubs, der keinen Namen braucht.

Und wenn mich jemand fragte, ob ich eine Abkürzung kenne, lächelte ich nur und sagte: „Klar, aber du musst genau hinschauen. Die besten Abkürzungen sind manchmal die, die auf den ersten Blick wie Umwege aussehen.“

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