Der Regen, der blieb

In einer Stadt ohne Namen, unter einem Himmel, der nie mehr aufklarte, fiel der Regen. Nicht in Strömen, nicht in Schauern – sondern stetig, in winzigen, silbrigen Tropfen, die weder kalt noch warm waren. Die Menschen nannten ihn den Stillregen, weil er kam, ohne zu klingen, und blieb, ohne zu gehen.

Seit Jahren hatte niemand mehr den Himmel gesehen. Die Häuser waren überzogen von Moos und Schimmel, selbst der Beton gab irgendwann nach. Wer draußen ging, trug schwere Umhänge aus versiegeltem Stoff. Niemand sprach über das, was im Regen war. Niemand fragte, was aus denen wurde, die ohne Schutz hinausgingen.

Mila war Reinigungskraft im südlichen Archivsektor. Ihre Aufgabe war es, alte Dateien zu löschen, wenn ihr Siegel auslief. Manchmal, sagte man, verschwanden dabei Erinnerungen ganzer Generationen. Doch Mila war es gewohnt, zu löschen. Sie hatte aufgehört, sich zu fragen, was die Daten bedeuteten. Nur ein einziges Mal zögerte sie – als ein Video mit dem Titel „Blauer Himmel – Mai 2023“ aufleuchtete. Es war beschädigt, voller Rauschen, aber man sah eine Wiese, tanzende Kinder und das Licht.

Mila kopierte es auf ihr persönliches Speicherband. Das war verboten. Doch in einer Welt, in der niemand mehr wusste, wie Licht wirklich aussah, war es vielleicht erlaubt, zu träumen.

In der folgenden Woche bemerkte sie es zuerst an sich selbst. Ihre Haut fühlte sich warm an, wenn sie allein war. Sie hörte leises Summen – nicht von den Lautsprechern, sondern aus der Tiefe ihres Körpers. Der Regen schien sie nicht mehr zu durchnässen. Ihre Kollegen wichen ihr aus. Im Spiegel schien ihre Silhouette zu flackern.

Als sie schließlich hinausging, ohne den Schutzanzug, blieb sie trocken. Die Tropfen fielen durch sie hindurch. Und dann, mitten auf dem leeren Marktplatz, hob sie den Kopf. Der Regen hörte auf. Nur über ihr. Ein kleines, rundes Fenster aus Licht brach durch das Grau. Und für einen Moment – nur für sie – war da Himmel.

Dann war sie verschwunden. Manche sagten, der Regen habe sie verschluckt. Andere glaubten, sie sei zum Licht geworden. Das Video „Blauer Himmel – Mai 2023“ verschwand nie ganz aus dem System. Es tauchte immer wieder auf, in defekten Terminals, auf zerkratzten Monitoren, als flüchtiger Schatten im Datenfluss.

Und der Regen? Er fiel weiter.

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