Aschestadt

Der Himmel war grau, seit sie denken konnte. Kein Regen, kein Wind – nur das ewige Flimmern toter Luft über zerborstenen Fassaden. Zwischen den Trümmern der Aschestadt kroch die Zeit wie ein verwundetes Tier. Niemand sprach mehr von „Früher“. Die Erinnerung war gefährlich geworden.

Lian trat aus dem Schatten eines zerfallenen Bogens, in der Hand das letzte Licht – eine Taschenlampe, deren Flackern mit jedem Schritt schwächer wurde. Der Nebel zwischen den Hochhausskeletten schien lebendig. Er wirbelte um ihre Füße, formte Gesichter, nur um sie wieder verschwinden zu lassen. Paranoia war in dieser Stadt keine Krankheit, sondern Überlebensinstinkt.

Seit drei Tagen war sie allein. Aron war beim letzten Sturz eingeklemmt worden. Lian hatte seinen letzten Blick noch immer vor Augen – stumm, fordernd, verurteilend. Doch niemand wartete in der Aschestadt.

Sie erreichte die sogenannte Schwelle – eine einsturzgefährdete Brücke, halb eingestürzt, halb von Asche begraben. Man sagte, wer sie überquere, gelange in den „klaren Sektor“. Ein Mythos. Wie frische Luft. Wie grüne Felder. Wie Stimmen.

Unter ihr: endloser Nebel, durchzogen von den rostigen Resten früherer Versuche. Taschen, Skelette, ein Rollstuhl. Hoffnung war ein schlechter Begleiter.

Lian trat auf die Brücke.

Hinter ihr veränderte sich etwas – ein Rauschen. Kein Wind, sondern ein pulsierender Klang, wie ein entferntes Herz. Sie drehte sich nicht um. Jeder in der Aschestadt wusste: Wer sich umdrehte, verschwand. Still, spurlos, ohne ein Geräusch.

Die Brücke ächzte unter ihren Schritten. Doch jenseits des Abgrunds flackerte etwas im Dunst – nicht das Licht, das sie kannte. Kein Feuer. Kein Strom. Etwas anderes.

Vielleicht war es das Ende.

Vielleicht war es der Anfang.

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