
Kapitel 1: Die Klippe
Ich stand da, wo das Land aufhört.
Da, wo das Gras zu scharf wächst, das Salz in den Poren beißt und der Wind einem das Denken abgewöhnt. Nichts als Klippen, schiefergrau und bockig, als wollten sie nicht mehr sein. Und unten das Meer, hungrig wie eh und je.
Die alten Bretonen sagen, hier hört man das Echo der Toten. Ich hörte nur das Kreischen der Möwen und meine eigenen, müden Gedanken.
Das Haus meiner Großmutter lag hundert Schritte hinter mir. Ein kantiger Brocken aus Granit, windschief, das Dach moosgrün gefleckt. Die Fenster wie blinde Augen, stumm seit dem Tag, an dem sie nicht mehr aufstand.
Die letzte Nachricht kam vor drei Monaten. Ein Brief, krakelig, fast zitternd:
„Kiara. Es zieht. Ich höre nachts deinen Bruder. Bring Salz mit.“
Danach kam nichts mehr. Kein Anruf, kein Geräusch. Nur ein Anruf vom Notar. „Sie sind als alleinige Erbin eingetragen.“
Na toll. Glückwunsch, Kiara. Ein Haus am Arsch der Welt und der Tod einer Frau, mit der du zehn Jahre lang kein Wort gewechselt hast.
Ich hatte mir geschworen, nie zurückzukommen. Jetzt stand ich da, mit Wanderschuhen voller Matsch und einer Kapuze, die nichts gegen den Wind ausrichtete.
Unten peitschte die Brandung gegen die Felsen, als wollte sie etwas herauswaschen, was sich nicht abwischen ließ. Erinnerungen, vielleicht. Oder Schuld.
Ich zündete mir eine Zigarette an. Die erste seit Paris.
Der Geschmack war scharf, vertraut. Wie das Dorf selbst – das mich schon mit fünf gelernt hat, wie man Lügen erkennt.
Wie man schweigt.
Wie man sich selbst vergisst, damit andere weitermachen können.
Eine Gestalt bewegte sich am Wegrand.
Zwei, drei Meter unterhalb.
Ein schlanker Schatten, schnell. Ich konnte nur das Profil erkennen – dunkle Haare, ein helles Shirt.
Er sah hoch.
Ich sah weg.
Ich wusste nicht, wer er war. Noch nicht.
Aber ich würde es herausfinden. Später. Wenn der Wind nachließ und die Geister endlich zu reden begannen.
Jetzt war erst mal ich dran.
Kapitel 2: Salz auf der Haut
Die Tür klemmte. Natürlich.
Ich drückte, zog, trat schließlich mit dem Fuß dagegen. Holz splitterte irgendwo im Inneren. Willkommen zu Hause, Kiara.
Drinnen roch es nach abgestandener Milch und feuchter Erde.
Der Geruch von Dingen, die zu lange sich selbst überlassen wurden. Alte Möbel, Wollpullis, die niemand mehr trug, und ein Teppich, der früher mal blau gewesen sein musste.
Ich ließ meine Tasche fallen. Der Riemen riss. Scheißding.
Das Haus war still. Nicht die gute Art von still – mehr so, als hielte irgendetwas den Atem an.
Ich ging durch die Zimmer wie durch ein Museum, das keiner mehr besucht. In der Küche stand noch ihr Tee. Der Beutel, völlig ausgeblutet, schwamm in kaltem Wasser.
Der Herd war kalt. Der Kühlschrank leer. Nur ein offenes Glas Senf und ein abgelaufener Joghurt, der mich aus seinem grünen Gesicht heraus anstarrte.
Ich zog mir die Jacke aus. Der Wind war mir bis unter die Haut gekrochen. Alles fühlte sich klamm an, selbst die Gedanken.
Im Wohnzimmer hing noch das alte Bild von Jules.
Zwölf Jahre alt, ein zu großes Fischerhemd, der Blick stur in die Kamera. Er hatte diesen Blick von Vater. Als hätte er was gesehen, was er nie erzählen würde.
Jules.
Ich sagte den Namen nicht laut. Ich hatte aufgehört, ihn zu sagen. Manchmal war Schweigen der einzige Weg, sich selbst nicht zu verlieren.
Ich warf mir die Decke meiner Großmutter über die Schultern, setzte mich in den Sessel, der immer schon zu tief war.
Draußen begann es zu regnen. Das typische, graue Bretonen-Gesabber. Kein Gewitter, keine Dramatik – einfach ein gleichmäßiges, stilles Tropfen, das einem langsam das Hirn auswringt.
Ich döste weg.
Irgendwann in der Nacht wurde ich wieder wach.
Irgendetwas hatte mich geweckt. Kein Geräusch. Eher ein Gefühl.
So, als hätte jemand leise meinen Namen gedacht.
Ich stand auf, barfuß, schlich in den Flur.
Die Haustür war angelehnt. Ich schwöre, ich hatte sie geschlossen.
Draußen war nur Regen. Und Dunkelheit.
Aber auf dem Holz der Tür war eine Spur. Zwei Finger, die durch den Staub gezogen wurden. Von oben nach unten. Langsam. Gerade.
Ich streckte die Hand aus, berührte die feuchte Rille.
Roch daran. Salz.
Nicht wie vom Meer.
Anders.
Wie Haut, auf der man geweint hat.
Ich ging zurück ins Wohnzimmer. Nahm das Messer aus der Küche mit.
Nicht, weil ich Angst hatte.
Sondern, weil ich wusste: Das hier wird nicht einfach nur ein Besuch.
Kapitel 3: Das rote Boot
Am Morgen roch alles nach Algen und Metall.
Ich öffnete das Fenster in der Küche und ließ den Blick über die Bucht gleiten. Das Licht war diesig, der Himmel milchig und flach wie eine kaputte Lampe. Nichts rührte sich. Kein Boot, kein Vogel, nicht mal der Wind. Nur dieses dumpfe, blinde Glitzern auf dem Wasser, das einem das Gefühl gab, man hätte was verpasst.
Ich ging den Pfad hinunter, der früher einmal Kies war und jetzt nur noch matschige Erinnerung.
Das Meer war zurückgegangen. Die Bucht lag bloß, schlammbraun und stinkend, durchzogen von feinen Rinnsalen, die zäh Richtung Horizont krochen.
Und da lag es.
Ein Boot.
Rot.
Halb gesunken in einer Mulde aus schwarzem Tang und Muschelscherben.
Der Lack abgeblättert, die Kanten ausgefranst wie alte Nähte. Aber da war es – knallrot, wie eine Warnung, die zu spät kommt.
Ich kannte das Boot nicht. Und ich kannte alle Boote hier.
Früher jedenfalls.
Damals, als Jules und ich uns im Hafen rumgetrieben haben, um Seile zu klauen oder Zigaretten aus den Jackentaschen schlafender Fischer zu fischen.
Ich ging näher ran.
Der Boden unter mir war weich, saugte an meinen Stiefeln.
Am Bug des Bootes waren Buchstaben eingeritzt. Nicht gemalt, nicht geschnitzt – sondern fast eingerissen, als hätte jemand sie mit Nägeln in das Holz geritzt.
„D“
„A“
Und dann war alles verwischt.
Ich legte die Hand darauf.
Salz. Wieder dieses Salz.
Nicht vom Meer.
Von Haut. Von Tränen vielleicht.
Dann hörte ich Schritte.
Hinter mir.
Knackender Kies, tiefer Atem. Ich drehte mich um.
Da stand er.
Dunkles, zerzaustes Haar, ein Pullover mit Loch am Ellbogen. Er sah aus wie jemand, der nie lange bleibt.
Seine Augen: hell. Auf eine fast schmerzhafte Art.
„Das Boot da“, sagte er. „Das war letzte Woche noch nicht da.“
Ich sagte nichts. Ich musste nicht.
„Du bist Kiaras Enkelin, oder?“
„Ich bin Kiara.“
Er nickte, als wüsste er das längst.
„Ich bin Davide. Ich fisch manchmal. Wenn das Meer gnädig ist.“
Sein Blick wanderte über meine Schulter zurück zum Boot.
„Es hat niemand gesehen, wie’s reinkam“, murmelte er. „Aber das Wasser bringt Dinge her. Immer. Die Frage ist, was es diesmal will.“
Ich sah ihn an.
Er meinte das ernst. Und das Schlimmste war: Ich auch.
Kapitel 4: Der Junge mit dem Messer
Ich begegnete ihm wieder zwei Tage später.
Ich hatte gerade den Hof meiner Großmutter gefegt, obwohl es keinen Grund gab.
Der Wind machte alles zunichte, was man versuchte. Aber irgendwas musste man ja tun, wenn man nicht durchdrehen wollte.
Davide stand plötzlich im Eingang, als hätte er sich aus dem Nebel gefaltet.
Keine Begrüßung, kein Lächeln. Nur:
„Hast du Feuer?“
Ich warf ihm das Feuerzeug zu.
Er fing’s mit einer Hand, ohne hinzusehen. So ein Typ war das.
Er setzte sich auf die Stufe, zog sich eine selbstgedrehte aus dem Ärmel.
Ich setzte mich daneben, ein bisschen zu nah, ein bisschen zu gleichgültig.
Er rauchte schnell. Keine Pausen. Als hätte er keine Zeit. Oder keine Lust auf Atemholen.
„Das Boot ist weg“, sagte er.
Ich brauchte einen Moment.
„Was meinst du – weg?“
„Einfach nicht mehr da. Als hätte es sich in Luft aufgelöst. Oder ins Wasser zurück.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Boote lösen sich nicht einfach auf.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Hier schon.“
Dann kramte er etwas aus seiner Jackentasche.
Ein Klappmesser. Alt, stumpf, aber mit so einer Art Würde.
Er klappte es auf, klappte es zu. Wieder und wieder. Ohne zu schneiden. Ohne zu reden.
„Ich hab das Ding bei der Funkstation gefunden“, sagte er.
„Oben am alten Mast? Da geht doch keiner mehr hin.“
„Ich schon.“
Er reichte mir das Messer.
Ich nahm es, wog es in der Hand. Es fühlte sich kalt an. Zu kalt.
In den Griff war etwas eingeritzt.
„JS“
Jules Strasser.
Ich erstarrte.
„Wo genau hast du das gefunden?“
„Zwischen den Steinen. Als würde es auf jemanden warten.“
Ich spürte plötzlich meine Zähne.
Spürte, wie sich irgendwas in mir zuckte, zusammenzog, scharf wurde.
„Was weißt du über Jules?“
Davide sah mich zum ersten Mal richtig an.
Lang. Still.
Dann sagte er:
„Nur das, was man flüstert, wenn keiner zuhört.“
Kapitel 5: Zigaretten und Sardinen
Die Kneipe hieß Chez Armand.
Oder hatte so geheißen. Das Schild war verwittert, das „C“ hing schief, und die Tür quietschte wie ein alter Rücken.
Drinnen war es dunkel, verraucht, und roch nach nassem Hund, Fritieröl und alten Geschichten, die keiner mehr hören wollte.
Ich ging rein wie jemand, der nicht weiß, ob er bleiben darf.
Ein paar Köpfe drehten sich. Nicht viele. Zwei vielleicht.
Einer davon war Armand selbst.
Breit wie zwei Türen, grauer Bart wie ein Fischernetz, das nie mehr trocknen würde.
„Na schau an“, brummte er. „Die Kleine von der Geneviève.“
Ich nickte.
Er wischte sich die Hände an einem Lappen ab, der schon aufgegeben hatte, ein Lappen zu sein.
„Was willst’n trinken?“
„Weißwein.“
„Haben wir nicht.“
„Dann Bier.“
„Warm.“
„Passt schon.“
Er stellte mir ein Glas hin. Ich nahm’s, ohne Danke. Er sagte auch nichts weiter.
Das war hier der Deal.
Ich setzte mich in die Ecke, wo früher der alte Paul gesessen hatte. Der, der jeden Montag betrunken ins Meer stieg, als suche er was.
Eines Tages kam er nicht mehr raus. Und keiner hatte gefragt, was er gefunden hatte.
Zwei Männer spielten Karten am Tresen. Einer davon hatte ein Glasauge, das falsch stand.
Der andere – schmal, lang, sah aus wie ein durchnässter Grashalm – starrte mich zu offen an.
„Du bist die Schwester von Jules“, sagte er.
Es war kein Fragezeichen dabei.
Ich nickte.
Er grinste.
„Dann weißt du, dass er nie wieder zurückkommt.“
„Wieso weiß ich das?“
„Weil hier keiner zurückkommt, wenn er einmal geht.“
Ich nahm einen Schluck. Das Bier war wirklich warm.
Und schal. Wie das Dorf.
„Was ist mit dem Boot?“ fragte ich.
Jetzt hörte das Kartenspiel auf.
Jetzt war es still.
„Welches Boot?“ fragte das Glasauge.
Ich lehnte mich vor.
„Das rote. In der Bucht. Zwei Tage lang lag’s da. Jetzt ist’s weg.“
Armand polierte ein Glas, obwohl es schon sauber war.
„Manchmal bringt das Meer was. Manchmal holt’s sich’s wieder. So is das hier.“
Ich ließ das Messer auf den Tisch fallen.
Klack.
Alle sahen es an, als wär’s ’ne Schlange.
„Hat jemand das hier vermisst?“
„Wo hast du das gefunden?“
„Funkstation.“
„Da geht keiner mehr hin.“
„Ich schon.“
Stille.
Dann kam Davide rein. Wie bestellt.
Er nickte mir zu, schnappte sich mein Bier, trank es leer.
Setzte sich neben mich. Legte die Hände auf den Tisch.
Ruhig. Fest.
„Ihr wollt wissen, was mit Jules passiert ist?“, sagte er.
„Dann hört auf, so zu tun, als wär er nie da gewesen.“
Und plötzlich war nichts mehr wie vorher.
Kapitel 5: Zigaretten und Sardinen
Die Kneipe hieß Chez Armand.
Oder hatte so geheißen. Das Schild war verwittert, das „C“ hing schief, und die Tür quietschte wie ein alter Rücken.
Drinnen war es dunkel, verraucht, und roch nach nassem Hund, Fritieröl und alten Geschichten, die keiner mehr hören wollte.
Ich ging rein wie jemand, der nicht weiß, ob er bleiben darf.
Ein paar Köpfe drehten sich. Nicht viele. Zwei vielleicht.
Einer davon war Armand selbst.
Breit wie zwei Türen, grauer Bart wie ein Fischernetz, das nie mehr trocknen würde.
„Na schau an“, brummte er. „Die Kleine von der Geneviève.“
Ich nickte.
Er wischte sich die Hände an einem Lappen ab, der schon aufgegeben hatte, ein Lappen zu sein.
„Was willst’n trinken?“
„Weißwein.“
„Haben wir nicht.“
„Dann Bier.“
„Warm.“
„Passt schon.“
Er stellte mir ein Glas hin. Ich nahm’s, ohne Danke. Er sagte auch nichts weiter.
Das war hier der Deal.
Ich setzte mich in die Ecke, wo früher der alte Paul gesessen hatte. Der, der jeden Montag betrunken ins Meer stieg, als suche er was.
Eines Tages kam er nicht mehr raus. Und keiner hatte gefragt, was er gefunden hatte.
Zwei Männer spielten Karten am Tresen. Einer davon hatte ein Glasauge, das falsch stand.
Der andere – schmal, lang, sah aus wie ein durchnässter Grashalm – starrte mich zu offen an.
„Du bist die Schwester von Jules“, sagte er.
Es war kein Fragezeichen dabei.
Ich nickte.
Er grinste.
„Dann weißt du, dass er nie wieder zurückkommt.“
„Wieso weiß ich das?“
„Weil hier keiner zurückkommt, wenn er einmal geht.“
Ich nahm einen Schluck. Das Bier war wirklich warm.
Und schal. Wie das Dorf.
„Was ist mit dem Boot?“ fragte ich.
Jetzt hörte das Kartenspiel auf.
Jetzt war es still.
„Welches Boot?“ fragte das Glasauge.
Ich lehnte mich vor.
„Das rote. In der Bucht. Zwei Tage lang lag’s da. Jetzt ist’s weg.“
Armand polierte ein Glas, obwohl es schon sauber war.
„Manchmal bringt das Meer was. Manchmal holt’s sich’s wieder. So is das hier.“
Ich ließ das Messer auf den Tisch fallen.
Klack.
Alle sahen es an, als wär’s ’ne Schlange.
„Hat jemand das hier vermisst?“
„Wo hast du das gefunden?“
„Funkstation.“
„Da geht keiner mehr hin.“
„Ich schon.“
Stille.
Dann kam Davide rein. Wie bestellt.
Er nickte mir zu, schnappte sich mein Bier, trank es leer.
Setzte sich neben mich. Legte die Hände auf den Tisch.
Ruhig. Fest.
„Ihr wollt wissen, was mit Jules passiert ist?“, sagte er.
„Dann hört auf, so zu tun, als wär er nie da gewesen.“
Und plötzlich war nichts mehr wie vorher.
Kapitel 6: Die Karte
Ich konnte nicht schlafen.
Der Wind war weg, aber etwas anderes war da.
So eine Art… Summen. Kein Ton, eher ein Gefühl unter der Haut. Wie Strom. Oder ein Gedanke, der zu laut wird.
Ich stand auf, tappte barfuß durchs Haus. Das Parkett war kalt wie altes Wasser.
In der Küche lag noch Davides Stimme in der Luft. Der Satz:
„Hört auf, so zu tun, als wär er nie da gewesen.“
Ich machte Licht im Flur.
Der Schatten der Garderobe sah aus wie ein Mann mit hängenden Schultern.
Ich ging rauf. Der Dachboden war zugänglich über eine Luke mit Strickleiter. Die hatte schon als Kind geknarzt wie morsches Holz im Sturm. Ich mochte das Geräusch nicht. Jetzt mochte ich’s auch nicht.
Oben roch es nach Staub, Mäusepisse und Pfefferminztee. Meine Großmutter hatte hier immer ihre „wichtigen Dinge“ versteckt.
Ich kroch durch die niedrigen Balken, vorbei an Blechkisten, alten Wollmänteln, einem Plattenspieler ohne Kabel.
Dann sah ich die Schachtel.
Klein. Flach. Mit einem roten Faden verschnürt.
Darauf stand mit Bleistift: „Für den Fall, dass du nicht vergisst.“
Ich löste den Faden.
Drin:
Eine Karte.
Selbstgezeichnet, auf butterweichem Papier. Die Küste. Die Klippe. Das Haus. Die Funkstation. Und draußen im Meer, mit blauer Kreide eingekreist, ein X.
Daneben stand in krakeliger Handschrift:
„29. Oktober. 4:15 Uhr. Risse öffnen sich.“
Ich starrte auf die Worte. Mein Herz war plötzlich zu laut.
Ich wusste nicht, wessen Handschrift das war. Vielleicht Jules. Vielleicht ihre. Vielleicht von jemandem, den ich vergessen hatte. Oder vergessen sollte.
Ich suchte weiter.
Unter der Karte lag ein Foto.
Zwei Kinder am Strand. Ich und Jules. Ich grinste. Er nicht.
Im Hintergrund: ein Schatten auf dem Wasser. Kein Boot.
Etwas Längliches. Unklar. Fast wie… ein Riss in der Fotografie selbst.
Ich fuhr mit dem Finger drüber. Die Oberfläche fühlte sich warm an. Wie Haut. Wie lebendig.
Dann hörte ich Schritte unten.
Langsam.
Unregelmäßig.
So, als würde jemand humpeln.
Ich fror ein.
Zählte.
Eins. Zwei. Drei Schritte.
Pause.
Dann noch einer.
Ich klappte die Schachtel zu, schob sie unter den Bodenbalken, löschte das Licht.
Hielt die Luft an.
Die Schritte stoppten im Flur.
Etwas atmete. Laut. Kratzend.
Dann war alles still.
Ich blieb noch eine Stunde auf dem Dachboden. Ohne mich zu rühren.
Als ich endlich runterkam, war niemand da. Die Tür war verriegelt. Alles war, wie es sein sollte. Nur mein Herz – das klopfte falsch.
Am nächsten Morgen war der rote Faden verschwunden.
Kapitel 7: Regen, der nicht aufhört
Es regnete seit vierundzwanzig Stunden.
Nicht der dramatische Regen mit Blitz und Donner – nein. Das hier war dieser zähe, monotone Bretonenregen. Der, der unter die Haut kriecht, ins Denken, ins Blut.
Ich stand am Fenster und zählte Tropfen, bis meine Gedanken zu schwer wurden.
Davide war seit gestern nicht mehr aufgetaucht. Kein Klopfen. Kein Schatten. Keine Zigarettenglut im Nebel.
Ich schickte ihm eine Nachricht.
Keine Antwort.
Ich rief ihn an. Mailbox. Nur Rauschen, dann das Klacken der Verbindung.
Ich sagte mir: ist nichts. Der taucht wieder auf. Der ist so.
Aber irgendwas stimmte nicht.
Ich fühlte es im Bauch. Dort, wo früher Angst saß. Jetzt war da nur noch ein Druck, dumpf und lauernd.
Gegen Mittag zog ich den Mantel an, trat raus in den Regen.
Die Dorfstraße war leer. Keine Hunde, keine Stimmen. Nur die Tropfen, die in den Pfützen tanzen, als würden sie sich verspotten.
Chez Armand war zu.
Ein Zettel an der Tür: „Beerdigung.“
Kein Name, kein Datum.
Ich lief den Hang zur Funkstation hoch.
Der Weg war matschig, meine Stiefel rutschten. Alles an mir war klamm. Ich dachte an Jules, wie er barfuß durch den Regen rannte, damals.
„Regen macht unsichtbar“, hatte er gesagt.
Damals hatte ich das noch geglaubt.
Die Funkstation lag wie ein gebücktes Tier auf dem Fels. Grauer Beton, verrostete Antennen. Die Tür klemmte. Ich trat sie auf.
Innen war es dunkel. Feucht.
Das Summen war zurück.
Nicht laut. Aber da.
Ich folgte ihm, Schritt für Schritt.
Ein Raum, leer. Noch einer.
Dann der Kontrollraum.
Ein altes Tonbandgerät. Und: es lief.
Die Spule drehte sich langsam.
Knacken. Rauschen.
Dann:
„Kiara.“
Flüstern. Wieder.
„Kiara.“
Verzerrt.
„Wir sehen uns unter der Haut.“
Ich schaltete es aus. Mein Herz raste.
Auf dem Boden: ein Tuch. Dunkelblau, durchweicht. Ich hob es auf.
Darunter – Davides Zigarettenschachtel. Und sein Feuerzeug.
Ich kniete mich hin.
Im Staub daneben war ein Abdruck.
Kein Schuh. Kein Tier.
Eine Hand.
Groß. Krumm. Mit zu langen Fingern.
Ich stand auf, nahm das Bandgerät unter den Arm. Rannte.
Der Regen peitschte mir ins Gesicht, das Meer tobte irgendwo tief unter den Klippen.
Als ich zuhause ankam, war die Haustür offen.
Ich hatte sie geschlossen. Ganz sicher.
Im Flur lagen meine Stiefel – ordentlich nebeneinandergestellt.
Ich war allein. Und das war das Beunruhigendste daran.
Kapitel 8: Die Stimme
Ich legte das Tonbandgerät auf den Küchentisch.
Der Regen hörte nicht auf. Er schien inzwischen nicht mehr draußen zu sein, sondern in mir drin. In den Haaren, in der Kehle, in den Gedanken.
Ich starrte auf das Ding. Alt. Verstaubt. Sowas, das man eigentlich nicht mehr anfassen will, weil’s wie ein Zeitloch wirkt.
Aber ich drückte auf „Play“.
Das Band sprang an. Rauschen.
Dann ein metallisches Knacken.
Dann die Stimme.
Zuerst kaum hörbar. Eine Silbe vielleicht. Ein Atemzug.
„Kia… ra.“
Pause.
„Er ist nicht weg.“
Dann wieder Stille. Nur das leise Surren der Maschine.
Ich spulte zurück, hörte es nochmal.
Diesmal klang es anders.
Die Stimme war tiefer. Langsamer.
Wie durch Wasser gesprochen. Oder durch ein Telefon, das schon lange tot ist.
Ich stoppte das Band.
Zog es raus. Das Magnetband klebte an meinen Fingern. Kalt. Glitschig.
Ich ging ins Wohnzimmer, legte es aufs Regal.
Und da fiel mir das auf:
Das Foto von mir und Jules – das auf dem Kaminsims stand – war weg.
Ich suchte das ganze Zimmer ab. Nichts.
Nur ein anderer Rahmen, leer.
Und darunter: ein Kratzer im Holz.
Zwei Linien. Wie eingeritzt.
„JS“
Wieder diese Initialen.
Wieder wie eine Unterschrift, die sagt: Ich war hier. Und ich bin’s noch.
Ich ging ins Bad, drehte den Wasserhahn auf.
Nichts. Kein Tropfen.
Stattdessen: ein Geräusch im Abfluss.
Ein Kratzen.
Ein Schaben.
Wie Fingernägel an Metall.
Ich knallte den Deckel drauf.
Ging zurück in die Küche.
Zog die Schachtel mit der Karte unter dem Bodenbrett hervor.
Sie war noch da – aber das X war verschmiert.
Und daneben stand jetzt ein zweiter Satz, den ich nie zuvor gesehen hatte:
„Nicht alle Türen führen raus.“
Ich setzte mich.
Rauchte. Eine, dann zwei.
Wusste nicht, was ich tun sollte. Oder ob es überhaupt noch etwas zu tun gab.
Dann hörte ich es.
Ganz klar.
Eine Stimme.
Draußen.
„Kiara… bitte…“
Ich rannte zur Tür. Riss sie auf.
Niemand da. Nur Regen. Nebel.
Und etwas, das auf der Tür geschrieben stand.
Mit Fingern. In Salz.
„Du bist wach.“
Kapitel 9: Rückblende – 2009
Ich erinnere mich nicht an den genauen Tag.
Nur an das Licht. So ein flacher Spätherbstglanz, der alles in Sepia tunkte.
Jules saß auf dem Dach der Funkstation, die Beine baumelnd, das Diktiergerät in der Jackentasche.
Er trug diesen roten Schal, den Großmutter gestrickt hatte. Den, den er später am Strand zurückließ.
Er drückte „Record“.
Und sagte:
„Wenn du das hörst, Kiara, bin ich wahrscheinlich schon irgendwo, wo man keine Karten mehr braucht.“
Pause.
Ein Möwenschrei im Hintergrund. Dann:
„Ich weiß, du wirst wütend sein. Und du wirst fluchen. Vielleicht das ganze verdammte Dorf abfackeln. Aber ich muss da runter. In die Tiefe. In diesen… Riss.“
Er schluckte hörbar. Dann leiser:
„Es ist kein Unfall. Kein Wahnsinn. Ich hab’s gesehen, verstehst du? Da unten ist etwas. Es beobachtet uns. Und es erinnert sich. An alles. Auch an dich. An mich. An das, was wir gesagt haben, als Vater ging.“
„Ich glaube nicht, dass es böse ist. Aber es vergisst nicht.“
Ein Windstoß rauschte durchs Mikrofon.
Er lachte kurz. Müde.
„Wenn ich es finde, bring ich was mit zurück. Ein Beweis. Etwas Echtes. Nicht nur Salz in der Luft und Schatten in der Erinnerung.“
Er klickte das Gerät aus.
Setzte sich still hin.
Ich saß ein paar Meter weiter weg, zwischen Flechten und rostigen Antennenteilen.
Ich sagte nichts.
Er wusste, dass ich da war.
Und ich wusste, dass ich ihn nicht würde aufhalten können.
Er stieg später ins Wasser, kurz vor vier.
29. Oktober.
Ein Fischer sah ihn noch – allein, mit dem roten Schal, barfuß, kein Boot. Nur er und das Meer.
Und das war das Letzte, was man von Jules sah.
Bis das Messer auftauchte.
Bis das Band zu sprechen begann.
Bis jetzt.
Kapitel 10: Leere Netze
Der Morgen kam grau.
Nicht hell – nur weniger dunkel.
Ich ging runter zum Hafen, ohne Plan. Nur der Wind trieb mich. Und dieses Gefühl, dass das Wasser näher rückte. Nicht sichtbar. Aber fühlbar.
Die Kutter lagen wie müde Tiere im Hafenbecken. Ihre Seile schlaff, die Farben abgeblättert.
Ein paar Fischer standen herum, stumm wie Zigarettenstummel im Regen.
Ich ging an ihnen vorbei. Einige schauten. Keiner sprach.
Dann sah ich ihn.
René. Ein alter Bastard mit Händen wie Wurzeln und Augen wie geräuchertes Glas. Früher hatte er immer Pfefferminzbonbons in der Jacke und Geschichten, die keiner glauben sollte.
Jetzt war sein Blick leer.
Aber er erkannte mich. Und nickte.
Ich trat an ihn heran.
„Wie ist der Fang?“
Er spuckte ins Wasser.
„Fang ist tot.“
„Gar nichts?“
„Kein Dorsch. Kein Hering. Kein Garnelenfetzen. Nur Leere.“
„Seit wann?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Seit… Jules.“
Ich schluckte.
„Was meinst du?“
„Seit dem Tag, als er ging, hat das Meer was behalten. Und nichts mehr gegeben.“
Ein anderer Fischer, grauhaarig, mit einem blutigen Handtuch um die Hand, trat dazu.
„Gestern ist die Louise raus. Drei Stunden. Netz leer. Aber das Wasser war… komisch.“
„Komisch wie?“
„Still. Kein Echo. Kein Knarren. Als wär’s nicht mehr Meer. Sondern Haut.“
Ich sagte nichts.
Was willst du auch sagen, wenn alte Männer anfangen, so zu reden?
Aber ich spürte es. Die gleiche Stille wie in mir. Das gleiche Warten auf etwas, das man nicht benennen kann.
René beugte sich vor.
„Dein Bruder hat was geweckt, Mädchen.“
„Was soll das heißen?“
„Man kann nicht einfach rein ins Wasser und glauben, man holt nur Salz raus. Manchmal holt man was anderes. Und das kommt nicht allein.“
Ich ging weg.
Lief die Mauer am Hafen entlang. Der Wind hatte Salz in den Ritzen gelassen. Es brannte auf der Haut.
Am Ende der Mauer lag ein Netz. Zusammengeknüllt, schlammverkrustet. Ich hob es an.
Drin: eine Feder.
Länglich. Schwarz. Wie vom Flügel eines Vogels, den es hier nicht gibt.
Ich sah aufs Meer hinaus.
Es bewegte sich kaum.
Aber ich schwöre: es sah zurück.
Kapitel 11: Die Tür unter der See
Ich hatte keine Ahnung, warum ich’s tat.
Nur dieses Ziehen. Nicht im Kopf. Tiefer.
Im Brustbein vielleicht. Oder im Traumfleisch, da, wo die Vernunft keine Zähne hat.
Es war der 29. Oktober.
Vier Uhr morgens.
Ich stand barfuß am Rand der Bucht, wo das Wasser zurückgegangen war. Ebbe wie damals.
Ich trug den alten Neoprenanzug meines Bruders. Zerrissen an der Hüfte. Der Reißverschluss klemmte.
Ich hatte ihn in einer Kiste gefunden, mit dem roten Schal obendrauf. Trocken. Als wäre er nie im Wasser gewesen.
Ich tauchte allein. Kein Licht. Nur die Karte im Kopf.
Das X.
Und der Satz: „Risse öffnen sich.“
Das Meer war schwarz. Kalt wie das Innere eines Telefons, das niemand mehr abhebt.
Ich glitt rein, langsam, zitternd. Das Salz brannte in den Augen, aber ich blinzelte nicht.
Zwanzig Meter raus.
Dann runter.
Unten war es still. Keine Fische. Kein Sand.
Nur dunkle Felsen und ein satter Druck auf der Brust, als wolle das Wasser mich umarmen.
Oder behalten.
Dann sah ich es.
Eine Struktur.
Kein Wrack. Keine Felsenformation.
Es war… gebaut.
Ein Bogen. Aus schwarzem Gestein, mit Linien, die zu glatt waren, zu regelmäßig.
Wie eine Tür.
Sie stand halb offen.
Dahinter: Nichts. Keine Tiefe, kein Licht.
Nur eine Schwärze, die kein Wasser war.
Ich bewegte mich näher.
Die Oberfläche der Tür vibrierte leicht, als würde sie atmen.
In meinem Kopf rauschte es. Wie Stimmen unter Glas.
Ich streckte die Hand aus.
Und dann – eine Bewegung.
Etwas hinter mir.
Ich drehte mich um.
Nichts.
Doch. Etwas.
Ein Schatten. Lang. Menschlich vielleicht. Aber verzogen.
Ein Arm, zu dünn.
Ein Auge – nein, zwei – aber auf der falschen Seite.
Ich wollte auftauchen. Sofort.
Doch meine Beine gehorchten nicht.
Der Druck wurde stärker.
Etwas griff nach meinem Knöchel.
Und dann – Risse.
Feine, helle Linien im Wasser, wie Glas, das splittert.
Sie kamen aus der Tür. Aus der Schwärze.
Ein Ton. Hoch, wie Pfeifen durch rostige Rohre.
Ich schrie, aber das Wasser schluckte es.
Dann war alles Licht.
Und dann war alles weg.
Als ich aufwachte, lag ich am Ufer.
Der Neoprenanzug zerrissen.
In meiner Faust: eine Feder. Schwarz.
Und auf meinem Rücken – eingeritzt, nicht tief, aber deutlich – zwei Buchstaben.
„JS“
Kapitel 12: Die Rückkehr des Bruders
Ich roch ihn, bevor ich ihn sah.
Nasses Leder. Altes Metall.
Und dieses Salz – nicht vom Meer, sondern von Haut, die zu lange in der Stille gelegen hat.
Ich lag noch im Bett, der Rücken brannte, die Buchstaben unter der Haut zogen wie Fieber.
Ich hörte das Knarren der Treppe.
Kein Tier. Kein Wind.
Schritte. Langsam. Ohne Eile.
Als gehöre dem, der da kam, das Haus längst.
Ich stand auf. Griff das Küchenmesser, das ich unter dem Kopfkissen versteckt hatte.
Die Tür war offen.
Dahinter: ein Mann.
Nass bis auf die Knochen.
Barfuß. Die Haare verklebt. Die Augen… leer.
Nicht leer wie tot.
Leer wie: gelöscht.
Er sah mich an.
Und ich wusste.
„Jules?“
Er sagte nichts.
Bewegte sich nicht.
Ich trat näher.
Er roch nach Seegras, nach Kellerluft, nach…
Etwas anderem.
Etwas, das nicht hätte riechen dürfen.
„Jules“, sagte ich nochmal, leiser.
Sein Blick war flach. Wie Wasser bei Windstille.
Er hob langsam die Hand.
Zeigte auf meinen Rücken.
Dann auf sein eigenes Herz.
Dann auf das Fenster.
Ich sah hinaus.
Nebel. Der Garten war verschwunden. Die Bäume sahen aus wie Menschen.
Ich drehte mich wieder zu ihm.
Er war weg.
Nur eine Spur nasser Fußabdrücke auf dem Dielenboden.
Bis zur Tür.
Und hinaus.
Ich lief raus. Barfuß, wie er.
Der Boden kalt, der Nebel zäh.
Aber keine Spur mehr.
Nur ein Geräusch.
Knarren.
Vom Dachboden.
Ich rannte hoch.
Die Schachtel war offen.
Die Karte weg.
Nur ein Zettel lag da:
„Nicht alle Schatten gehören dir.“
Und das Foto von uns beiden –
Jetzt war nur noch er drauf.
Allein.
Mit einem offenen Mund.
Als würde er gerade sagen, was ich nicht hören darf.
Kapitel 13: Kein Horizont
Der Horizont war weg.
Einfach… verschwunden.
Nicht in Nebel gehüllt. Nicht in Dunkelheit getaucht.
Er war schlicht nicht mehr da.
Ich stand am Strand, in Gummistiefeln, die ich irgendwo im Haus meiner Großmutter gefunden hatte. Das Meer war glatt. Kein Geräusch. Kein Wind.
Nur diese Stille.
Und das Gefühl, dass etwas auf mich wartete. Direkt unter der Oberfläche.
Ich blickte zurück zum Dorf.
Die Dächer wirkten niedriger. Die Fenster schmaler.
Es sah aus wie eine Kulisse.
Fast zu… gleichmäßig.
Wie gemalt.
Ich ging durch die Straßen.
Niemand da. Keine Stimme. Kein Radio. Keine Schritte.
Nur das Klopfen meines Herzens. Und das Knirschen meiner eigenen Schritte auf dem Kies.
Chez Armand – geschlossen.
Der Zettel von der Beerdigung war weg.
Dafür hing jetzt einer an der Laterne gegenüber:
„Bleib nicht zu lange.“
Ich lief weiter.
Am Fenster von Davides Hütte brannte Licht.
Ich rannte hin. Klopfte.
Nichts.
Ich trat ein.
Die Tür war offen, der Raum leer.
Nur auf dem Tisch: ein Spiegel.
Und darin:
Nicht mein Gesicht.
Ein fremdes.
Vertraut und falsch zugleich.
Meine Augen, aber zu dunkel. Mein Mund, aber stumm.
Der Spiegel begann zu flackern.
Ein Riss zog sich von oben links nach unten rechts.
Dann – eine Bewegung.
Hinter mir.
Ich drehte mich um.
Niemand da.
Aber die Tür war jetzt geschlossen.
Ich ging zum Fenster.
Draußen: nur Wasser.
Das Dorf war verschwunden.
Nur das Haus meiner Großmutter stand noch da –
auf einem Felsen.
Allein.
Ich spürte, wie die Zeit wegrutschte.
Wie Gedanken sich entzogen, wie Nebel durch Ritzen.
Ich wusste nicht mehr, wie viele Tage ich schon hier war.
Oder was ich suchte.
Aber ich wusste: ich musste zurück.
Zum Haus.
Dorthin, wo alles angefangen hatte.
Und wo es – irgendwie – enden musste.
Kapitel 14: Das Opfer
Ich stand wieder auf der Klippe.
Der Wind war zurück, heulend wie ein altes Tier.
Er biss mir ins Gesicht, aber ich blieb stehen.
Kein Zurück mehr. Nicht jetzt.
Das Haus meiner Großmutter lag hinter mir.
Die Tür weit offen. Kein Licht.
Darin: der rote Schal.
Einmal um ein Kissen gewickelt, wie ein Hals.
Sonst nichts.
Ich wusste, was ich tun musste.
Nicht weil es mir jemand gesagt hätte.
Weil das Meer es mir gezeigt hatte.
Ich hatte die Karte neu gezeichnet.
Nicht mit Kreide, sondern mit Blut.
Die Koordinaten stimmten. Ich hatte es gespürt. Beim letzten Tauchen.
Der Riss war noch offen.
Ich trug keine Ausrüstung mehr. Nur meine Haut.
Die Feder steckte in meiner Jackentasche.
Das Tonbandgerät in der anderen.
Ich sprach leise hinein:
„Jules. Ich komm. Aber nicht, um dich zu retten. Sondern um mich zu erinnern.“
Ich ging den Pfad runter, der inzwischen wie eine Wirbelsäule aus Lehm und Stein unter mir knackte.
Jeder Schritt schwerer als der letzte.
Unten war das Meer ruhig.
Unnatürlich ruhig.
Wie ein Spiegel, der kurz vor dem Zerbrechen steht.
Ich trat ins Wasser.
Kalt.
Dann: warm.
Dann: nichts.
Ich tauchte.
Keine Fische. Keine Richtung.
Nur Licht. Und darunter: Dunkel.
Dann sah ich ihn.
Jules.
Oder das, was von ihm blieb.
Sein Körper schwebte – nicht tot, nicht lebendig.
Die Augen offen. Der Mund geschlossen.
Er streckte die Hand aus.
Ich schwamm zu ihm. Nahm sie.
Und in dem Moment – öffnete sich die Tür.
Ein gleißendes Licht.
Ein Sog. Kein Widerstand möglich.
Ich ließ los.
Spürte, wie mein Herz aussetzte.
Wie die Gedanken sich zu Schatten falteten.
Wie ich fiel.
Nicht tiefer.
Weiter.
Als ich erwachte, lag ich am Strand.
Nackt.
Nur die Feder in der Hand.
Neben mir: Fußspuren.
Zwei Paar.
Und auf meiner Brust: ein neues Zeichen.
∴
Drei Punkte.
Kein Wort.
Nur: Ich war da.
Kapitel 15: Nachtflut
Der Sturm kam ohne Ankündigung.
Keine Wolken. Kein Druck. Nur plötzlich: Wind.
Wie ein Schnitt durch die Welt.
Ich stand am Fenster des Hauses, das jetzt meines war.
Das nie meines sein wollte.
Der Boden bebte.
Der Himmel zuckte.
Das Meer hatte keinen Rand mehr – es wuchs.
Langsam. Unaufhaltsam.
Wie eine Antwort, die keiner hören will.
Ich sah das Dorf unter mir.
Ein letzter Blick.
Ein Mann rannte.
Ein Hund bellte.
Dann war da Wasser.
Schnell. Breit.
Ich rannte aufs Dach.
Nicht, um zu entkommen.
Nur, um zu sehen.
Die Bucht war fort.
Die Kneipe – weg.
Der Hafen: unter schwarzem Wasser begraben.
Nur mein Haus hielt.
Ein Stein im Maul der Flut.
Und dann –
sah ich ihn.
Davide.
Am Rand des Gartens.
Durchnässt. Barfuß. Zitternd.
Aber lebendig.
Ich schrie.
Er sah mich.
Lächelte.
Ein kurzes, schiefes Lächeln, das sagte: „Ich bin noch hier.“
Dann hob er die Hand.
Zeigte hinter sich.
Und da war Jules.
Nicht wie zuvor – stumm, leer, falsch.
Jetzt – voller Licht.
Wie durchscheinend, aber ganz.
Er nickte.
Und mit dem Nicken brach der Himmel auf.
Ein Donnern.
Ein Tosen.
Und das Wasser – stieg.
Noch einmal.
Bis zur Treppe.
Bis zur Tür.
Ich blieb oben.
Saß auf dem Dachfirst.
Rauchte.
Und wartete.
Die Nacht verging.
Langsam.
Wie eine Erinnerung, die nicht weichen will.
Und als das Licht kam –
war das Meer wieder ruhig.
Das Dorf – verschwunden.
Nur mein Haus.
Und ich.
Und ein blauer Himmel, der zu blau war, um wahr zu sein.
Kapitel 16: Die Stille danach
Es war ruhig.
Keine Stille wie in der Nacht.
Sondern diese andere Art – die, die nur nach einem Sturm kommt.
Wenn alles, was schreien wollte, sich totgestellt hat.
Ich stand im Garten.
Barfuß.
Der Boden feucht, aber fest.
Das Haus unversehrt.
Nicht mal ein zerbrochenes Fenster.
Das Dorf war fort.
Nicht zerstört.
Nicht verschlungen.
Fort.
Als hätte es sich nie ausgedehnt.
Nur Wiese dort, wo früher Straßen waren.
Kein Geräusch. Kein Name. Kein Schatten.
Ich ging zum Brunnen hinter dem Haus.
Meine Großmutter hatte immer gesagt: „Wenn du vergisst, trink von hier. Dann weißt du wieder, wer du bist.“
Ich beugte mich runter.
Das Wasser war glatt wie Glas.
Ich sah hinein.
Aber nicht mich.
Jemand anders.
Ein Gesicht, das lächelte.
Dann verschwamm es.
Wurde zu mir.
Ich trank.
Und wusste:
Es war nicht vorbei.
Aber es war ruhig.
Drinnen in der Küche: ein Teller.
Zwei Tassen.
Ein Messer.
Davides Feuerzeug.
Er war da gewesen.
Vielleicht war er noch da.
Vielleicht war ich es nicht.
Ich setzte mich auf die Stufe vor der Tür.
Sah hinaus aufs Feld, wo früher der Hafen war.
Und dann kam er.
Ein Junge. Vielleicht acht Jahre alt.
Barfuß.
Nass.
Mit dunklem Haar.
Er blieb stehen.
Sah mich an.
Sagte nichts.
Ich fragte: „Wie heißt du?“
Er zuckte mit den Schultern.
Dann grinste er.
In seiner rechten Hand: eine schwarze Feder.
In seiner linken: meine Karte.
Mit einem neuen X.
Tief im Landesinneren.
Er hielt sie mir hin.
Ich nahm sie.
Er ging weiter, ohne sich umzudrehen.
Ich sah ihm nach.
Lang.
Dann stand ich auf.
Zog mir die Jacke über.
Und ging los.
Weil das, was bleibt, sich nicht aufhalten lässt.
Und weil manche Geschichten weiterwandern, auch wenn niemand mehr zuhört.










