
Meine Finger kleben an der gefrorenen Wand der Unterwasserkuppel. Die Kälte brennt wie Feuer auf meiner Haut, aber ich kann mich nicht lösen von diesem Anblick – durch das Eis über mir sehe ich dunkle Schatten, die gegen die Barriere rammen. Orcas. Sie kommen seit Tagen, immer wieder, als suchten sie einen Weg durch das meterdicke Eis. Oder einen Weg zu uns.
„Weg von der Wand“, knurrt jemand hinter mir. „Du verschwendest Körperwärme.“
Ich ziehe meine Hand zurück und reibe mir die tauben Finger. Die Kuppel, einst ein Wunder der Ingenieurskunst, ein sicherer Hafen für die, die dem steigenden Meeresspiegel entkommen wollten, ist zu einer eisigen Hölle geworden. Die Heizung ist ausgefallen – zum vierten Mal in dieser Woche – und unser Atem gefriert zu Kristallschleiern, die wie gespenstische Spinnweben von der Decke hängen.
„Es wird wärmer“, sagt Professor Iwanow, der im schwachen Licht der Notbeleuchtung über seinen Monitoren brütet. Seine roten Augen sind fleckige Monde in seinem hohlwangigen Gesicht. Der Russe hat seit Tagen nicht geschlafen, versucht mit schwindender Kraft, die Systeme am Laufen zu halten. „Die Oberflächentemperatur steigt um zwei Zehntel Grad pro Woche.“
Das Eis knirscht über uns, ein Lachen aus gefrorenen Tränen.
„Welche Oberfläche meinen Sie, Professor?“, fragt Lin, die aus der Dunkelheit auftaucht wie ein Geist. Ihre Haut hat einen bläulichen Schimmer angenommen, seit die Wärme uns verlassen hat, als hätte ihr Körper sich dem Eis angepasst. „Das Eis schmilzt und gefriert im gleichen Atemzug. Die Sensoren können kaum noch zwischen Tag und Nacht unterscheiden.“
Der Professor winkt ab, eine fahrige Bewegung mit seiner verkrüppelten Hand. Ein Unfall mit flüssigem Stickstoff, als die Kühlsysteme versagten. Seine Haut ist an dieser Stelle schwarz wie verbranntes Holz. „Die globalen Messungen, meine Liebe. Die Temperaturen steigen. Die Polkappen schmelzen schneller.“
„Was für eine Ironie“, murmelt Lin und dreht sich eine Zigarette aus getrockneten Algen, die sie in den hydroponischen Gärten züchtet. „Wir kamen hierher, um dem Wasser zu entkommen, und jetzt werden wir ertrinken.“
Ich schweige, denke an die schwimmende Stadt, die ich vor drei Monaten verlassen habe. An Kraken und Marlene, die mich schließlich gehen ließen, als klar wurde, dass ich tatsächlich niemand war – nur ein weiterer Überlebender, nicht der mysteriöse Informant oder Wissenschaftler, den die Kontinentalen suchten. Sie gaben mir Proviant für eine Woche und eine grobe Karte. Die Antarktis sei die letzte Bastion der Menschheit, sagten sie. Dort gäbe es noch Zivilisation, Ordnung, Wissenschaft.
Was sie verschwiegen, war die Kälte. Die Isolation. Die wachsende Erkenntnis, dass auch dieser letzte Zufluchtsort nichts als eine Falle ist.
„Die Orcas sind zurück“, sage ich schließlich, um die Stille zu brechen. „Sie scheinen… wütend.“
Der Professor hebt den Kopf. „Nicht wütend. Verzweifelt. Die Unterwasserströmungen ändern sich. Die Nahrungsketten kollabieren. Selbst die Herren der Meere verhungern jetzt.“ Er lacht bitter. „Wie wir.“
„Wir haben noch die Algenfarmen“, widerspricht Lin und zündet ihre improvisierte Zigarette mit einer kleinen Flamme aus ihrem Feuerzeug an, das sie wie einen Schatz hütet. „Und die synthetischen Proteine aus der Station Drei.“
„Station Drei antwortet seit gestern nicht mehr“, sagt der Professor leise. „Die Kommunikationsleitung ist abgebrochen.“
Eine eisige Stille breitet sich aus, schlimmer als die Kälte, die an unseren Körpern zehrt.
„Was bedeutet das?“, frage ich, obwohl ich die Antwort bereits kenne.
„Es bedeutet“, sagt Lin und bläst einen dünnen Rauchfaden aus, der in der frostigen Luft zu einem bizarren Muster gefriert, „dass wir sehr bald herausfinden werden, wie Orcafleisch schmeckt.“
Niemand lacht.
Ich drehe mich wieder zum Fenster, starre durch das Eis. Die Antarktis war einst ein Kontinent aus weißem Marmor, unberührt, majestätisch. Jetzt ist sie ein zerklüftetes Labyrinth aus Eis und offenen Wasserstellen, durchzogen von den Kuppeln und Tunneln unserer unterirdischen Zuflucht. Tausend Meter unter uns liegt das alte Festland, begraben unter Gletschern, die sich seit Jahrhunderten bilden und nun mit erschreckender Geschwindigkeit zerfallen.
Ein dumpfes Klopfen erschüttert die Kuppel. Ein weiterer Orca, oder vielleicht derselbe, rammt seinen massigen Körper gegen das Eis. Durch die verzerrte Barriere sehe ich sein Auge – nicht weiß, wie ich es aus alten Dokumentationen kenne, sondern rot von geplatzten Adern. Das Auge eines Tieres, das weiß, dass es stirbt.
„Wann haben wir das letzte Mal von der Oberfläche gehört?“, frage ich plötzlich.
Die Frage hängt in der Luft wie einer der gefrorenen Atemwolken.
„Siebzehn Tage“, antwortet der Professor schließlich. „Der letzte Versorgungsdrop wurde vor siebzehn Tagen gemeldet.“
„Von der Station Eins“, ergänzt Lin. „Aber sie haben nur leere Container geschickt. Die Vorräte bleiben aus.“
Ich nicke langsam. Als ich hier ankam, nach Wochen auf einem improvisierten Boot, war die Antarktische Zuflucht ein Netzwerk aus zwölf Stationen, verbunden durch Tunnel und geschützt durch das Eis. Fast dreitausend Menschen, die letzten Wissenschaftler, Ingenieure, Ärzte – die Elite derer, die es wert waren, gerettet zu werden.
Jetzt sind wir vielleicht nur noch hundert. Vielleicht weniger.
„Wir könnten zur Oberfläche gehen“, sage ich leise. „Nachsehen.“
Lin lacht, ein kratziges Geräusch, das in einen Husten übergeht. Die Algenzigaretten zerfressen ihre Lunge. „Und was dann? Die Strahlung dort oben würde uns die Haut abziehen wie ein heißes Messer die Butter.“
„Die Messwerte sind zurückgegangen“, sagt der Professor nachdenklich. „Die letzte Sonneneruption ist zwei Monate her. Theoretisch…“
Ein Kreischen unterbricht ihn – Metall auf Metall, als würde jemand eine Eisenstange über den Boden schleifen. Wir erstarren alle.
Das Geräusch kommt aus dem südlichen Tunnel.
„Station Drei“, flüstert Lin.
Der Professor steht auf, seine Gelenke knacken wie Eis unter Druck. „Unmöglich. Der Tunnel ist verschlossen. Das Protokoll…“
Ein weiteres Kreischen, näher. Dann ein Klopfen, rhythmisch, fast wie Morsecode.
Lin zieht ein Messer aus ihrem Stiefel – mehr ein Skalpell als eine Waffe. Der Professor greift nach einem schweren Schraubenschlüssel.
Ich stehe da, gelähmt, und starre auf die Tür zum Südtunnel. Die Kälte in meinen Knochen wird plötzlich zu Feuer, eine Hitze, die durch meine Adern rast wie flüssiges Metall.
Die Tür öffnet sich mit einem Zischen.
Eine Gestalt taumelt herein, eingehüllt in einen weißen Schutzanzug, vereist und zerrissen. Der Helm ist zersplittert, gibt den Blick frei auf ein Gesicht, so blau wie der Himmel, den wir seit Monaten nicht mehr gesehen haben.
„Station Drei“, haucht die Gestalt. „Alle tot. Das Eis… es spricht.“
Dann bricht sie zusammen, und eine dunkelrote Flüssigkeit sickert unter dem Anzug hervor. Nicht Blut – zu dick, zu dunkel. Sie riecht nach Metall und etwas anderem, etwas, das ich nicht identifizieren kann.
Der Professor kniet neben der Gestalt, reißt den Anzug auf. Darunter kommt verbrannte Haut zum Vorschein, durchzogen von schwarzen Linien, die sich wie Wurzeln oder Adern über den Torso ziehen.
„Mein Gott“, flüstert er. „Das ist Marina. Sie war in Station Drei für die Tiefseebohrungen zuständig.“
Lin tritt näher, das Skalpell noch immer in der Hand. „Was ist mit ihr passiert? Ist das… Wasser?“
Der Professor berührt vorsichtig eine der schwarzen Linien. Sie pulsiert unter seinen Fingern, und ein Tropfen der dunklen Flüssigkeit quilt hervor.
„Das ist kein Wasser“, sagt er tonlos. „Das ist Öl. Aber nicht wie das, was wir kennen.“ Er hebt den Finger, auf dem ein Tropfen der Substanz schimmert wie flüssige Nacht. „Es bewegt sich.“
Ich beuge mich vor, und tatsächlich – der Tropfen zittert, formt sich und zerfließt wieder, als hätte er einen eigenen Willen.
„Das Eis spricht“, wiederholt Marina mit brechender Stimme, ihre Augen weit aufgerissen und auf einen Punkt hinter uns gerichtet. „Es hat sie alle genommen. Es wird uns alle nehmen.“
Dann verkrampft sich ihr Körper, biegt sich in einem unmöglichen Winkel nach hinten. Ein Schrei entrinnt ihrer Kehle, nicht menschlich, sondern wie das Kreischen von Metall auf Eis. Die schwarzen Linien auf ihrer Haut pulsieren schneller, breiten sich aus, erreichen ihren Hals, ihr Gesicht.
Der Professor weicht zurück, stößt gegen seinen Schreibtisch. Lin hebt das Skalpell höher.
Ich stehe da, unfähig mich zu bewegen, als die schwarzen Linien Marinas Augen erreichen. Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Dann explodieren ihre Pupillen in schwarzen Tränen, die an ihren Wangen hinablaufen wie verflüssigter Schatten.
„Tötet mich“, flüstert sie, und ihre Stimme klingt, als würde sie aus einem tiefen Brunnen kommen. „Bitte.“
Lin zögert nicht. Mit einer fließenden Bewegung stößt sie das Skalpell in Marinas Hals, genau an der Stelle, wo die Halsschlagader pulsiert. Statt Blut quillt die ölige Substanz hervor, spritzt in dicken Tropfen auf den Boden, wo sie zischt und dampft, als würde sie mit der Kälte reagieren.
Marinas Körper erschlafft, aber ihre Augen bleiben offen, starren ins Leere. Die schwarzen Linien unter ihrer Haut pulsieren weiter, langsamer jetzt, aber unaufhaltsam.
„Verbrennt sie“, sagt der Professor mit erstickter Stimme. „Sofort. Bevor es sich ausbreitet.“
Lin nickt, greift nach dem Notfall-Flammenwerfer, der für Gaslecks gedacht ist. Die blaue Flamme zischt in die Stille hinein, umhüllt Marinas Körper mit unnatürlicher Wärme. Für einen Moment ist die Kuppel erfüllt von Licht und Hitze, ein grotesker Sommer in unserem ewigen Winter.
Der schwarze Rauch, der aufsteigt, formt Muster an der Decke – ich schwöre, ich sehe Gesichter darin, hörte Stimmen flüstern. Dann verschwindet alles, und nur ein Haufen Asche bleibt zurück, um den herum das Eis bereits wieder gefriert.
„Was zum Teufel war das?“, frage ich, meine Stimme kaum mehr als ein Krächzen.
Der Professor sitzt auf seinem Stuhl, das Gesicht in den Händen vergraben. „Ich befürchte… es könnte das sein, wovor wir immer Angst hatten.“
„Die Veränderung“, flüstert Lin, ihre Augen fixiert auf die schwarzen Flecken am Boden. „Das Öl… es verändert sich.“
Ich verstehe nicht, aber bevor ich fragen kann, ertönt ein dumpfes Klopfen über uns. Die Orcas sind zurück, rammen wieder gegen das Eis. Dieses Mal klingt es nicht verzweifelt. Es klingt wütend. Zielgerichtet.
„Wir müssen hier raus“, sage ich plötzlich. Die Gewissheit trifft mich wie ein Schlag – wir können nicht bleiben. Die antarktische Zuflucht ist keine Zuflucht mehr. Sie ist ein Gefängnis, und die Wände schließen sich.
Der Professor nickt langsam. „Die Rettungskapseln in Sektor B könnten noch funktionieren. Sie wurden für den Notfall konstruiert, um zur Oberfläche zu gelangen.“
„Und was ist dort oben?“, fragt Lin bitter. „Der endlose Winter? Die Strahlung? Die anderen Stationen, die bereits gefallen sind?“
Ein weiterer Schlag erschüttert die Kuppel, stärker diesmal. Ein feines Netz aus Rissen breitet sich über eine Stelle im Eis aus, wie ein bösartiger Stern, dessen Arme sich ausstrecken.
„Wir haben keine Wahl“, sagt der Professor und steht auf. „Packt alles, was ihr tragen könnt. Nahrung, Medikamente, Waffen.“
Ich nicke und eile zu meinem spärlichen Quartier – nicht mehr als eine Nische in der Wand, mit einer dünnen Matratze und einem Regal, auf dem ein Buch liegt: „Die letzten Tage von Miami“, ein Bericht über den Untergang der Stadt, bevor sie zum Plastikmeer wurde. Daneben mein Tagebuch, in das ich seit Monaten nichts mehr geschrieben habe. Was gibt es schon zu berichten, wenn jeder Tag dem vorherigen gleicht?
Ich greife nach beidem, stopfe sie in meinen Rucksack, füge eine Handvoll Nahrungsriegel hinzu, eine Flasche destilliertes Wasser, ein Messer. Als ich zum Hauptraum zurückkehre, sind Lin und der Professor bereits fertig, beladen mit Ausrüstung und dem Gesichtsausdruck von Menschen, die wissen, dass sie in den Tod gehen könnten.
„Sektor B liegt auf der anderen Seite“, sagt der Professor und deutet auf den nördlichen Tunnel. „Wir müssen durch die Hydroponik-Gärten. Sollten sie überflutet sein…“ Er lässt den Satz unvollendet.
Lin zieht ihre Handschuhe fester. „Dann schwimmen wir.“
Wir treten in den Tunnel, der schwach beleuchtet ist von biolumineszenten Algen, die an den Wänden wachsen – eine Erfindung Lins, um Strom zu sparen. Ihr bläuliches Licht verleiht allem eine gespenstische, unterwasserartige Qualität. Der Tunnel neigt sich leicht nach unten, und unsere Schritte hallen von den Metallwänden wider wie Hammerschläge.
Die Hydroponik-Gärten sind ein Wunderwerk aus Glas und Stahl, ein Gewächshaus unter dem Eis, in dem Pflanzen in Nährlösungen gedeihen, die künstliche Sonne eine Lampe, die sich im Rhythmus des vergessenen Tageslichts ein- und ausschaltet. Aber als wir die Tür öffnen, stockt mir der Atem.
Das Glas ist gebrochen. Wasser sickert herein, gefriert an den Rändern zu fantastischen Formationen, wie Kristallbäume, die aus dem Boden sprießen. Die Pflanzen sind tot, schwarz und verdorrt, als hätte etwas ihr Leben ausgesaugt. Und mittendrin – eine Gestalt, halb vergraben unter einem umgestürzten Regal.
„Oh Gott“, flüstert Lin. „Das ist Nikolai.“
Der Professor kniet neben dem Körper, dreht ihn vorsichtig um. Nikolai war der Botaniker der Station, ein freundlicher Mann mit einem buschigen Bart, der von nichts anderem als der perfekten Tomate träumte. Jetzt ist sein Gesicht eine Maske aus Schrecken, sein Mund zu einem stummen Schrei geöffnet. Und auf seiner Stirn – ein schwarzer Handabdruck, von dem sich die gleichen pulsierenden Linien ausbreiten wie bei Marina.
„Es hat ihn gefunden“, murmelt der Professor. „Es findet uns alle.“
„Was findet uns?“, frage ich, meine Stimme höher als beabsichtigt. „Was ist das?“
Lin und der Professor tauschen einen Blick, den ich nicht deuten kann – Furcht, Resignation, Schuld?
„Der Grund, warum wir hier sind“, sagt Lin schließlich. „Der Grund, warum die Antarktis ausgewählt wurde. Nicht nur wegen des Eises.“
„Das Öl“, ergänzt der Professor, seine Stimme kaum hörbar. „Wir dachten, es wäre nur eine neue Form von Brennstoff. Etwas, das in den tiefsten Schichten der Antarktis schlummert, unter dem Druck von Jahrmillionen geformt. Ein Ersatz für alles, was wir verbraucht haben.“ Er lacht bitter. „Wir haben gebohrt. Tiefer als je zuvor. Und wir haben etwas gefunden.“
„Aber es war kein Öl“, wispert Lin, ihre Augen fixiert auf den schwarzen Handabdruck. „Es war… lebendig.“
Ein Krachen über uns, so laut, dass die Wände vibrieren. Dann ein Geräusch wie fließendes Wasser, nur viel zu laut, viel zu nah.
„Das Eis bricht“, sagt der Professor, plötzlich in Bewegung. „Wir müssen weiter. Jetzt.“
Wir rennen durch den Garten, versuchen, den wachsenden Pfützen auszuweichen, die sich auf dem Boden bilden. Das Wasser ist schwarz, ölig, bewegt sich gegen die Schwerkraft, kriecht die Wände hinauf wie hungrige Finger.
Die Tür am anderen Ende klemmt. Der Professor wirft sich dagegen, einmal, zweimal. Beim dritten Mal gibt sie nach, und wir stolpern in einen weiteren Tunnel, diesen mit roten Notlichtern.
„Sektor B“, keucht der Professor. „Noch zweihundert Meter.“
Wir rennen, gefolgt vom Geräusch brechenden Eises und fließenden Wassers. Die Luft wird kälter, schneidender, als fiele die Temperatur mit jedem Schritt um ein Grad. Mein Atem gefriert vor meinem Gesicht, bildet eine Maske aus Eiskristallen.
Dann sind wir da – ein runder Raum mit drei eiförmigen Kapseln, die in die Wand eingelassen sind. Sie sehen aus wie Särge aus gebürstetem Stahl, jede mit einem kleinen Fenster aus dickem Glas.
„Schnell“, befiehlt der Professor und beginnt an den Kontrollen zu hantieren. „Sie sind noch funktionsfähig. Der Antrieb sollte uns durch das Eis zur Oberfläche bringen.“
Lin öffnet eine der Kapseln, wirft ihre Ausrüstung hinein. „Und dann?“
Der Professor zögert, seine Hände über den Schaltern. „Dann… improvisieren wir.“
Ein gewaltiges Krachen erschüttert die Station, wirft uns zu Boden. Über uns bricht das Eis, und Wasser strömt herein – schwarzes, öliges Wasser, das in der Luft zu tanzen scheint, bevor es herabstürzt.
„Jetzt!“, schreit der Professor. „In die Kapseln!“
Lin springt in die erste, zieht die Luke zu. Der Professor wankt zur zweiten.
Ich stehe da, wie festgefroren, und starre auf das schwarze Wasser, das den Raum flutet. In seinem Spiegelbild sehe ich Gesichter – hunderte, tausende, verzerrt vor Schmerz oder Ekstase, ich kann es nicht sagen. Und ich höre Stimmen, ein Flüstern, das lauter wird, bis es in meinem Kopf dröhnt wie Sirenen.
„Komm!“, brüllt der Professor und streckt die Hand nach mir aus.
Ich will mich bewegen, aber meine Beine gehorchen nicht. Das schwarze Wasser erreicht meine Füße, umspielt meine Stiefel, steigt höher.
Es ist warm. Warm in dieser Welt aus Eis und Tod.
Mit einem Ruck reiße ich mich los, springe zur letzten Kapsel, werfe mich hinein. Der Professor drückt einen Knopf, und meine Luke schließt sich mit einem pneumatischen Zischen. Durch das kleine Fenster sehe ich, wie er zu seiner eigenen Kapsel rennt, aber das Wasser ist schneller. Es umhüllt ihn wie ein lebendiger Kokon, zieht ihn zu Boden.
Ich hämmere gegen das Glas, schreie, aber kein Laut dringt durch die Hülle. Der Professor blickt zu mir auf, seine Augen weit und seltsam ruhig. Seine Lippen formen ein Wort: „Lebe.“
Dann drückt er einen letzten Knopf, und meine Kapsel wird nach oben katapultiert, durchbricht die Decke, das Eis, die Welt, die ich kannte.
Die Reise durch das Eis ist ein Albtraum aus Hitze und Kälte, Beschleunigung und plötzlichem Halt. Ich werde gegen die Wände der Kapsel geschleudert, spüre, wie das Metall unter dem Druck ächzt und sich verbiegt. Das kleine Fenster beschlägt, zeigt mir nichts als mein eigenes verzerrtes Spiegelbild – ein Gesicht, das ich kaum wiedererkenne, hohl, mit Augen wie Brunnen ohne Boden.
Dann ein letzter, gewaltiger Stoß, und die Kapsel durchbricht die Oberfläche, schießt in die Luft wie ein Korken aus einer Flasche. Für einen Moment schwebe ich, schwerelos, kann durch das Fenster den Himmel sehen – nicht blau, nicht grau, sondern purpurrot, als stünde die Welt in Flammen.
Die Kapsel fällt zurück, landet hart auf einer Eisscholle. Das Metall stöhnt, aber hält. Die Luke öffnet sich mit einem Zischen, und zum ersten Mal seit Monaten atme ich unfiltrierte Luft.
Sie schmeckt nach Asche und Ozon, nach dem Ende der Welt.
Ich klettere aus der Kapsel, meine Glieder steif von der Kälte und der harten Landung. Die Landschaft um mich herum ist ein Albtraum aus Kontrasten – zerrissene Eisfelder, durchbrochen von schwarzen Wasserlöchern, über allem der blutrote Himmel, in dem keine Sonne zu sehen ist, nur ein diffuses Glühen, als würde das Firmament selbst brennen.
In der Ferne sehe ich eine weitere Kapsel, auf dem Eis liegend wie ein gestrandeter Wal. Lin? Ich setze mich in Bewegung, rutsche über das glatte Eis, meine Stiefel finden kaum Halt. Der Wind peitscht mir ins Gesicht, trägt Eiskristalle mit sich, die wie winzige Messer in meine Haut schneiden.
Als ich die Kapsel erreiche, ist sie leer. Die Luke steht offen, aber von Lin fehlt jede Spur. Nur ein schwarzer Handabdruck auf dem Metall zeugt davon, dass jemand hier war.
„Lin!“, rufe ich, aber meine Stimme wird vom Wind verschluckt. „LIN!“
Keine Antwort. Nur das Heulen des Sturms, der stärker wird, die Eisschollen zum Tanzen bringt.
Ich drehe mich im Kreis, suche nach einem Zeichen, einer Richtung, irgendetwas. In der Ferne sehe ich einen dunklen Fleck am Horizont – zu groß für eine Person, zu regelmäßig für eine natürliche Formation.
Ein Gebäude? Eine Station?
Ich setze mich in Bewegung, jeden Schritt ein Kampf gegen den Wind und das nachgebende Eis. Mein Atem gefriert vor meinem Gesicht, bildet eine Maske aus Kristallen. Die Kälte kriecht durch meine Kleidung, beißt in meine Haut wie tausend Nadelstiche.
Der dunkle Fleck wird größer, nimmt Form an – ein Turm aus Metall und Glas, der aus dem Eis ragt wie ein Finger, der anklagend zum brennenden Himmel zeigt. Um ihn herum liegen Trümmer, als wäre ein größeres Gebäude eingestürzt oder explodiert.
Station Eins. Die Kommandozentrale der antarktischen Zuflucht. Oder was davon übrig ist.
Als ich näher komme, sehe ich die Zerstörung im Detail – Stahlträger, verbogen wie Strohhalme, Glasscherben, die im roten Licht glitzern wie Blut. Die Tür des Turms hängt schief in den Angeln, als hätte etwas von innen versucht, auszubrechen.
„Hallo?“, rufe ich, meine Stimme dünn und zittrig. „Ist jemand hier?“
Stille. Nur das knackende Geräusch des Eises unter meinen Füßen.
Ich trete in den Turm, blinzele in das Halbdunkel. Der Raum ist ein Chaos aus umgestürzten Möbeln und zerrissenen Papieren. An der Wand hängt eine Karte der Antarktis, zerfetzt, aber noch lesbar. Rote Punkte markieren die Stationen – zwölf insgesamt, verbunden durch gestrichelte Linien, die die Tunnel darstellen.
Alle Punkte sind durchgestrichen. Alle außer einem – Station Acht, am Rand des Kontinents, fast im Meer.
Ich trete näher, studiere die Karte. Station Acht war ein Hafen, erinnere ich mich, mit Booten und Schiffen für den Notfall. Wenn jemand überlebt hat, wenn es einen Weg von diesem verfluchten Kontinent gibt, dann dort.
Ein Knacken hinter mir lässt mich herumfahren. Im Türrahmen steht eine Gestalt, eingehüllt in einen zerlumpten Parka, das Gesicht verborgen unter einer Kapuze und einer Schutzbrille.
„Lin?“, frage ich hoffnungsvoll.
Die Gestalt hebt eine Hand – schwarz, als wäre sie in Öl getaucht.
„Die Orcas“, sagt eine Stimme, die nicht Lins ist, nicht menschlich, sondern ein Chor aus hundert gebrochenen Kehlen. „Sie wussten es. Sie haben versucht, uns zu warnen.“
Die Gestalt tritt näher, und ich weiche zurück, bis ich die Wand im Rücken spüre. Die Kapuze fällt zurück, enthüllt ein Gesicht, das einmal menschlich gewesen sein muss – jetzt ist es eine Maske aus schwarzen Adern, die unter der Haut pulsieren wie ein perverses Netzwerk aus lebenden Kabeln.
„Was hat das Eis zu dir gesagt?“, fragt die Gestalt, neigt den Kopf wie ein neugieriger Vogel. „Hat es dir auch von der Wärme erzählt? Von der Zeit davor?“
Ich schüttele den Kopf, unfähig zu sprechen, zu fliehen.
Die Gestalt seufzt, ein Geräusch wie Wind durch eine zerbrochene Flöte. „Es spricht nicht zu allen. Nicht alle hören zu.“ Sie streckt die Hand aus, die schwarzen Finger nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. „Aber du wirst zuhören. Du wirst Teil des Netzes sein.“
Endlich findet mein Körper die Kraft zu reagieren. Ich ducke mich unter dem ausgestreckten Arm hindurch, stoße die Gestalt beiseite und renne zur Tür. Draußen empfängt mich der beißende Wind, aber ich laufe weiter, stolpere über das Eis, falle, stehe wieder auf, renne.
Hinter mir höre ich keinen Verfolger, aber als ich über die Schulter blicke, sehe ich die Gestalt auf dem Turm stehen, ein Silhouette gegen den brennenden Himmel. Sie hebt beide Arme, als würde sie einen Segen erteilen oder einen Fluch aussprechen.
Das Eis unter meinen Füßen bebt, und ein Riss bildet sich, zieht sich wie ein schwarzer Blitz über die weiße Fläche. Ich springe zur Seite, aber der Riss folgt mir, als hätte er einen Willen, als wäre er lebendig.
Dann bricht das Eis, und ich falle, falle in die schwarze, ölige Tiefe.
Das Wasser umschließt mich wie eine lebendige Haut, warm und pulsierend. Ich strample, versuche an die Oberfläche zu kommen, aber etwas zieht mich hinab, tiefer in die Schwärze. Das Brennen in meiner Lunge wird unerträglich, mein Körper schreit nach Luft.
Und dann höre ich es – das Flüstern. Nicht ein einzelnes, sondern hunderte, tausende Stimmen, die übereinander legen, sich vermischen zu einer bizarren Symphonie aus Worten und Geräuschen.
Sie erzählen von der Zeit davor. Von der Wärme. Von den Anfängen.
Und ich verstehe plötzlich, mit einer Klarheit, die erschreckend ist – das Öl ist älter als wir. Älter als alles, was wir kennen. Es schlief unter dem Eis, träumte Jahrmillionen lang, bis wir kamen mit unseren Bohrern und Maschinen, unserer verzweifelten Suche nach Energie, nach Rettung.
Wir haben es geweckt. Und es erinnert sich an eine Welt vor uns, eine Welt ohne Eis, ohne Kälte. Eine Welt, die es wiederhaben will.
Meine Lunge gibt nach, und Wasser strömt hinein. Aber es schmerzt nicht. Es fühlt sich an wie… nach Hause kommen.
Das letzte, was ich sehe, bevor die Dunkelheit mich umfängt, ist ein Schwarm Orcas, die durch das schwarze Wasser gleiten, ihre Haut mit den gleichen pulsierenden Adern überzogen wie die Gestalt im Turm. Ihre Augen, einst weiß, jetzt schwarz wie Kohle, blicken mich an ohne Hass, ohne Furcht – mit etwas, das fast wie Mitgefühl wirkt.
Dann nichts mehr.









