
Die Morgensonne kroch über die Klippen, streifte die Dächer der Fischerhäuser und ließ die nassen Pflastersteine glänzen, als hätte jemand sie frisch lackiert. Ich hatte kaum geschlafen. Marie war zurück. Seit zwei Tagen. Und Claire… Claire war Thema. Nicht direkt, versteht sich. Wir sprachen nicht über sie. Aber sie war da. In jedem Blick, den Marie mir zuwarf. In der Art, wie sie ihre Sätze enden ließ, als hätte sie keine Lust, den Rest auszusprechen.
„Hast du den Wein geöffnet?“ fragte sie aus der Küche. Ihre Stimme klang beiläufig, aber ich wusste, dass sie es nicht war. Nichts war beiläufig, seit sie zurück war.
Ich stand am Fenster und schaute hinaus, den Korkenzieher in der einen Hand, die Flasche in der anderen. „Noch nicht. Welchen wolltest du nochmal? Den Roten?“
„Den, den wir damals gekauft haben. In Quimper.“ Ihre Worte kamen mit einer kleinen Pause, gerade lang genug, dass ich mich fragte, ob sie wirklich „damals“ gesagt hatte oder ob ich es mir eingebildet hatte. Damals. Das war der Sommer, bevor sie nach Paris ging. Bevor alles… kompliziert wurde.
Ich zog den Korken aus der Flasche, ein dumpfes Ploppen, das die Stille durchschnitt. Marie erschien in der Tür, die Haare hochgesteckt, barfuß auf den kühlen Fliesen. Sie trug das alte graue T-Shirt, das ich immer mochte, weil es an den Schultern ein wenig zu weit war. Sie sah mich an, und ich fühlte mich ertappt, obwohl ich nichts getan hatte. Noch nicht, zumindest.
„Alles gut?“ fragte sie.
„Klar“, antwortete ich. Ein Reflex. Viel zu schnell, um glaubhaft zu sein. Sie legte den Kopf schief, ein kleines Lächeln auf den Lippen, das mich nicht täuschen konnte. Es war eines dieser Lächeln, die fragten, ohne zu fragen.
„Claire war hier, oder?“ Sie griff nach einem Glas und stellte es neben die Flasche. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast mechanisch.
„Ja“, sagte ich schließlich. Es war nicht der Moment, zu lügen. „Sie hat mit dem Hund gespielt.“
„Mit dem Hund“, wiederholte sie. Keine Frage, nur eine Feststellung. Sie schenkte sich ein Glas ein, trank einen Schluck und ließ den Blick über das Zimmer gleiten, als suchte sie nach etwas, das sie festhalten konnte.
Ich lehnte mich gegen die Spüle und beobachtete sie. Marie war immer gut darin gewesen, still zu bleiben. Diese Art von Stille, die einen zwingen konnte, Dinge zu sagen, die man nicht sagen wollte.
„Es ist nichts passiert“, sagte ich, und ich wusste, wie billig das klang. Nichts passiert. Was heißt das schon? Dass ich es nicht wollte? Dass ich nicht darüber nachgedacht hatte? Dass es nur ein Moment war, der hätte passieren können, aber nicht passiert ist? Oder, dass ich log?
Sie sah mich an, und ich wusste, dass sie genau das dachte, was ich gerade nicht sagen wollte. „Okay“, sagte sie schließlich, und das Wort traf mich härter, als ich es erwartet hatte.
Später, als wir am Tisch saßen, der Wein fast leer, war es wieder da, dieses Schweigen. Nur diesmal war es anders. Schwerer. Claire schlich sich in jede Ecke dieses Hauses, ob wir sie wollten oder nicht. Ich hasste es. Nicht sie, aber das, was sie aus uns machte. Marie und mich.
„Ich hätte nicht zurückkommen sollen“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war leise, fast ein Flüstern, aber es reichte, um mich zusammenzucken zu lassen.
„Das ist nicht fair“, sagte ich. „Du hast gesagt, du wolltest es versuchen.“
„Ja“, sagte sie. Sie drehte das Glas in ihren Händen, beobachtete, wie der letzte Tropfen Rotwein am Rand entlanglief. „Aber ich wusste nicht, dass es so wird.“
„So?“ Ich versuchte, meinen Ton neutral zu halten, aber das gelang mir nicht. Es klang schärfer, als ich wollte.
„So“, wiederholte sie und hob den Blick. „Du bist nicht mehr derselbe, weißt du?“
„Das ist Blödsinn.“ Ich stand auf, schob den Stuhl zurück, der über die Dielen kratzte. „Ich bin genau derselbe.“
„Nein, bist du nicht.“ Sie legte das Glas ab und stand auf. „Und das ist okay. Aber ich weiß nicht, ob ich… ob ich hier noch einen Platz habe.“
„Natürlich hast du das.“ Ich drehte mich zu ihr um, aber sie hatte sich bereits abgewandt, ihre Hände auf die Stuhllehne gestützt, den Kopf gesenkt.
„Weißt du, was das Schlimmste ist?“ sagte sie. „Ich wünschte, ich könnte Claire die Schuld geben. Aber das kann ich nicht. Sie war nur da. Der Rest… das bist du.“
„Marie, ich–“
„Lass es“, unterbrach sie mich. Sie sah mich wieder an, und diesmal waren ihre Augen leer. Kein Vorwurf, keine Wut. Nur eine Resignation, die sich schwerer anfühlte als alles andere.
Als sie später ging, ließ sie ihren Schlüssel auf dem Tisch liegen. Keine Worte, kein Abschied. Nur die Schritte, die leiser wurden, bis ich nichts mehr hörte. Draußen bellte der Hund, und ich blieb stehen, die Hände in den Taschen, unfähig, etwas zu tun. Etwas zu sagen.
Die Nacht zog sich hin. Ich saß auf dem Sofa, das Glas Wein in der Hand, und wartete darauf, dass irgendetwas passierte. Dass sie zurückkam. Dass Claire anrief. Dass ich aufwachte und feststellte, dass alles nur ein schlechter Traum war.
Aber nichts passierte. Nur die Stille. Und der Geruch von Lavendel, der in der Luft hing, lange nachdem sie gegangen war.










