
Die Bretagne hatte eine Art, dich zu beobachten. Nicht direkt, nicht frontal – mehr so, als wäre sie ein stiller Dritter, der sich in die Gespräche deiner Gedanken einmischt. Hier in Moguéran, in diesem winzigen Kaff am Ende von allem, war es noch extremer. Das Meer schnitt den Horizont scharf ab, als hätte jemand eine Rasierklinge benutzt. Die Steine am Strand hatten diese Art von Glätte, die du nur kriegst, wenn du jahrzehntelang geschliffen wirst, und die Luft war so salzig, dass sie auf der Zunge klebte.
Claire kam kurz nach Mittag. Sie klopfte nicht. Claire war nie der Typ fürs Klopfen. Stattdessen hörte ich das Quietschen der alten Tür, dann ihre Stimme, leicht schnippisch: „Die Tür steht schon wieder offen. Willst du, dass ich dir einen neuen Hund mitbringe, oder reicht dir der, den du schon hast?“
„Hier verirrt sich keiner zufällig“, sagte ich, ohne den Kopf zu drehen.
„Ich ja auch nicht“, sagte sie und schob die Tür ganz auf.
Claire lebte seit fünf Jahren in Moguéran. Sie kannte jeden Stein, jedes Fenster, jeden mürrischen Ladenbesitzer. Eigentlich hatte sie nur einen Spaziergang machen wollen, aber als Marie ihr sagte, dass sie ein paar Tage weg sei, erklärte Claire, sie würde „nach dem Rechten sehen“. Dabei ging es nicht um den Hund oder das Haus. Es ging um mich.
„Wie lange sitzt du schon so da?“ fragte sie, mit einem Blick aufs Fenster.
„Lang genug.“
„Das seh ich. Du siehst beschissen aus.“
„Danke.“
„Bitte.“
Sie zog sich einen Stuhl ran, setzte sich mir gegenüber und legte die Füße auf den niedrigen Tisch, den Marie und ich vor Monaten aus einer Laune heraus mitgenommen hatten. Flohmarkt. Zehn Euro. Jetzt war er voller Ringe von Teetassen, die ich nie wegräumte.
„Warum bist du hier?“ fragte ich schließlich.
„Marie hat gesagt, ich soll dich im Auge behalten. Sie meint, du denkst zu viel.“
„Und das reicht dir als Grund?“
„Dir doch auch.“
Ich schnaubte. Sie hatte recht, natürlich, aber das machte es nicht besser. Claire war immer die, die kam, wenn keiner sie rief, und blieb, bis du vergessen hattest, warum du allein sein wolltest.
„Willst du Tee?“ fragte ich.
„Hast du Kaffee?“
„Vielleicht.“
Ich stand auf, fühlte das Knirschen in den Knochen, das von zu viel Sitzen kam, und ging in die kleine Küche. Claire folgte mir, lehnte sich an den Türrahmen, während ich nach der Kaffeekanne suchte. Sie redete die ganze Zeit. Über die Nachbarn, über den Metzger, der angeblich schon wieder die Preise erhöht hatte, über irgendwas, das ihr Vater gesagt hatte. Ich hörte nur halb hin. Das Summen der Kaffeemaschine füllte den Raum, und für einen Moment war ich dankbar für die Lautstärke.
„Und du?“ fragte sie plötzlich, ihre Stimme lauter als die Maschine.
„Was ist mit mir?“
„Was machst du hier, so allein?“
„Das weißt du doch.“
„Ich weiß, dass Marie weg ist. Aber das ist nicht das Gleiche.“
Ich zuckte mit den Schultern, goss den Kaffee ein, gab ihr die Tasse und nahm mir selbst eine. Der erste Schluck war zu heiß, verbrannte mir die Zunge, aber ich sagte nichts. Sie sah mich an, die Augen schmal, das Lächeln halb da, halb weg.
„Du redest nie wirklich“, sagte sie.
„Vielleicht rede ich genug.“
„Nein, tust du nicht.“
Wir gingen zurück ins Wohnzimmer. Der Hund – unser Hund, Maries und meiner – lag immer noch auf seinem Platz und schnarchte leise. Claire sah ihn an, dann mich, dann wieder den Hund.
„Er vermisst sie“, sagte sie.
„Vielleicht.“
„Und du?“
Ich antwortete nicht. Stattdessen trank ich noch einen Schluck Kaffee, ließ die Stille die Frage ersticken. Claire schien damit zufrieden. Sie zog ihr Handy aus der Tasche, scrollte durch ein paar Nachrichten, legte es dann weg.
„Ich bleib ein paar Stunden“, sagte sie schließlich.
„Musst du nicht.“
„Doch, muss ich.“
Am Abend saßen wir draußen auf der kleinen Veranda, obwohl es kühl war und der Wind an unseren Haaren zog. Sie rauchte eine Zigarette, ich hielt die leere Kaffeetasse in den Händen, weil die Wärme noch nicht ganz verschwunden war.
„Marie hat gesagt, ich soll dir Gesellschaft leisten“, sagte sie schließlich, mit einem schiefen Lächeln.
„Das ist typisch für sie.“
„Findest du das schlimm?“
„Nein. Ich bin froh, dass du hier bist.“
Sie lachte, kurz und rau, und schnippte die Zigarette in den Garten. „Na, endlich sagst du mal was Vernünftiges.“
Wir blieben dort, bis die Nacht ganz hereingebrochen war, und der Himmel sich in ein Schwarz verwandelte, das tiefer war als alles, was ich je in der Stadt gesehen hatte. Claire sprach nicht mehr, und ich auch nicht. Manchmal war das die beste Art, miteinander zu reden.










