Marie ist wieder da

Der Stein ist kalt. Das ist das Erste, was ich denke, als ich meine Hand auf den Rand des Brunnens lege. Die Feuchtigkeit kriecht sofort in die Fingerspitzen, eine ehrliche, raue Kälte, die nichts beschönigt. Ich stehe hier, mitten auf diesem Kopfsteinpflaster, das noch nass ist vom letzten Regen, und es ist still. Diese Stille ist fast unheimlich, wie ein Atemzug, den die ganze Welt anhält.
Der Himmel über mir ist ein schweres, graublaues Tuch, kurz vor dem Einbruch der Dämmerung. Das Licht ist müde, aber es schafft es noch, die Konturen der alten Häuser zu zeichnen. Die Fensterläden drüben, dieses helle, fast unverschämte Blau, stechen heraus. Sie wirken wie Augen, die mich beobachten, aber ohne Urteil. Ich mag das. Ich mag es, wenn die Dinge einfach da sind und nichts von mir wollen.
Sie steht vor mir, ihre Schultern sind angespannt unter dem roten Mantel. Ein Fleck Farbe in diesem Meer aus Stein und Schiefer. Ich sehe nur ihren Rücken, die dunklen Haare, die über den Kragen fallen. Sie lehnt leicht an den Brunnen, so wie ich jetzt. Wir sind zwei Anker in einer leeren Bucht.
Ich rieche das Salz. Es ist nicht der stechende Geruch des direkten Meeres, sondern eine subtile, feuchte Ahnung, die in den Mauern und im Stein wohnt. Dazu kommt der Geruch von altem Holz und ein Hauch von Ruß, der aus einem der Schornsteine zieht. Ein Geruch, der nach Zuhause riecht, aber nicht nach meinem.
Ich höre nichts außer dem leisen Tropfen von irgendwoher, vielleicht von einem Dachvorsprung. Und mein eigener Atem, der in dieser Stille viel zu laut ist. Ich bin oft allein unterwegs, das ist mein Ding. Die Straßen, die Plätze, die Häfen – sie sind meine einzigen konstanten Begleiter. Aber heute bin ich es nicht. Heute ist sie da.
Ich weiß nicht, wer sie ist. Ich frage nicht. Es ist besser so. Wir teilen diesen Moment, diese fast schon kitschige Szenerie, und das reicht. Sie schaut in die Ferne, dorthin, wo die Gassen enger werden und die Welt aufhört. Ich schaue auf den Brunnen, auf das leicht glänzende Wasser, das sich darin sammelt. Es ist ein Kreis, ein Abschluss.
Ich fühle diese vertraute, leichte Melancholie. Es ist keine Traurigkeit, eher eine Gewissheit. Die Gewissheit, dass dieser Moment vergeht, dass das Licht bald ganz verschwindet und sie vielleicht einfach um die Ecke geht. Aber jetzt, in dieser Sekunde, sind wir hier. Der rote Mantel, der kalte Stein, das graue Licht. Und ich. Ein kurzer, stiller Moment, den ich in meine Tasche stecke, wie einen glatten Kieselstein. Morgen bin ich wieder weg. Aber das hier, das bleibt.

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