Marie geht

Der Himmel ist ein einziger, schwerer, dunkelgrauer Mantel, der über diesem Hafen hängt. Er drückt die Luft zusammen, macht sie salzig und kalt. Ich stehe hier, an der Kante des Kais, und sehe zu, wie sie geht.

Jeder Schritt von ihr auf dem nassen, moosbewachsenen Kopfsteinpflaster hallt nicht in meinen Ohren, sondern in meiner Brust. Es ist ein dumpfes, unaufhaltsames Geräusch, das nur ich höre. Das Pflaster glänzt, ein Spiegel für das bisschen Licht, das die Wolken noch durchlassen. Es ist nicht Regen, es ist nur die Feuchtigkeit, die sich überall festsetzt, ein feiner, klammer Film auf meiner Haut, der nach Meer und altem Stein riecht.

Sie ist nur noch eine Silhouette, ein dunkler Fleck gegen das graue Wasser. Ihre Schritte sind zielstrebig, fast trotzig. Die Art, wie sie die Tasche hält, fest am Körper, verrät nichts als Entschlossenheit. Ich sehe ihre lockigen, dunklen Haare, die der Wind nicht einmal mehr zu stören wagt.

Draußen, auf dem Wasser, schaukeln die Segelboote. Weiße Rümpfe, die jetzt, unter diesem Licht, fast unheimlich leuchten. Sie liegen ruhig, vertäut, warten auf einen Sturm, der nicht kommt, oder auf eine Sonne, die sich heute nicht zeigen wird. Sie sind wie meine Gedanken: festgemacht, aber immer in Bewegung, immer bereit, loszusegeln.

Der Geruch. Er ist intensiv. Eine Mischung aus fauligem Seetang, frischer Gischt und dem fernen, metallischen Geruch von Diesel. Es ist der Geruch von Abschied und von Neuanfang, alles in einem Atemzug.

Rechts von mir steht die alte Laterne, schwarz und schmiedeeisern, noch nicht angezündet. Sie ist ein stummer Zeuge, ein Relikt aus einer anderen Zeit, das darauf wartet, dass die Dunkelheit vollständig wird, um ihren Zweck zu erfüllen. Ich bin auch so ein Zeuge. Ich stehe hier, unsichtbar, ein Beobachter, der die Welt in sich aufsaugt, ohne ein Teil von ihr zu sein.

Ich spüre die Kälte, die nicht nur von der Luft kommt, sondern auch von innen. Es ist die stille, melancholische Magie dieses Moments. Die Welt ist auf einmal so klar, so reduziert auf Grau, Schwarz und das tiefe, unruhige Blau des Wassers. Es ist ein perfekter, einsamer Augenblick. Und ich weiß, dass ich ihn festhalten muss, bevor sie um die Ecke biegt und die Szene wieder nur ein Hafen ist, und nicht mehr die Bühne für meinen stillen Schmerz. Ich atme tief ein, den salzigen, schweren Geruch, und lasse ihn in mir versinken. Das ist alles, was bleibt. Das Bild. Der Geruch. Und die Gewissheit, dass ich wieder allein bin, mit den Booten und dem schweren Himmel.

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