Das Schiff der Ertrunkenen

Ich spüre das schwankende Deck unter meinen nackigen Füßen, als ich die rostige Treppe zum Heck hinaufsteige. Das Salz liegt schwer in der Luft, vermischt mit dem süßlichen Geruch des Verfalls. Überall um mich herum stapeln sich die Hinterlassenschaften einer versunkenen Welt – verblichene Hochzeitsfotos, zerbrochene Porzellankinder, Computermonitore, deren Bildschirme blind in den bleigrauen Himmel starren.

Die Kleinen haben ihre eigenen Spielregeln entwickelt. Sie tauschen die nassen Schuhe der Toten wie begehrte Sammelkarten. „Der hier hat noch beide Schnürsenkel“, ruft Mira und hält triumphierend einen schlammverkrusteten Turnschuh hoch. Ihre Stimme klingt hell und unbeschwert, als würde sie Muscheln am Strand sammeln statt Erinnerungen an Ertrunkene.

Am Bug hat sich eine Gruppe Jugendlicher versammelt. Sie balancieren auf der Reling und deuten auf etwas im Wasser. Ich folge ihrem Blick und sehe es: Ein ganzes Haus treibt an uns vorbei, sein weißer Anstrich blättert ab wie alter Hautschuppen. In den Fenstern hängen noch Gardinen, ein verrosteter Kühlschrank klemmt in der Türöffnung.

„Da ist jemand drin“, murmelt Theo, mein jüngerer Bruder. Seine Hand krallt sich in meinen Ärmel. Ich will ihm sagen, dass er sich irrt, aber dann sehe ich es auch – ein Schatten hinter der Scheibe, der langsam den Kopf dreht und uns anstarrt.

Die Kinder lachen immer noch, während sie mit den ausgeblichenen Puppen der Toten spielen. Sie scheinen nicht zu verstehen, was wir gefunden haben. Vielleicht ist es besser so. Theos Hand zittert in meiner. Wir wissen beide, dass wir dieses Haus nicht einfach treiben lassen können.

Das Meer hat heute wieder Geschenke für uns, aber manche Geschenke sollten besser unberührt bleiben. Der Wind frischt auf und treibt das Haus näher an unser Schiff heran. Die Gardinen bewegen sich, obwohl kein Lüftchen geht. Dahinter wartet etwas darauf, dass wir es an Bord holen.

Ich höre das leise Knirschen von Schritten auf dem rostigen Deck. Die anderen haben es also auch bemerkt. Niemand sagt ein Wort, als wir uns langsam dem Bug nähern. Selbst die Kinder sind verstummt. Nur das Knarren des alten Frachters und das sanfte Plätschern der Wellen sind zu hören.

In diesem Moment wird mir klar, dass wir gar nicht die Jäger sind. Wir sind die Gejagten, treiben hilflos auf einem Ozean voller Erinnerungen, die lieber vergessen bleiben sollten. Das Haus stößt gegen unseren Rumpf, und ich spüre, wie etwas Kaltes, Nasses über die Reling kriecht.

Die Sonne sinkt tiefer, taucht alles in blutrotes Licht. Die Schatten in den Fenstern werden länger, verschmelzen miteinander. Aus dem Inneren des Hauses dringt ein leises, rhythmisches Klopfen. Es klingt wie Finger, die gegen Glas tippen.

Wir sollten weglaufen. Wir sollten schreien. Stattdessen stehen wir da wie festgefroren, unfähig, unseren Blick von dem Haus zu lösen. Etwas zieht uns an, etwas Unausweichliches. Vielleicht ist es Neugierde. Vielleicht ist es Wahnsinn.

Als die ersten Finger – bleich und aufgedunsen – über die Reling gleiten, begreife ich, dass wir die Toten nicht gefunden haben. Sie haben uns gefunden. Und sie wollen zurück an Bord.

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