
Ich saß in der Küche, wo die Fliesen unter meinen nackten Füßen kälter waren, als ich erwartet hatte, und die Luft nach altem Kaffee und dem faden Hauch von Aschenbecher roch. Das Fenster stand offen, gekippt nur, aber genug, dass der Lärm von draußen hereinsickerte. Ein Lieferwagen hupte, ein Fahrrad klingelte, und irgendwo schlug eine Tür zu. Das war der Morgen: ein dumpfes Echo von gestern, ein müdes Versprechen auf das, was gleichgültig als nächstes kommen würde.
Die Tasse in meiner Hand war halb voll, halb leer, je nachdem, wie man das sehen wollte. Ich war mehr für das Leere zu haben. Es war ehrlicher. Der Kaffee war kalt geworden, weil ich ihn hatte stehen lassen, während ich die Zeitung durchblätterte, oder besser gesagt: während ich tat, als würde ich sie lesen. Die Schlagzeilen waren belanglos, dieselbe Mischung aus Politik und Tragödie, die einen glauben machte, man hätte die Welt im Griff, solange man wusste, was darin schief lief. Ich wusste es nicht. Und ich wollte es auch nicht wissen.
„Stehst du heute irgendwann noch auf, oder bleibst du da kleben?“ Die Stimme kam aus dem Flur, rau von der ersten Zigarette des Tages, und so vertraut, dass sie fast Teil der Einrichtung war. Es war Lisa, natürlich. Wer sonst? Ihre Haare standen in alle Richtungen ab, und sie hatte das alte T-Shirt an, das sie immer trug, wenn sie zu Hause war. Ein Shirt von irgendeiner Band, die wir beide nie gehört hatten.
„Bin schon wach“, sagte ich, und das war keine Lüge, aber es fühlte sich trotzdem so an.
„Sieht nicht so aus.“ Sie öffnete den Kühlschrank, nahm eine Flasche Wasser heraus und trank direkt daraus. Ich mochte das an ihr, wie sie Regeln ignorierte, die andere Leute stillschweigend akzeptierten. Es war einer der Gründe, warum ich sie nicht hasste – nicht ganz jedenfalls.
„Was willst du machen heute?“ fragte sie, ohne mich anzusehen.
„Keine Ahnung. Vielleicht rausgehen.“ Das war gelogen. Ich hatte nicht vor, rauszugehen. Draußen war zu groß, zu laut. Es gab zu viele Menschen, und die hatten immer Erwartungen. Drinnen war besser. Drinnen gab es keine Überraschungen. Nur den gleichen Tisch, dieselbe Tasse, dieselben Gespräche.
Lisa zuckte mit den Schultern. „Du wirst fett, wenn du nur rumsitzt.“
„Ich bin nicht fett“, sagte ich.
„Noch nicht.“ Sie grinste, und ich musste lachen, obwohl ich es nicht wollte. Sie hatte diese Art, dich aus der Reserve zu locken, selbst wenn du dich in deinen eigenen Gedanken eingemauert hattest. Es war einer der Gründe, warum ich sie liebte – nicht ganz jedenfalls.
Später, viel später, gingen wir doch raus. Es war ihre Idee, natürlich. Sie sagte, wir bräuchten Luft, frische Luft, als wäre die Luft in der Wohnung irgendwie abgestanden. Ich protestierte halbherzig, aber sie ließ sich nicht beirren. Also standen wir schließlich auf der Straße, die Sonne zu grell, die Geräusche zu laut. Lisa zog mich in Richtung des Cafés an der Ecke, wo wir immer hingehen, wenn uns sonst nichts einfällt.
Drinnen war es voll, zu voll, aber Lisa bestand darauf, zu bleiben. Wir quetschten uns an einen winzigen Tisch am Fenster, wo der Stuhl wackelte, und bestellten Kaffee. Echten, frischen Kaffee, der besser war als das, was ich zu Hause trank, aber trotzdem irgendwie gleich schmeckte. Lisa redete viel, wie immer, und ich nickte an den richtigen Stellen, wie immer. Es ging um ihren Job, um ihren Chef, um irgendwas, was ich längst vergessen habe. Nicht, weil es unwichtig war, sondern weil es einfach zu viel war, um es zu behalten.
„Du hörst gar nicht zu, oder?“ sagte sie plötzlich, und ich blinzelte, erwischt.
„Doch“, log ich.
„Ach ja? Was hab ich gerade gesagt?“
Ich zog die Schultern hoch, so unbeteiligt wie möglich. „Irgendwas über deinen Chef?“
Sie rollte die Augen, aber sie war nicht wirklich sauer. Sie war nie wirklich sauer. Sie wusste, dass ich nicht zuhöre, und das war okay, solange ich da war. Solange ich blieb.
Draußen lief jemand vorbei, ein Typ in einem grauen Anzug, der so perfekt saß, dass er fast unecht wirkte. Er hatte diese Art von Gesicht, das du sofort wieder vergisst, aber ich schaute ihm trotzdem nach. Vielleicht, weil ich mich fragte, wie es wäre, er zu sein. Jemand mit einem Ziel, mit einem Leben, das einen Plan hatte. Mein Leben hatte keinen Plan. Es war mehr so ein … Treiben. Ein herumlaufen, herumsitzen, herumblicken. Nichts Greifbares, nichts Festes.
„Was denkst du gerade?“ fragte Lisa.
Ich schaute sie an, ihre Augen, die immer ein bisschen zu hell waren, als ob sie etwas suchten, was sie nie finden würden. „Nichts“, sagte ich.
Das war nicht ganz die Wahrheit. Aber es war nah genug.










