… wenn keiner etwas über dich weiß!

Ich sitze in der Küche, das Radio murmelt irgendwas von einer Hitzewelle, und vor mir steht die Kaffeetasse, aus der ich seit einer Stunde nicht mehr getrunken habe. Der Kaffee ist kalt, aber das macht nichts. Ich mag den bitteren Nachgeschmack, wie verbrannte Erde. Es passt irgendwie zu diesem Tag, der noch nicht mal richtig angefangen hat und sich schon anfühlt wie vertane Zeit.
Die Uhr an der Wand tickt. Ein rhythmisches Mahnmal, das mich daran erinnert, dass ich hier sitze, statt irgendetwas Sinnvolles zu tun. Nicht, dass ich wüsste, was sinnvoll wäre. Aber darum geht’s ja nicht. Die Frage ist doch: Warum überhaupt anfangen?
„Hast du die Fenster aufgemacht?“
Das ist Nina. Sie hat diese Stimme, die immer ein bisschen genervt klingt, selbst wenn sie nett sein will. Meistens will sie nicht. Ich drehe mich nicht mal um.
„Sind offen.“
„Kommt aber keine Luft rein.“
„Vielleicht, weil draußen keine ist?“
Ich höre, wie sie in den Raum kommt, ihre Schritte auf den Dielen. Sie bleibt direkt hinter mir stehen. Ich spüre ihren Blick im Nacken. Der Schweißfilm auf meiner Haut verstärkt das Gefühl, als würde sie mich durchbohren.
„Du könntest wenigstens den Ventilator anmachen.“
Ich zucke die Schultern.
Nina geht wieder, und das Klacken ihrer Absätze hallt nach. Ich starre auf die Kaffeetasse. Es gibt Tage, da frage ich mich, warum wir überhaupt zusammen sind. Nicht, dass ich eine Antwort darauf bräuchte. Manchmal ist es einfacher, keine zu haben.
Draußen vor dem Fenster spielt ein Kind mit einem grünen Ball. Immer wieder wirft es ihn gegen die Hauswand, und das Geräusch hallt durch die Straße. Plopp. Plopp. Plopp. Es hat was Beruhigendes, fast hypnotisch. Ich lehne mich ein Stück zurück, schließe die Augen.
Ich denke an letzte Woche. Nina und ich waren in diesem kleinen Restaurant in der Altstadt. Italienisch. Sie hat Carbonara bestellt, ich irgendwas mit viel Käse, der Fäden zog, wenn man die Gabel drehte. Sie hat geredet, und ich habe zugehört, aber mehr, weil ich wusste, dass sie es erwartet, nicht, weil ich irgendwas von dem wirklich mitbekommen hätte. Irgendwas über ihren Chef, glaube ich. Oder ihre Kollegin. Es spielt keine Rolle.
„Hörst du mir überhaupt zu?“ hatte sie gefragt.
Ich hatte genickt, gelächelt, und sie hatte die Augen verdreht. „Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt noch hier bist.“
Die Frage hängt seitdem in der Luft, wie ein unangenehmer Geruch, den man nicht loswird. Vielleicht hat sie recht. Vielleicht bin ich nicht mehr hier. Vielleicht war ich es nie.
Später am Abend koche ich Spaghetti. Nicht, weil ich Lust darauf habe, sondern weil das das Einzige ist, was wir noch dahaben. Die Hitze in der Küche ist unerträglich, und ich merke, wie mir der Schweiß die Schläfen runterläuft.
Nina sitzt auf dem Sofa, die Beine unter sich geschlagen, und scrollt auf ihrem Handy. „Wann ist das Essen fertig?“ fragt sie, ohne aufzusehen.
„Gleich.“
Das Wasser kocht über, und ich schimpfe leise vor mich hin, während ich die Flamme runterdrehe. Der Geruch von angebrannter Stärke liegt in der Luft.
„Du bist heute echt gesprächig,“ sagt Nina und lacht kurz. Es klingt nicht wirklich fröhlich.
„Was soll ich sagen?“ gebe ich zurück, während ich die Nudeln abgieße. „Die Hitze hat mir das Hirn frittiert.“
„Oder du hast einfach nichts zu sagen.“
Ich drehe mich um und sehe sie an. Einen Moment lang will ich etwas erwidern, etwas Scharfes, etwas, das sticht. Aber ich lasse es. Es gibt keinen Grund, das Feuer noch mehr anzuheizen.
Nach dem Essen sitzen wir nebeneinander auf dem Sofa. Sie schaut irgendeine Serie, die mich nicht interessiert, und ich starre auf mein Handy, scrolle durch Nachrichten, die ich nicht lese.
„Willst du morgen was unternehmen?“ fragt sie plötzlich.
„Wie meinst du?“
„Weiß nicht. Kino? Oder an den See?“
„Mal sehen.“
Sie seufzt. Es ist ein leises, resigniertes Geräusch, aber ich höre es trotzdem. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie es wäre, einfach aufzustehen und zu gehen. Ohne ein Wort. Nur die Tür hinter mir ins Schloss fallen lassen.
Aber ich tue es nicht.
In der Nacht liege ich wach. Neben mir atmet Nina gleichmäßig, tief. Die Hitze ist immer noch erdrückend, und der Ventilator steht unbenutzt in der Ecke. Ich starre an die Decke und höre die Geräusche der Stadt. Ein Auto, das vorbeifährt. Das Klirren einer Flasche, die irgendwo zerbricht.
Es gibt diesen Moment, kurz bevor man einschläft, in dem die Gedanken zu treiben beginnen. Alles wird weich, verschwommen, wie Nebel. In diesem Moment denke ich daran, wie ich Nina kennengelernt habe. Es war Winter, und sie hatte einen roten Schal getragen. Wir hatten uns in einer Bar getroffen, und ich hatte zu viel getrunken. Sie auch. Wir hatten gelacht, über Dinge, die ich nicht mehr erinnere.
Manchmal frage ich mich, ob sie sich auch fragt, warum wir das alles noch machen.
Aber ich frage sie nicht.









