Vertraute Straßen

Ich wache auf einer Bank auf. Eine dieser Parkbänke mit dem leicht gewölbten Holz, das sich in den Rücken drückt, aber irgendwie doch bequem ist. Seltsam. War ich eingeschlafen? Muss wohl. Die Straße vor mir kommt mir bekannt vor, aber ich kann sie nicht einordnen. Wie ein Déjà-vu, das sich einfach nicht greifen lässt.

Die Luft riecht nach gebratenem Fett und warmem Asphalt. Es ist einer dieser Sommertage, wo die Hitze zwischen den Häusern steht wie ein unsichtbares Wesen. Man kann sie nicht sehen, aber man spürt ihre Präsenz. Sie drückt auf die Haut, klebt an den Kleidern. Ich streiche mir über die Stirn. Feucht. Natürlich.

Ein Straßenmusiker sitzt schräg gegenüber. Seine Gitarre hat nur fünf Saiten, die sechste fehlt. Trotzdem klingt es irgendwie vollständig. Er spielt etwas, das ich kenne, aber nicht benennen kann. Wie die Straße selbst. Ein Lied, das aus einer verborgenen Erinnerung aufsteigt.

„Schön, dass du wieder bei uns bist“, sagt eine Frau neben mir. Sie ist jetzt plötzlich da, obwohl ich nicht bemerkt habe, wie sie sich gesetzt hat. Ihr graues Haar ist zu einem lockeren Zopf geflochten, der ihr über die Schulter fällt.

„Kenne ich Sie?“, frage ich und merke sofort, wie dumm das klingt.

Sie lacht. Es ist ein warmes Lachen, das Fältchen um ihre Augen zeichnet. „Natürlich kennst du mich. Nicht bewusst vielleicht, aber hier drinnen schon.“ Sie tippt sich an die Schläfe. Ihre Fingernägel sind kurz geschnitten und ohne Lack. Arbeitshände.

„Wo bin ich hier eigentlich?“

„In deinem Traum“, sagt sie einfach, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. „Wobei ‚dein‘ vielleicht nicht ganz stimmt. Es ist eher… ein geteilter Raum.“

Ich betrachte die Straße genauer. Die Fassaden der Häuser scheinen zu atmen, als würden sie sich unmerklich ausdehnen und wieder zusammenziehen. Ein Schriftzug über dem Café gegenüber verändert sich, während ich hinsehe. Erst steht da „Zum goldenen Löffel“, dann verschwimmen die Buchstaben und formen sich neu: „Café Traumzeit“.

„Komm“, sagt die grauhaarige Frau und steht auf. „Du wirst gebraucht.“

„Gebraucht? Von wem?“

„Von ihm.“ Sie deutet auf einen Mann, der am Ende der Straße steht. Er trägt einen langen Mantel, trotz der Hitze. Seine Haltung wirkt angespannt, wie ein Tier, das zum Sprung ansetzt, sich aber nicht traut.

„Wer ist das?“

„Jemand, der den Weg verloren hat. So wie du damals.“

„Welchen Weg? Wann damals?“ Ich spüre eine leichte Verärgerung. Diese kryptischen Andeutungen nerven mich.

Sie ignoriert meine Frage. „Er ist in einer Schleife gefangen. Immer dieselbe Straße, immer derselbe Fehler. Er braucht jemanden, der ihm zeigt, wie man aufwacht.“

„Und das soll ich sein? Ich weiß ja nicht mal, wo ich hier bin.“

Sie lächelt wieder, aber diesmal liegt etwas Trauriges darin. „Gerade deswegen. Du kennst beide Seiten.“

Ich stehe widerwillig auf. Meine Beine fühlen sich schwer an, als hätte ich tagelang geschlafen. Vielleicht habe ich das ja auch. Der Asphalt unter meinen Füßen gibt leicht nach, wie ein Teppich aus warmem Teer. Ich gehe trotzdem los, auf den Mann im Mantel zu.

Je näher ich komme, desto nervöser wirkt er. Er sieht immer wieder über seine Schulter, als würde er verfolgt. Seine Augen huschen hin und her, können nirgends Halt finden. Als ich nur noch wenige Meter entfernt bin, bemerkt er mich endlich.

„Sind Sie… sind Sie real?“, fragt er. Seine Stimme klingt rau, als hätte er lange nicht gesprochen.

Ich überlege kurz. „Kommt drauf an, was Sie unter real verstehen.“

Er lacht bitter. „Ich weiß selbst nicht mehr, was real ist. Diese Straße… ich komme nicht weg von ihr. Ich gehe und gehe, aber irgendwann stehe ich wieder am Anfang. Wie eine verdammte Endlosschleife.“

„Vielleicht müssen Sie nicht weggehen, sondern… aufwachen?“

„Aufwachen?“ Er schüttelt den Kopf. „Das hier ist kein Traum. Es ist zu real. Ich spüre den Wind, die Hitze.“ Er streckt die Hand aus, berührt meine Schulter. „Sehen Sie? Ich kann Sie anfassen. In Träumen geht das nicht.“

Ich muss schmunzeln. Ein typischer Anfängerfehler. „Natürlich geht das. In Träumen geht fast alles. Wenn Sie glauben, dass es echt ist, dann fühlt es sich echt an.“

Der Straßenmusiker hat aufgehört zu spielen. Die Stille, die plötzlich da ist, fühlt sich dick an, wie Honig.

„Wer sind Sie?“, fragt der Mann und mustert mich misstrauisch.

„Jemand, der schon oft hier war. Auf dieser Straße oder einer ähnlichen.“ Ich deute auf das Café. „Kommen Sie, ich lade Sie auf einen Kaffee ein.“

Er zögert, folgt mir dann aber. Die Tür zum Café schwingt auf, bevor ich sie berühre. Drinnen ist es kühler, ein wohltuender Kontrast zur brütenden Hitze draußen. Der Raum ist fast leer, nur an einem Tisch in der Ecke sitzt ein älterer Herr mit einer Zeitung. Die Überschriften verschwimmen, als ich versuche, sie zu lesen.

Wir setzen uns an einen Tisch am Fenster. Eine Bedienung kommt sofort zu uns, ohne dass wir sie rufen müssen. Ihre Gesichtszüge sind verschwommen, als wäre sie aus Nebel gemacht.

„Zwei Kaffee“, sage ich, obwohl sie nicht gefragt hat. Sie nickt und verschwindet wieder.

„Haben Sie das gesehen?“, flüstert der Mann aufgeregt. „Ihr Gesicht… es war nicht richtig da!“

„Das passiert oft in Träumen. Details, die unser Gehirn nicht für wichtig hält, werden einfach… weggelassen.“

„Aber wie kann das ein Traum sein? Es fühlt sich so verdammt real an.“

Die Kaffeetassen erscheinen vor uns auf dem Tisch, ohne dass ich die Bedienung zurückkommen gesehen hätte. Der Duft steigt mir in die Nase, intensiv und einladend. Ich nehme einen Schluck. Der Kaffee schmeckt perfekt, genau richtig temperiert, mit einer feinen Bitternote und einem Hauch von etwas, das ich nicht benennen kann. Traumkaffee eben.

„Sehen Sie den Mann dort drüben mit der Zeitung?“, frage ich und nicke in Richtung des älteren Herrn.

„Ja, was ist mit ihm?“

„Beobachten Sie ihn mal genauer.“

Der Mann im Mantel dreht sich um und starrt zu dem Zeitungsleser hinüber. Nach einigen Sekunden keucht er auf. „Er… er bewegt sich nicht. Nicht einmal ein Blinzeln.“

„Genau. Er ist eine Art Platzhalter. Ein Statist in Ihrem Traum. Ihr Gehirn hat ihn dort platziert, weil ein leeres Café unnatürlich wirken würde. Aber es verschwendet keine Energie darauf, ihn lebendig erscheinen zu lassen, solange Sie nicht direkt mit ihm interagieren.“

Der Mann im Mantel wird blass. Er greift nach seiner Kaffeetasse, aber seine Hand zittert so stark, dass er sie wieder abstellt, ohne getrunken zu haben.

„Das kann nicht sein“, murmelt er. „Das alles hier… es ist so deutlich. Ich erinnere mich, wie ich hierhergekommen bin. Ich bin die Bahnhofstraße entlanggegangen, dann rechts in die Lindenallee und dann…“

„Und was war davor?“, unterbreche ich ihn. „Wo waren Sie, bevor Sie auf dieser Straße waren?“

Er öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Sein Blick wird unsicher, tastend. „Ich… ich weiß es nicht. Da ist nichts.“

„Das ist typisch für Träume. Die Erinnerung beginnt mitten im Geschehen. Es gibt keine logische Vorgeschichte.“

Er schüttelt heftig den Kopf. „Nein, nein, das stimmt nicht. Ich bin kein… kein Traumcharakter. Ich existiere! Ich habe ein Leben!“

„Natürlich existieren Sie“, sage ich ruhig. „Nur nicht hier. Nicht in dieser Form. Sie träumen, und in Ihrem Wachzustand haben Sie ein ganz normales Leben. Aber hier sind Sie gefangen, weil Sie nicht erkennen, dass es ein Traum ist.“

Draußen vor dem Fenster beginnt es zu regnen. Dicke Tropfen klatschen gegen die Scheibe. Seltsam, vor einer Minute war noch strahlender Sonnenschein. Der Mann im Mantel bemerkt es auch.

„Das Wetter…“, stammelt er.

„Ändert sich nach Stimmung und Bedarf. Typisch für Träume.“

Er starrt in seinen Kaffee, als könnte er darin eine Antwort finden. „Wenn das wirklich ein Traum ist… wie wache ich auf?“

„Es gibt verschiedene Wege.“ Ich trinke meinen Kaffee aus. „Manchmal reicht schon die Erkenntnis, dass man träumt. Manchmal braucht es einen Schock oder einen bewussten Entschluss aufzuwachen.“

„Und was ist mit dieser… Schleife, in der ich stecke? Warum komme ich immer wieder zurück zu dieser Straße?“

Ich lehne mich zurück. Der Stuhl quietscht leise unter meinem Gewicht. „Träume haben ihre eigene Logik. Oft sind sie Verarbeitungsmechanismen. Wenn Sie immer wieder an denselben Ort zurückkehren, dann gibt es dort etwas, das Sie noch nicht verarbeitet haben. Etwas Unerledigtes.“

Seine Augen weiten sich plötzlich. Eine Erkenntnis dämmert in ihnen. „Die Buchhandlung“, flüstert er.

„Welche Buchhandlung?“

„Am Ende der Straße. Da wollte ich hin, als alles anfing. Ich sollte dort jemanden treffen, aber ich bin nie angekommen.“

Ich nicke langsam. „Dann sollten wir dorthin gehen.“

Wir verlassen das Café. Der Regen hat aufgehört, aber die Luft riecht noch frisch und feucht. Die Straße glänzt in der wieder erschienenen Sonne, als wäre sie mit flüssigem Glas überzogen. Wir gehen schweigend nebeneinander her. Ich spüre, wie die Anspannung des Mannes mit jedem Schritt wächst.

Die Buchhandlung taucht vor uns auf, ein schmales Gebäude mit einem altmodischen Schaufenster. „Schmidt & Söhne“ steht in verblassten Goldbuchstaben über dem Eingang. Der Mann im Mantel bleibt stehen. Seine Hände ballen sich zu Fäusten, entspannen sich wieder.

„Sie warten da drin auf mich“, sagt er leise.

„Wer?“

„Ich weiß es nicht mehr. Nur dass es wichtig ist.“

Ich lege ihm eine Hand auf die Schulter. „Dann gehen Sie hinein. Beenden Sie, was Sie begonnen haben.“

Er nickt, atmet tief durch. Die Türglocke klingelt hell, als er die Buchhandlung betritt. Ich folge ihm nicht. Das ist sein Traum, sein Weg. Ich bin nur der Wegweiser.

Während ich draußen warte, verändert sich die Straße unmerklich. Die Farben werden intensiver, die Konturen schärfer. Die Luft vibriert vor Spannung, als stünde ein Gewitter bevor. Aus der Buchhandlung dringt kein Laut.

Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnet sich die Tür wieder. Der Mann tritt heraus, aber er ist verändert. Sein Gang ist aufrechter, seine Augen klarer. Der Mantel, den er trägt, scheint weniger schwer zu sein.

„Und?“, frage ich, obwohl ich die Antwort schon in seinem Gesicht lesen kann.

„Sie war da“, sagt er einfach. „Meine Frau. Sie ist vor einem Jahr gestorben, und ich… ich konnte mich nicht verabschieden. Im Traum habe ich die Chance bekommen.“

Ich nicke. Klassisch. Unerledigte Geschäfte, offene emotionale Wunden – der Stoff, aus dem wiederkehrende Träume sind.

„Jetzt kann ich gehen“, sagt er und blickt den Himmel an, der sich langsam verfärbt, von Blau zu einem tiefen Violett.

„Sie meinen aufwachen“, korrigiere ich ihn.

Er lächelt. „Ja, aufwachen. Danke, dass Sie mir geholfen haben.“

„Gern geschehen. Das ist gewissermaßen mein Job hier.“

Er streckt mir die Hand entgegen, und ich ergreife sie. Sein Händedruck ist fest und warm.

„Werden Sie auch aufwachen?“, fragt er.

Ich zucke mit den Schultern. „Irgendwann. Aber zuerst muss ich noch ein paar Dinge erledigen.“

Er nickt, als würde er verstehen, obwohl er es wahrscheinlich nicht tut. Dann dreht er sich um und geht die Straße hinunter. Seine Gestalt wird durchscheinender mit jedem Schritt, bis er schließlich ganz verschwindet.

Die grauhaarige Frau taucht wieder neben mir auf. Sie hält zwei Eiswaffeln in der Hand und reicht mir eine davon. Erdbeereis. Meine Lieblingssorte, woher weiß sie das?

„Gut gemacht“, sagt sie und leckt an ihrem Eis. Es ist hellblau, vermutlich Heidelbeere oder Blaubeere.

„War das alles? Scheint ein einfacher Fall gewesen zu sein.“

Sie schüttelt den Kopf. „Der Nächste wird schwieriger sein. Sie stecken tiefer fest, haben komplexere Knoten zu lösen.“

„Sie meinen die da?“ Ich deute auf eine Gruppe von Menschen, die am anderen Ende der Straße aufgetaucht ist. Sie bewegen sich seltsam mechanisch, wie Marionetten mit zu straffen Fäden.

„Ja“, sagt sie ernst. „Sie sind seit Jahren gefangen. Manche wissen nicht einmal mehr, dass sie träumen.“

Ich seufze und esse mein Eis. Es schmeckt intensiver als jedes Eis, das ich je im Wachen gegessen habe. Süß, fruchtig, mit einer leichten Säurenote, die perfekt ausbalanciert ist.

„Erzähl mir mehr über diesen Ort“, sage ich zwischen zwei Lecks. „Warum bin ich hier? Warum helfe ich anderen Träumern?“

Sie betrachtet mich mit einem seltsamen Blick, halb amüsiert, halb mitleidig. „Du weißt es wirklich nicht? Du bist der Traumwanderer. Der, der zwischen den Welten geht. Du hilfst anderen, weil du selbst einmal festgesteckt hast, in einem Alptraum, der kein Ende nehmen wollte. Bis jemand kam und dir half, den Ausgang zu finden.“

Ich runzele die Stirn. Da ist etwas, eine verschwommene Erinnerung an Dunkelheit, an Angst, an eine rettende Hand. Aber sie entgleitet mir, sobald ich versuche, sie festzuhalten.

„Keine Sorge“, sagt sie, als könnte sie meine Gedanken lesen. „Es wird wiederkommen. Stück für Stück. Erstmal genießen wir das Eis, bevor es schmilzt.“

Wir setzen uns wieder auf die Bank, wo alles begann. Das Eis ist kalt in meiner Hand, ein angenehmer Kontrast zur warmen Luft. Der Straßenmusiker hat wieder angefangen zu spielen, diesmal ein fröhlicheres Lied. Die Melodie schwebt über die Straße wie ein lebendiges Wesen.

„Diese Straße“, sage ich nachdenklich, „sie verändert sich ständig, aber gleichzeitig bleibt sie vertraut. Wie kann das sein?“

„Weil sie aus Erinnerungen geformt ist. Aus deinen, aus meinen, aus denen aller Träumer, die hier durchgekommen sind. Sie ist ein Gemeinschaftswerk, eine kollektive Vorstellung davon, wie eine typische Straße aussehen sollte.“

Ich beobachte, wie ein Radfahrer vorbeiradelt. Sein Gesicht ist deutlicher als das der Kellnerin, aber immer noch nicht ganz scharf. Als würde man durch eine beschlagene Brille schauen.

„Und diese Menschen mit den verschwommenen Gesichtern?“

„Statisten. Hintergrundcharaktere. Sie sind da, um die Illusion einer belebten Welt zu schaffen, aber sie haben keine eigene Geschichte, keine Tiefe.“

„Im Gegensatz zu dir?“

Sie lächelt geheimnisvoll. „Und im Gegensatz zu dir.“

Ich esse mein Eis auf, lecke mir die klebrigen Finger ab. „Wie lange bin ich schon hier?“

„Zeit funktioniert hier anders. Du könntest seit Minuten hier sein oder seit Jahrhunderten. Es spielt keine Rolle.“

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne, taucht die Straße in einen weicheren, gedämpfteren Licht. Die Gruppe von Menschen am Ende der Straße hat sich in Bewegung gesetzt, kommt langsam näher.

„Bist du soweit?“, fragt die grauhaarige Frau. „Der nächste Träumer wartet.“

Ich nicke und stehe auf. Meine Beine fühlen sich jetzt leichter an, beweglicher. Als hätte ich etwas begriffen, das mir vorher noch nicht klar war. Ich bin der Traumwanderer. Das ist meine Aufgabe, mein Zweck hier.

Ein junger Mann löst sich aus der Gruppe und kommt auf uns zu. Er sieht verwirrt aus, verloren. Seine Augen huschen hin und her, suchen nach etwas, das er nicht benennen kann. Er trägt einen Anzug, der zu groß für ihn ist, als hätte er ihn geliehen oder geerbt.

„Guten Tag“, sage ich und strecke meine Hand aus. „Sie sehen aus, als bräuchten Sie Hilfe.“

Er starrt mich an, als könnte er nicht glauben, dass ich real bin. „Ich finde den Ausgang nicht“, sagt er mit zitternder Stimme. „Ich muss zur Prüfung, aber ich kann den Hörsaal nicht finden. Ich laufe und laufe, aber ich komme immer wieder hier an.“

Ich lächle beruhigend. „Ich weiß, wie Sie sich fühlen. Kommen Sie, wir finden einen Weg.“

Die grauhaarige Frau steht im Hintergrund und nickt mir zu. Sie weiß, dass ich jetzt verstehe, was zu tun ist. Ich bin der Traumwanderer, der Führer durch die Labyrinthe des Unterbewusstseins. Ich kenne die vertrauten Straßen der Träume wie meine Westentasche, auch wenn ich mich manchmal selbst darin verirre.

Der junge Mann greift nach meiner ausgestreckten Hand wie ein Ertrinkender nach einem Rettungsring. Seine Finger sind eiskalt trotz der Wärme des Tages.

„Wo ist der Ausgang?“, fragt er noch einmal, seine Stimme ein verzweifeltes Flüstern.

„Er ist genau da“, sage ich und deute auf eine Tür, die plötzlich in der Mauer eines Gebäudes erschienen ist. Eine ganz gewöhnliche Tür, braun, mit einer messingfarbenen Klinke. „Aber bevor Sie hindurchgehen, müssen wir herausfinden, warum Sie immer wieder hierher zurückkehren. Was ist es, das Sie nicht loslassen können?“

Er schaut zu der Tür, dann wieder zu mir, seine Augen weit vor Überraschung. „Die Tür… die war doch eben noch nicht da, oder?“

„In Träumen erscheinen Dinge oft genau dann, wenn man sie braucht“, erkläre ich. „Oder wenn man bereit ist, sie zu sehen.“

Er nickt langsam, als würde er verstehen, obwohl ich sehen kann, dass er es noch nicht ganz begreift. Das ist in Ordnung. Verständnis kommt mit der Zeit, und hier haben wir alle Zeit der Welt.

Die Sonne bricht wieder durch die Wolken, taucht die Straße in goldenes Licht. Ich spüre die Wärme auf meiner Haut, rieche den Duft von frischem Brot aus einer Bäckerei, die ich schwören könnte, vorher noch nicht gesehen zu haben. Die vertrauten Straßen des Traums dehnen sich vor uns aus, voller Möglichkeiten und verborgener Wege.

Und ich bin hier, um den Weg zu weisen. Ich bin der Traumwanderer.

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