In 80 Kapiteln um die Welt

London, England

Ich starre in die Leere der ersten Seite, während der Regen gegen die Fensterscheibe trommelt. Achtzig leere Seiten. Ein bizarres Erbe, das mich anstarrt wie ein hungriges Tier. Die Worte des Notars hallen noch in meinem Kopf nach, mechanisch und leblos wie das Ticken einer kaputten Uhr.

„Alexander Frost, Ihr Großonkel Theodor hinterlässt Ihnen ein Notizbuch mit achtzig unbeschriebenen Seiten und die Verpflichtung, achtzig Orte in achtzig Wochen zu bereisen.“

Mein lachender Großonkel. Tot. Eingeäschert. Zu Staub geworden wie die Zigarettenasche in seinem überquellenden Aschenbecher. Und jetzt bin ich hier, in seiner Wohnung in London-Hampstead, umgeben von verstaubten Büchern und dem Geruch von altem Papier. Die Wände scheinen zu atmen, als wären sie lebendig. Oder vielleicht bin ich es, der nicht richtig atmet.

Achtzig Orte. Achtzig Wochen. Eine mathematische Gleichung, die mein Leben für die nächsten achtzig Wochen definieren soll. Eine Zahl, die in meinem Kopf widerhallt wie ein Echo in einer leeren Kathedrale.

Der Notar – ein Mann mit einem Gesicht so grau wie ein Wintermorgen – überreichte mir einen Umschlag mit einer Liste. Achtzig Städte, achtzig Länder, achtzig Welten. Und ein Bankkonto, das für diese absurde Odyssee eingerichtet wurde. „Die Mittel werden wöchentlich freigegeben, Herr Frost. Eine beträchtliche Summe. Aber nur, wenn Sie sich an den Plan halten.“

Ich lache hysterisch, während ich die Liste betrachte. Tokio, Kairo, Buenos Aires, Reykjavik, Timbuktu – Namen, die auf dem Papier tanzen wie besoffene Schmetterlinge. Orte, die ich mir nie leisten konnte als freischaffender Fotograf, der hauptsächlich Hochzeitsbilder und gelegentlich Porträts für lokale Zeitungen macht.

Außerhalb des Fensters löst sich London in grauen Nebel auf. Die Stadt verschwindet und materialisiert sich gleichzeitig, ein Quantenparadoxon aus Stein und Stahl. Ich blicke auf meine Hände hinab. Sie zittern nicht mehr. Sie haben aufgehört zu existieren, nur um im nächsten Moment wieder aufzutauchen, fremd und doch vertraut wie die Erinnerung an einen vergessenen Traum.

„Die erste Seite muss in London beschrieben werden, bevor Sie abreisen“, hatte der Notar gesagt, sein Mund eine dünne Linie in einem flachen Gesicht. „Eine Reflexion, ein Eindruck, eine Wahrheit. Das war die Bedingung Ihres Großonkels.“

Was für eine Wahrheit soll ich auf diese erste Seite schreiben? Dass ich meinen Großonkel kaum kannte? Dass seine sporadischen Besuche in meiner Kindheit wie Erscheinungen eines Zeitreisenden wirkten? Dass er mir einmal eine Kamera schenkte und sagte: „Sieh genau hin, Alex. Die Welt besteht aus Schatten und Licht, und manchmal ist das Wichtigste das, was du nicht fotografierst“?

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