
Das grüne Tor
Ich stehe wieder hier.
Vor diesem verfluchten Tor. Grün wie die Tiefsee, die alles verschlingt. Meine Finger tasten über das rissige Holz, fühlen sich winzig an unter den Blicken der steinernen Kreaturen, die sich links und rechts in den Säulen winden. Löwen? Drachen? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht wusste ich es nie.
Über mir wirft das runde Fenster sein gleißendes Netz aus Licht und Schatten. Staub wirbelt in der Luft, tanzt lautlos in der schwülen Hitze. Ich rieche nassen Stein, altes Holz, eine Spur von Salz, obwohl das Meer weit weg sein muss.
Der Boden ist noch feucht. Regen? Oder das Weinen des Hauses? Ich sehe mein Spiegelbild in der Lache: verzerrt, flimmernd, als würde es mich aus einer anderen Welt anschauen. Meine Augen wirken müde, fremd. Ich blinzele. Das Spiegelbild nicht.
„Was willst du hier?“ haucht eine Stimme.
Ich drehe mich nicht um. Ich weiß, dass da niemand steht. Das Haus fragt. Immer. Nie laut. Nur so, als Gedanke, den man nicht gedacht hat.
„Antworten“, murmele ich.
Lüge. Wahrheit. Beides.
Ich gehe zwei Schritte zurück, um das Tor ganz zu sehen. Gewaltig. Ornamente ranken sich wie gefrorene Flammen um den Bogen. In der Mitte ein Emblem. Ich habe es oft betrachtet, nie verstanden. Ein Kreis im Kreis. Das Auge, das alles sieht, nichts vergisst.
Die Regeln kenne ich. Jeder Versuch kostet etwas. Beim ersten Mal meine Erinnerungen an Kindheitsträume. Beim zweiten meine Angst. Jetzt frage ich mich, was ich noch habe.
Ich lege die Hand auf den Türknauf. Kalt. Starr. Ein Flüstern fährt durch den Flur.
„Noch nicht.“
Ich ziehe die Hand zurück. Atme. Lausche.
Hinter dem Tor liegt etwas. Ein Ort? Ein Zustand? Ich weiß nur, dass ich ihn finden muss. Und dass ich morgen wiederkommen werde.
Langsam wende ich mich ab. Der Boden knirscht. Das Licht hinter mir erlischt, als ob ich nie da gewesen wäre.
Der Name, der nicht genannt wird
Ich träume in dieser Nacht.
Oder ich wache im Traum. Beides fühlt sich gleich an.
Das grüne Tor steht da, wie immer, doch der Flur dahinter ist nicht leer. Schatten bewegen sich, lautlos, schemenhaft. Ich höre Schritte, die nicht meine sind. Ein Summen liegt in der Luft, tief, vibrierend, als würde der Boden selbst atmen.
Ich taste nach meinem Amulett. Nichts. Weg. Natürlich. Alles verschwindet hier irgendwann.
„Du hast es vergessen.“
Die Stimme ist da. Nicht böse, nicht freundlich. Neutral wie Stein.
Ich sehe ihn. Den Fremden.
Hochgewachsen, Mantel aus einem Stoff, der im Dunkeln schimmert. Wo sein Gesicht sein sollte, nur Leere. Keine Augen. Kein Mund. Nur das blasse, fließende Nichts.
„Wer bist du?“ frage ich.
„Ich bin der, den du nicht benennen darfst.“
„Warum?“
„Weil du dann Teil des Hauses würdest.“
Ich lache trocken. „Vielleicht bin ich das längst.“
Er tritt einen Schritt näher. Ich spüre keine Kälte, kein Atem, doch ich weiß: Er ist realer als alles, was ich je angefasst habe.
„Du willst durch das Tor.“
Ich nicke.
„Du weißt, was es kostet.“
Ich nicke wieder.
„Beim nächsten Versuch wird es dich prüfen.“
„Was will es?“
„Den Kern von dir.“
Ich schlucke. Das Haus kennt keine Gnade. Keine Spiele. Nur Handel.
„Was, wenn ich nicht gehe?“
„Dann bleibst du. Ewig an der Schwelle.“
Der Fremde dreht sich um, verschmilzt mit den Schatten.
„Morgen“, sagt er, „trittst du ein. Oder du vergisst, warum du je kommen wolltest.“
Ich wache auf. Schweißgebadet. Der Geruch von nassem Stein in der Nase. Der Klang von Schritten in den Ohren.
Draußen dämmert es. Ich weiß, wo ich heute hingehen werde.
Die Schwelle
Der Morgen ist zäh wie kalter Honig.
Grauer Nebel hängt schwer in den engen Gassen, tropft von den zerbrochenen Dachrinnen wie vergessene Tränen. Ich gehe. Schritt für Schritt, als könnte ich dem unausweichlichen Ziel entkommen, wenn ich nur langsam genug bin.
Meine Stiefel hinterlassen Spuren im feuchten Schmutz. Wieder diese seltsame Mischung aus Salz, Moos und altem Rauch in der Luft. Fast so, als wäre das Haus näher an mir als ich an ihm.
Ich stehe vor dem Tor.
Grün, majestätisch, gleichgültig.
Heute wirkt es… lauernd. Die Ornamente scheinen sich bewegt zu haben. Als hätten sie sich im Schlaf gereckt und wären erstarrt, als ich kam.
Ich atme flach.
„Ich bin bereit“, sage ich in das Schweigen hinein.
Keine Antwort. Nur mein eigener Puls, laut wie Trommeln in den Ohren.
Ich lege die Hand auf den Türknauf.
Er ist warm.
Das Licht von oben bricht sich im Glasauge, wirft zitternde Muster auf meine Haut. Als würden Finger aus Licht nach mir greifen. Das Wasser auf dem Boden zittert, kräuselt sich, obwohl kein Wind weht.
Ein letztes Zögern.
Dann drehe ich den Knauf.
Das Tor öffnet sich mit einem Laut, der weder Knarren noch Klicken ist. Eher ein tiefes, leises Aufatmen.
Dunkelheit.
Kompakt. Vollständig. Kein Schimmer, kein Weg.
Ich trete ein.
Der Boden unter meinen Füßen ist fest, doch weich wie gepresster Staub. Die Tür fällt lautlos hinter mir zu. Ich drehe mich um: nur Wand, grün und unendlich. Kein Zurück.
Vor mir entzündet sich ein Licht, winzig, schwebend. Es zieht mich an wie ein Magnet, langsam, unausweichlich.
„Willkommen.“
Der gleiche Fremde.
Nur diesmal hat er ein Gesicht. Meines.
Verzerrt. Gebrochen. Lachend.
Das Spiegelzimmer
Ich starre in mein eigenes Gesicht.
Doch es ist nicht meins. Nicht ganz. Die Augen sind tiefer, die Haut porzellanartig glatt, die Mundwinkel zu spitz gezogen. Als hätte jemand mich gezeichnet, aber dabei den Maßstab verrutscht.
Der andere ich – der Wächter, der Doppelgänger – lächelt dünn.
„Du bist weiter gegangen als die meisten.“
Seine Stimme ist meine. Nur dumpfer, als käme sie von weit her.
Ich sage nichts. Worte verlieren hier schnell an Bedeutung.
Der Raum beginnt sich zu verändern.
Wände wachsen in die Höhe, glasartige Oberflächen entstehen aus dem Nichts. Bald bin ich umgeben von Spiegeln. Jeder zeigt mich – und doch nicht mich.
Links: ich als Kind, barfuß, lachend.
Rechts: ich alt, gebeugt, mit Augen, in denen nur noch Nebel wohnt.
Direkt vor mir: ich, jetzt, fremd und verloren.
Ich drehe mich im Kreis.
Die Spiegel flüstern. Keine Sprache. Nur Geräusche, wie Atemzüge, wie das Rascheln von Stoff, wie entfernte Schritte.
Der Wächter tritt näher.
„Das Haus prüft dich. Wer du warst, wer du bist, wer du werden kannst. Wähle, was du mitnehmen willst.“
„Was, wenn ich nicht wähle?“
„Dann bleibst du hier. Eine weitere Spiegelgestalt.“
Mein Herz schlägt schmerzhaft.
Ich weiß: Dies ist kein Test. Es ist ein Handel. Wähle einen Teil von dir und verliere den Rest.
Ich schließe die Augen. Suche.
Was bleibt?
Ein Bild formt sich in meinem Kopf: die Erinnerung an eine Hand, die meine hielt. Wärme. Nähe. Vertrauen.
„Das nehme ich“, flüstere ich.
Der Wächter nickt langsam.
„Dann geh weiter.“
Die Spiegel zerspringen gleichzeitig, lautlos, zu feinem Staub. Nur der Weg vor mir bleibt offen: ein schmaler Gang, dessen Ende in Dunkelheit taucht.
Ich gehe.
Weil ich muss.
Die endlosen Treppen
Der Gang frisst mich auf.
Kein Licht, kein Geräusch, nur mein Atem und das pochende Dröhnen meines Herzens. Die Dunkelheit ist keine bloße Abwesenheit von Licht, sie ist dicht, fast körperlich, als würde sie sich um meine Haut schmiegen.
Plötzlich ein Klicken.
Eine Stufe. Dann noch eine.
Ich stehe vor einer Treppe.
Unscheinbar. Grauer Stein, abgetreten, rissig. Sie windet sich nach oben und unten, ohne Anfang, ohne Ende. Ich lehne mich über das Geländer. Nichts. Nur Schwärze.
„Aufwärts.“
Die Stimme kommt nicht von außen. Sie wächst in meinem Kopf, weich, zwingend.
Ich setze den ersten Schritt.
Der Stein unter meinem Schuh knirscht trocken. Es klingt, als würde ich über Knochen laufen. Ich gehe. Und gehe. Und gehe.
Jede Stufe fühlt sich gleich an. Doch irgendetwas ändert sich.
Die Luft wird dünner. Bitter. Ich rieche Asche, dann kaltes Metall.
Nach einer Ewigkeit – oder vielleicht einer Minute – erreiche ich ein Podest.
Ein einzelner Spiegel hängt an der Wand. Matt, fleckig. Darin sehe ich mich, bleich, mit dunklen Augenringen, wie ein schlechter Abklatsch meiner selbst.
Hinter mir bewegt sich etwas.
Ich drehe mich langsam.
Da steht eine Frau.
Blasses Kleid, das an Nebel erinnert, das Haar lang, dunkel, wie Wasser, das an den Felsen bricht. Ihre Augen sind leer. Sie spricht nicht, aber ich weiß, was sie verlangt: mein Name.
Ich presse die Lippen zusammen.
Der Name ist das Letzte, was ich noch habe.
Die Frau hebt die Hand, deutet auf den Spiegel.
„Sieh.“
Im Spiegel verschwimmt mein Gesicht. Stattdessen erscheinen Bilder: ein Kind auf einer Schaukel, ein altes Haus am Meer, ein zerbrochener Kompass.
Erinnerungen.
Lockstoff.
Ich reiße den Blick los.
„Nein“, sage ich. Leise. Hart. „Nicht jetzt.“
Die Frau verneigt sich langsam, löst sich auf wie Nebel.
Der Weg nach oben liegt wieder frei.
Ich steige weiter.
Weil ich nicht anders kann.
Die Halle der Türen
Ich verliere jedes Zeitgefühl.
Die Stufen hören irgendwann einfach auf. Ohne Warnung. Plötzlich stehe ich auf ebenem Boden, der unter meinen Füßen vage vibriert, als würde tief darunter ein schlafender Koloss atmen.
Vor mir: eine Halle.
Unmöglich groß. Der Blick verliert sich im Dunkel des Gewölbes. Nur der schmale Lichtschein aus dem zerbrochenen Glasauge über mir zeigt mir, was ich sehen soll.
Türen.
Hunderte. Tausende. Eine an der anderen. Klein, groß, prunkvoll, schäbig. Jede aus anderem Material. Manche aus Holz, rissig und von der Zeit gezeichnet. Andere aus blankem Metall, eiskalt glänzend.
Ich trete näher.
Jede Tür hat ein Zeichen, ein Symbol, eine Rune, die ich nicht lesen kann. Doch ich spüre: sie erzählen Geschichten. Sie fordern Entscheidungen.
Hinter mir knarrt es.
Ich weiß, wer da steht.
„Du hast es bis hierher geschafft“, sagt der Wächter.
Er trägt wieder mein Gesicht. Doch diesmal sind seine Züge weich, fast traurig.
„Was ist das hier?“ frage ich.
„Die Halle der Wege.“
„Und?“
„Wähle.“
Ich gehe an den Türen vorbei, lasse die Fingerspitzen über ihre Oberflächen gleiten. Manche fühlen sich warm an, andere beißen mit frostiger Kälte.
Da.
Eine unscheinbare Tür, moosgrün, glatt, ohne Griff. Nur ein winziger Riss zieht sich wie ein Blitz über das Holz. Mein Herz schlägt schneller.
„Warum diese?“
„Das weißt du“, sagt der Wächter.
Ich atme tief durch, lege die Hand auf die Tür.
Das Holz pulsiert unter meinen Fingern. Warm. Lebendig.
Der Wächter nickt.
„Wenn du hindurchgehst, gibt es kein Zurück.“
Ich drücke langsam. Die Tür gibt nach.
Ein Windstoß schlägt mir entgegen, riecht nach Laub, Erde, Salz.
Ich trete hinein.
Der Garten der verlorenen Stimmen
Ich trete ins Licht.
Sanft. Grünlich schimmernd. Es ist, als hätte ich den Ozean betreten, ohne nass zu werden.
Vor mir erstreckt sich ein Garten.
Unwirklich. Wuchernde Pflanzen, wie ich sie nie gesehen habe: Blätter in tiefem Blau, Blüten in leuchtendem Silber, Stämme aus dunklem Glas. Die Luft schmeckt süß und metallisch zugleich.
Ich setze vorsichtig einen Schritt auf den weichen Boden, der bei jeder Berührung fast unhörbar summt.
Links und rechts ragen Bäume auf, deren Äste sich im Wind bewegen – obwohl kein Wind zu spüren ist.
Plötzlich höre ich es.
Flüstern.
„Komm…“
„Bleib…“
„Vergiss…“
Die Stimmen klingen vertraut.
Ich bleibe stehen, das Herz rast.
„Wer seid ihr?“
Stille. Dann, ein Wispern ganz nah:
„Wir sind die, die gingen. Wir sind die, die blieben. Wir sind die Stimmen, die du verloren hast.“
Ich begreife.
Es sind die Stimmen derer, die ich vergessen musste, um weitergehen zu können.
Der Freund aus Kindertagen, dessen Lachen ich nicht mehr hören kann.
Die Stimme meiner Großmutter, die mir Märchen erzählte, bevor sie einfach verschwand.
Die eigene Stimme, als ich noch träumte.
Der Schmerz trifft mich hart, kalt und schneidend.
Ich sinke auf die Knie, die Hände in das flauschige Moos grabend.
„Warum?“ flüstere ich.
„Damit du den Weg finden kannst.“
Ich stehe taumelnd auf, wanke weiter.
Am Horizont sehe ich einen schmalen Steg, der sich zwischen den Pflanzen entlangschlängelt, bis er in Nebel verschwindet.
Die Stimmen begleiten mich leise.
„Geh weiter. Erinner dich nicht. Noch nicht.“
Ich atme tief.
Und gehe.
Der Steg aus Licht
Der Steg scheint keinen Anfang zu haben, kein Ende.
Er schwebt knapp über dem Boden, aus etwas, das wie Licht wirkt und sich doch fest anfühlt.
Ich setze vorsichtig einen Fuß darauf.
Kein Geräusch. Kein Schwanken. Nur Stille.
Der Nebel um mich herum wird dichter. Dunstige Schleier streifen mein Gesicht, kühl und trocken wie Seide. Ich gehe weiter, obwohl ich nichts sehe außer dem schmalen Streifen unter meinen Füßen.
Schritte.
Nicht meine.
Ich halte inne.
Der Nebel teilt sich langsam.
Vor mir steht jemand.
Eine Frau. Oder ein Wesen, das die Gestalt einer Frau angenommen hat. Hager, hochgewachsen, die Haut schimmert blassgrün im Dunst. Ihr Haar fällt in flüssigen Strähnen wie schwarzer Rauch. Ihre Augen sind vollkommen weiß, irislos, bodenlos.
„Du bist weit gekommen“, sagt sie.
Die Stimme klingt wie das Klirren von Eis.
Ich nicke nur. Worte fühlen sich hier falsch an.
„Der Steg prüft dich. Er kennt dein Gewicht. Nicht das deines Körpers, sondern das deiner Zweifel.“
Ich schlucke.
Sie tritt zur Seite, zeigt auf den Weg.
„Wenn du umkehrst, wirst du vergessen. Wenn du weitergehst, wirst du dich selbst verlieren, um dich zu finden.“
Der Nebel reißt kurz auf.
Weit unten, unter dem Steg, sehe ich Schatten in endlosen Tiefen kreisen. Dunkle, formlos gleitende Gestalten, zu fern, um sie klar zu erkennen, und doch spüre ich ihren Blick auf mir.
Ich atme tief.
Dann gehe ich weiter.
Schritt für Schritt.
Der Steg zieht sich ins Unbekannte, und ich folge ihm, weil es keinen anderen Weg gibt.
Das Zimmer der stillen Uhren
Der Steg endet abrupt.
Vor mir eine Tür. Klein, rund, aus poliertem Messing, das sich warm anfühlt, als ich es berühre. Ich drücke sie auf.
Der Raum dahinter verschluckt mich.
Dunkel. Still.
Dann beginnt es.
Ein leises Ticken.
Ich stehe in einem runden Zimmer, von Wand zu Wand gefüllt mit Uhren.
Standuhren, Taschenuhren, Wanduhren, Wecker. Alle ticken sie. Kein Schlag synchron. Ein endloses, nervöses Stakkato, als würde die Zeit selbst atmen und zittern.
Ich gehe langsam.
Vorsichtig.
In der Mitte des Raumes steht ein Tisch.
Darauf: eine einzige, große Sanduhr. Das Glas makellos, der Sand darin schimmert silbern.
Neben ihr liegt ein Zettel.
Nur ein einziges Wort: „Drehe“
Ich zögere.
Der Sand rieselt. Nicht viel. Nur wenige Körner.
Ich weiß, wenn ich sie drehe, wird etwas geschehen.
„Was ist das?“ flüstere ich.
„Deine Zeit.“
Der Wächter ist wieder da, leise, nah.
„Du kannst sie wenden. Doch der Preis ist, dass du nicht weißt, wessen Zeit du nimmst.“
Mir wird schwindlig.
Es ist ein letztes Angebot. Mehr Weg, mehr Antworten – aber auf Kosten eines anderen.
Ich streiche über das Glas. Warm. Glatt.
Dann ziehe ich die Hand zurück.
„Nein.“
Meine Stimme ist heiser, fremd.
„Ich gehe weiter ohne diesen Handel.“
Der Wächter nickt.
Die Sanduhr verdunkelt sich, verschwindet lautlos.
Eine zweite Tür öffnet sich an der gegenüberliegenden Wand.
Schmal. Schwarz. Einladend.
Ich gehe hindurch.
Das Archiv der vergessenen Namen
Der Gang hinter der schwarzen Tür ist eng und krümmt sich wie der Leib einer schlafenden Schlange.
Jeder Schritt hallt gedämpft wider, als würde ich auf weichem Leder laufen.
Dann weitet sich der Raum plötzlich.
Ich trete in eine Halle, so hoch, dass die Decke im Dunkel verschwindet.
Regale.
Unzählige Regale, bis zum Horizont gestapelt. Voll mit Büchern, Rollen, Schachteln. Über allem liegt Staub, schwer wie Asche.
Ich gehe langsam.
Die Luft ist trocken, schmeckt nach altem Papier und Vergessen.
Ein Buch fällt aus einem Regal, lautlos, landet direkt vor meinen Füßen.
Der Einband ist grau, fleckig. Kein Titel.
Ich schlage es auf.
Leer.
„Suche deinen Namen.“
Die Stimme des Wächters ist da, nah und fern zugleich.
Ich gehe weiter, lasse die Fingerspitzen über die Rücken der Bücher gleiten.
Ein Flüstern erhebt sich, wird lauter.
„Alexander… Emilie… Noa… Marek…“
Namen, zahllos, verloren.
Plötzlich spüre ich es.
Ein Buch. Schmal, schwarz, unscheinbar. Ich ziehe es heraus.
Mein Name steht darauf. Der, den ich trug, bevor ich diesen Weg begann.
Ich halte es fest. Das Herz hämmert.
Eine Wahl. Immer wieder.
Behalte ich den Namen – die letzte Klammer an mein altes Ich?
Oder lasse ich ihn hier, werde Teil des Hauses, namenlos, frei?
Meine Hände zittern.
Ich stelle das Buch zurück.
„Nicht jetzt“, sage ich leise. „Noch nicht.“
Der Raum antwortet nicht.
Doch ein schmaler Lichtstreif fällt auf eine verborgene Tür in der hintersten Wand.
Ich gehe darauf zu.
Öffne sie.
Trete hindurch.
Der Flur der stummen Zeugen
Die Tür fällt hinter mir ins Nichts. Kein Geräusch. Kein Echo.
Ich stehe in einem Flur.
Lang. Unendlich lang. Links und rechts in regelmäßigen Abständen: Nischen. In jeder Nische eine Figur.
Menschenähnlich. Aber nicht ganz.
Zu groß. Zu schmal. Zu still.
Sie tragen Mäntel, Roben, Rüstungen, Gewänder aus Stoffen, die unter meinen Blicken zu flirren scheinen. Ihre Gesichter sind verdeckt. Manche von Kapuzen, andere von Masken, die an Fratzen, Tiere, Sterne erinnern.
Ich gehe langsam.
Mit jedem Schritt fühle ich mich kleiner.
Flüsternde Stille umgibt mich.
Kein Laut. Und doch spüre ich: Sie beobachten mich.
Der Wächter erscheint neben mir.
Heute trägt er kein Gesicht. Nur Licht und Schatten.
„Das sind die, die versagt haben“, sagt er ruhig.
„Was?“ Meine Stimme klingt brüchig.
„Sie wollten den Weg gehen, doch sie gaben sich dem Haus hin. Jetzt stehen sie hier. Ewig. Warten. Erinnern.“
Ich schlucke hart.
In einer der Figuren meine ich etwas Vertrautes zu erkennen. Einen leichten Schwung der Schultern, eine Haltung. Ein Spiegel meines eigenen Schattens.
„Was passiert, wenn ich scheitere?“
„Dann wirst du der Nächste sein.“
Ich gehe weiter.
Jede Statue scheint sich ein wenig zu mir zu neigen, kaum merklich, als wollte sie mich warnen oder verhöhnen.
Am Ende des Flurs: eine schmale, ovale Tür aus schwarzem Glas.
Kein Griff.
Ich lege die Hand darauf.
Sie gibt nach.
Dahinter: Dunkelheit. Und der Geruch von kaltem Wasser und altem Holz.
Ich trete ein.
Die Brücke über das Vergessen
Ich stehe am Rand.
Vor mir spannt sich eine Brücke aus verwittertem Holz und rostigem Eisen über einen Abgrund, der ins Nichts fällt.
Kein Boden. Kein Licht. Kein Ende.
Nur Dunkelheit, die atmet.
Der Wind pfeift. Kühl. Schneidend.
Er trägt Stimmen mit sich.
„Bleib…“
„Geh zurück…“
„Du weißt nicht, was dich erwartet…“
Ich balle die Hände zu Fäusten.
Der Wächter tritt aus dem Nebel.
Heute ist er ich. Ganz ich. Jeder Zug, jede Falte, jede Unsicherheit.
„Dies ist der letzte Übergang“, sagt er.
„Was liegt dahinter?“
„Wissen. Wahrheit. Oder der endgültige Verlust. Niemand weiß es, bevor er geht.“
Die Brücke knarrt im Wind.
Ich setze den ersten Fuß darauf. Das Holz gibt leicht nach, hält aber.
Mit jedem Schritt wird der Nebel dichter.
Ich sehe meine Hände nicht mehr, höre nur mein eigenes Atmen, spüre mein pochendes Herz.
In der Dunkelheit flackern Bilder auf:
Momente, die ich verloren glaubte.
Ein Lachen am Fluss.
Der Geruch von Sommerregen.
Ein Gesicht, das ich geliebt und vergessen habe.
Ich bleibe stehen.
Der Wunsch, umzukehren, frisst sich wie Frost in meine Knochen.
„Du kannst zurück“, flüstert der Wächter.
„Nein“, sage ich leise. „Nicht diesmal.“
Ich gehe weiter.
Schritt für Schritt. Jeder kostet Kraft, als würde ich durch dichten Schlamm waten.
Plötzlich: Stille.
Der Wind verstummt. Die Stimmen verklingen.
Ich trete auf festen Stein.
Der Nebel löst sich auf.
Vor mir: ein Tor aus Licht. Riesig. Formlos. Pulsierend.
Ich weiß, was das bedeutet.
Ich atme tief.
Und gehe darauf zu.
Das Tor aus Licht
Das Licht umhüllt mich.
Nicht grell, nicht schmerzhaft. Eher warm, weich, fordernd.
Ich stehe direkt davor.
Das Tor hat keine Form, keinen Rahmen. Es ist einfach da, als Riss in der Realität, als schwebende Grenze zwischen Hier und Dort.
Ich strecke die Hand aus.
Meine Finger verschwinden im Licht, lösen sich auf wie feiner Staub und kehren unversehrt zurück, als ich sie zurückziehe.
Der Wächter ist wieder bei mir.
Sein Gesicht wechselt. Erst meines, dann das des Kindes, das ich war, dann das des Alten, der ich vielleicht werden könnte.
„Das ist dein letzter Schritt“, sagt er.
Seine Stimme klingt schwerer als je zuvor.
„Was erwartet mich dahinter?“
„Niemand weiß es. Manche finden Wahrheit. Andere Erlösung. Manche nur Leere.“
Ich schweige.
Es gibt nichts mehr zu fragen.
„Wirst du mir folgen?“
Der Wächter schüttelt den Kopf.
„Bis hierhin konnte ich dich begleiten. Dort bist du allein.“
Ich nicke langsam.
Es fühlt sich richtig an. Endlich.
Ich gehe einen Schritt nach vorn.
Das Licht fließt über meine Haut, zieht mich hinein, ohne zu zerren.
Bilder tanzen um mich herum.
Sterne, Wasser, Schatten, Erinnerungen, Gesichter.
Mein Name, der einst in den Regalen lag, flüstert mir zum Abschied zu.
„Geh.“
Ich trete durch das Tor.
Es gibt keinen Widerstand.
Kein Schmerz. Keine Angst.
Nur das Gefühl, dass ich endlich angekommen bin.
Jenseits des Tores
Ich falle nicht.
Ich schwebe auch nicht.
Ich bin.
Das Licht verschwindet.
Langsam. Bedächtig.
Ich stehe auf einer weiten Ebene.
Der Boden unter meinen Füßen besteht aus glasartigem Gestein, das das Licht ferner Sterne reflektiert. Kein Himmel. Keine Sonne. Nur Dunkelheit, durchzogen von feinen, leuchtenden Linien, die sich wie Nervenbahnen durch die Landschaft ziehen.
Der Wind ist fort.
Die Stimmen sind fort.
Der Wächter ist fort.
Ich bin allein.
Oder besser: Ich bin endlich nur ich.
Ich gehe los.
Meine Schritte hinterlassen keine Spuren.
In der Ferne erkenne ich Konturen. Fragile Bauten, die an Skelette uralter Tempel erinnern, Bögen, die ins Nichts führen, Säulen, die im Leeren enden.
Ich weiß nicht, wie lange ich laufe.
Zeit spielt keine Rolle mehr.
Dann, plötzlich, stehe ich vor einem See.
Ruhig. Schwarz. Spiegelglatt.
Ich knie mich hin, betrachte mein Spiegelbild.
Kein verzerrtes Gesicht mehr. Keine Masken. Keine Fragmente. Nur ich.
Ich lächle.
Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit fühlt sich das Lächeln echt an.
Aus dem See steigt leise Nebel auf.
Er formt sich zu einem schmalen Steg, der in die Dunkelheit führt.
Ich weiß, was es bedeutet.
Es ist kein Ende.
Es ist ein Anfang.
Ohne Angst, ohne Zweifel betrete ich den Steg.
Jeder Schritt fühlt sich leicht an. Frei.
Hinter mir verblasst die Ebene.
Vor mir öffnet sich etwas Neues.
Ich gehe weiter.
Immer weiter.










